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Hermann Hesse mochte das Kino nicht. Er wollte seine Bücher nicht verfilmen lassen. Der Österreicher Stefan Ruzowitzky hat jetzt trotzdem Hesses Klassiker "Narziss und Goldmund" verfilmt. Ausstattung, Kamera, Montage und Darsteller überzeugen, doch der Stoff selbst wirkt in seiner Thesenhaftigkeit zu sehr aus der Zeit gefallen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Europäische Großproduktion weckt Erinnerungen an „Der Name der Rose“

Die Hermann-Hesse-Verfilmung des Österreichers Stefan Ruzowitzky ist eine europäische Großproduktion: Gedreht in vier EU-Ländern, reich und liebevoll ausgestattet, prunkt „Narziss und Goldmund“mit vielen Schauwerten und satten Bildern. Immer wieder erinnert der Film an „Der Name der Rose“, die über 30 Jahre alte Umberto-Eco-Verfilmung von Jean-Jacques Annaud.

Film „Narziss und Goldmund“ von Stefan Ruzowitzky

Filmstill: Narziss und Goldmund (Foto: Pressestelle, Sony Pictures)
Im Kloster Mariabronn schließen der tiefreligiöse und asketische Narziss (Oskar von Schönfels) und der ungestüme Goldmund (Jeremy Miliker) unverhofft Freundschaft. Zusammen gehen sie durch viele Schuljahre mit strengen Klosterregeln. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Narziss (Sabin Tambrea) hat sich dem Leben in Enthaltsamkeit mit jeder Faser seines Herzens verschrieben. Inzwischen ist er zum Abt aufgestiegen und hochangesehen. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Goldmund dagegen war für das Leben in der Abtei nicht bestimmt. Wegen ungebührlichen Verhaltens wurde er schon früh weggeschickt und war auf sich allein gestellt. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Auf Wanderschaft erlebte Goldmund (Jannis Niewöhner) allerlei Dinge, die ihm im Klosterleben verwehrt geblieben wären. Unter anderem absolviert er eine Lehre zum Bildhauer. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Gerade die Liebe zu Frauen, die ihm das Leben im Kloster unmöglich machte, hält das Herz Goldmunds auf Trab. In Lene (Henriette Confurius) findet er seine große Liebe, die jedoch der Pest wegen nicht von langer Dauer ist. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Als Abt Narziss zu einem großen Fest des Fürsten eingeladen wird, wird er dort Zeuge einer Festnahme von einem übel zugerichteten Mann. Sofort erkennt er seinen alten Freund Goldmund im Verletzten. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Durch eine List gelingt es dem Abt Narziss, den zum Tode verurteilten Goldmund zu befreien. Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen
Narziss will den verlorenen Freund nicht wieder verlieren: Er bietet ihm Arbeit an, um ihn zu halten. Außerdem möchte er alles wissen, was Goldmund in der verstrichenen Zeit erlebt hat. Ihn beschleichen Zweifel, dass er in der Enthaltsamkeit etwas verpasst haben könnte... Pressestelle Sony Pictures Bild in Detailansicht öffnen

Zwei Knaben im Kloster

Erzählt wird die Jungsfreundschaft zweier Kloster-Novizen, die vom Autor Hesse etwas sehr platt „Narziss und Goldmund“ getauft wurden. Der erste ist Bildungsfan und Intellektueller, der andere ein ziemlich geistloser, dafür um so hübscherer Knabe. Der eine bleibt im Kloster, der andere muss in die Welt hinaus. Ihr Leben und Streben, auch ihre Abgründe werden hier erzählt, vor allem in Rückblicken.

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Prachtvolle Wiesen, wohlgeformte Damenbrüste und Männerhintern

„Narziss und Goldmund“ ist ein Film der Schauwerte: von der wohlgeformten, prachtvollen grünen Wiese mit roter Mohnblume und weißer Ziege bis zu den vielen nicht minder wohlgeformten Damenbrüsten und Männerhintern, die hier oft genug ins Bild gerückt werden.

Historische Anspielungen schwer erkennbar

Historisch und von den Anspielungen her dürfte der Film viele Zuschauer überfordern. Wer versteht etwa wirklich, dass es sich um die Pest handelt, wenn vom „Schwarzen Tod“ die Rede ist? Wer erkennt aus zwei Halbsätzen die Schuldzuschreibung für die Pest an den Juden.

Filmstill: Narziss und Goldmund (Foto: Pressestelle, Sony Pictures)
Narziss (Sabin Tambrea) hat sich dem Leben in Enthaltsamkeit mit jeder Faser seines Herzens verschrieben. Inzwischen ist er zum Abt aufgestiegen und hochangesehen. Pressestelle Sony Pictures

Sabin Tambrea überzeugt als Narziss

Die Stärke des Films sind neben Technischem, neben der Kamera und der Montage und der Ausstattung, vor allem die Darsteller: Allen voran Sabin Tambrea als eindringlicher Narziß zwischen Askese und unterdrückter Leidenschaft.

Janis Niewöhner enttäuscht als Goldmund

Janis Niewöhner als Goldmund ist der einzige Schwachpunkt: Ein schöner Jüngling, dessen Kussmund und Hinterteil oft genug vom Film ausgestellt werden, der aber nur zwei mimische Ausdrucksformen kennt.

Filmstill: Narziss und Goldmund (Foto: Pressestelle, Sony Pictures)
Gerade die Liebe zu Frauen, die ihm das Leben im Kloster unmöglich machte, hält das Herz Goldmunds auf Trab. In Lene (Henriette Confurius) findet er seine große Liebe, die jedoch der Pest wegen nicht von langer Dauer ist. Pressestelle Sony Pictures

Prägnanter Kurzauftritt von Jessica Schwarz

Das wird aufgefangen durch die Schauspielerinnen, deren es zahlreiche gibt: Henriette Confurius, Emilia Schüle. Und ein kurzer prägnanter, kaum zweiminütiger Auftritt von Jessica Schwarz stellt manche andere, die man hier viel länger sieht, mit Links in den Schatten.

Hesse-Vorlage wirkt schwülstig

Was den Film trotzdem zu einem insgesamt nicht überzeugenden Werk macht, ist die Hesse-Vorlage selbst. Deren schwülstiger Ton hat sich überholt und erinnert an jene pubertären Jugendzeiten, die längst in die Scham-Ecken der eigenen Biographie verbannt sind.

Herman-Hesse-Update von Stefan Ruzowitzky scheitert

„Narziss und Goldmund“ ist eine reichlich naive Geschichte, die uns heute, auch den viel klügeren Kindern der „Fridays-for-Future“-Generation und ihren älteren Geschwistern, den „Millennials“, nichts mehr zu sagen hat.

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