Gespräch

Jasmin Tabatabai über die Proteste im Iran: Weltweite Solidarität bedeutet sehr viel

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AUTOR/IN
Mareike Gries

Jasmin Tabatabai zählt zu den großen Schauspielerinnen im deutschen Kino und Fernsehen. Ihre Karriere startete 1997 mit dem legendären Film „Bandits“ – viele starke Rollen folgten. Die ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ ist ohne ihr Gesicht und ihre authentische Verkörperung der Ermittlerin Mina Amiri nicht vorstellbar. Eine Krimiserie, die weniger Mord und Totschlag, sondern vielmehr menschliche Schicksale in den Focus rückt. Demnächst ist sie wieder im Tatort zu sehen.

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„Es nimmt mich unglaublich mit, was gerade aktuell im Iran passiert“

Jasmin Tabatabai wurde in Teheran geboren und flüchtete 1978 mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland, wenige Monate vor dem Sturz des Schahs. Die Schicksale der Menschen, die in ihrer Heimat derzeit gegen die herrschende Unterdrückung protestieren und dafür um ihr Leben fürchten müssen, gehen ihr sehr nahe. Öffentlich erklärt sie sich solidarisch mit diesen Menschen.

„Es nimmt mich unglaublich mit, was gerade aktuell im Iran passiert“, sagt Jasmin Tabatabei im SWR2-Gespräch. „Ich würde es gerne eine Revolution nennen, die angeführt wird von iranischen Frauen – weil unglaublich viele Aktivistinnen Tag und Nacht die Nachrichten aus dem Iran über die sozialen Medien verbreitet haben. Ohne diese Schallverstärkung hätte die Islamische Republik unbemerkt von der Weltöffentlichkeit weiter morden können. Denn das ist das, was sie tut.“

Hoffnung, dass sich die Menschen vom Albtraum der Islamischen Rebublik befreien könnnen

Obwohl die Situation für die Menschen unerträglich sei, würden bei ihr doch die positiven Gefühle überwiegen, wenn sie die Bilder der auf den Straßen gegen das autoritäre Regime protestierenden Frauen und Männer sehe, sagt Jasmin Tabatabei:

„Weil sich etwas zum Guten wendet und weil ich auch daran glauben möchte und es auch tue, dass sich die iranischen Menschen befreien können von diesem Albtraum. Denn das ist die Islamische Republik für die Menschen, besonders für die Frauen. Sie werden seit 43 Jahren systematisch entrechtet und gedemütigt.“

„Der Staatsfeind Nr. 1 der Islamischen Republik ist das eigene Volk.“

Jasmin Tabatabai bekommt durch ihr Engagement etliche Zuschriften und führt auch zahlreiche Gespräche – und erfährt dadurch viel darüber, wie die Menschen im Iran fühlen und denken.

„Es ist ihnen unglaublich wichtig, dass endlich, endlich nach all dieser Zeit die Menschen im Ausland tatsächlich begriffen haben, dass die Islamische Republik nicht für die Bevölkerung steht und dass die Menschen dieses Regime nicht wollen“, sagt Tabatabei. „Der Staatsfeind Nr. 1 der Islamischen Republik ist das eigene Volk.“

Iran-Proteste Songs der iranischen Freiheits- und Protestbewegung

Bereits seit dem 16. September 2022 finden im Iran landesweit Proteste gegen die autoritäre Regierung des Staates statt. Bei der Freiheits- und Protestbewegung spielt Musik eine wichtige Rolle. In diesem Kontext sind auf dieser Seite Songs der Bewegung mit Erläuterung und Übersetzung zu finden.

„Alles, was wir tun müssen, ist: hinsehen und aufhören, ihre Unterdrücker zu ermächtigen“

Auch die Tatsache, dass man sich weltweit mit ihnen solidarisiere, bedeute den protestierenden Menschen im Iran sehr viel, erzählt Jasmin Tabatabai:

„Es ist wichtig auch für ihr Selbstwertgefühl. Damit die Welt sieht, wie mutig sie sind, wie tapfer sie kämpfen für fundamentale Menschenrechte und wie sie Teil der Menschheitsgemeinde sein wollen. Alles, was wir tun müssen, ist hinsehen und aufhören, ihre Unterdrücker zu ermächtigen, indem wir weiterhin mit ihnen verhandeln und Geschäfte machen.“

Zum ersten Mal gehen Männer im Iran für die Frauen auf die Straße

Niemand, betont Jasmin Tabatabai gegenüber SWR2, hätte vor vier Monaten geahnt, dass die größte feministische Bewegung – so empfinde sie es – von den iranischen Frauen ausgehen würde. Und es gäbe noch etwas ganz Außergewöhnliches, das die Proteste im Iran charakterisiere:

„Es ist das erste Mal, dass die Männer - die neue Generation der Männer - im Iran auf die Straße gehen und schreien ‚FRAU LEBEN FREIHEIT‘. Zum ersten Mal setzen sich die Männer für die Frauen ein. Und das ist extrem revolutionär!“

Mehr zu den Protesten im Iran

Forum Ayatollah-Dämmerung - Wankt das Regime im Iran?

„Tod dem Diktator“ ist die Parole hunderttausender Frauen und Männer, die seit über zwei Monaten überall im Iran protestieren. Die Protestbewegung will den Sturz des Regimes, koste es, was es wolle. Sind die Tage der „Islamischen Republik“ nach 43 Jahren gezählt? Wird aus der Revolte eine Revolution? Und was käme danach?

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Kunsthalle Göppingen Göppinger Ausstellung „One Step“ – Die Menschen im Iran nicht vergessen!

Im Stadtbild sei die Revolte alltäglich präsent, diese Offenheit zu erleben, sei sehr schön gewesen, berichtet die in Teheran geborene Künstlerin Parastou Forouhar von ihrer Iran-Reise im SWR2-Gespräch. Mit ihrer Göppinger Ausstellung „One Step“ will sie dazu beitragen, dass die Menschen im Iran nicht in Vergessenheit geraten.

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Gespräch Nahost-Expertin Golineh Atai: Westen sollte staatliche Willkür im Iran kritisieren

Die renommierte Nahost-Korrespondentin Golineh Atai fordert mehr westliche Unterstützung der Proteste im Iran. So mache es sich Bundesaußenministerin Annalena Baerbock zu leicht, wenn sie glaube, Gewaltakte gegen Frauen im Iran hätten mit der Religion nichts zu tun, sagt Atai in SWR2. „Von einer deutschen Außenministerin erwarte ich da ganz klare Kritik an staatlicher Willkür, deutlichere Worte und Selbstkritik.“
Im Iran, erklärt Atai, werde „Willkür als Kultur verbrämt“. So werde das Kopftuchgebot als Teil der eigenen Kultur ausgegeben, weil das Regime wisse, „dass Kulturkritik im Westen als eine heikle Sache gilt. Da sind wir sehr sensibel, da wollen wir politisch korrekt sein.“
Die Konsequenz aus der Sicht von Golineh Atai: „Da, wo wir uns eigentlich für Frauenrechte hätten stark machen sollen, haben wir das oft nicht getan, weil wir Angst hatten in Europa, dass wir mit dieser Agenda rechte Kreise unterstützten.“ Das habe auch dazu geführt, die millionenfachen Akte zivilen Ungehorsams im Iran über viele Jahre einfach zu überhören.
Dabei werde im Westen letztlich verdrängt, dass der Iran schon vor der Revolution ein islamisches Land gewesen sei, das Frauen gleichwohl das Wahlrecht, Scheidungs- und Familienrechte oder den Eintritt in Sportstadien gewährt habe. Auch hätten sich Frauen so kleiden können, wie sie das wollten, im Minirock oder im Tschador – und das alles schon damals gegen den Protest der schiitischen Geistlichkeit.
Um auf die Entwicklung im Iran Einfluss zu nehmen, stünden Deutschland und anderen Nationen mehr Instrumente zur Verfügung, als uns bewusst sei, ist Golineh Atai überzeugt. So könne der Iran bis heute über ein Islamisches Zentrum in Hamburg als Außenposten seine Propaganda betreiben. Denkbar seien ein UN-Mechanismus zur Ahndung von Verbrechen des Regimes oder Vermögensbeschlagnahmungen, um die Geldwäsche der Elite des Mullah-Regimes zu unterbinden.
Golineh Atai ist Nahost-Korrespondentin, Studioleiterin des ZDF in Kairo und Autorin des Buches „Iran, die Freiheit ist weiblich“ von 2021.

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Politologe Fathollah-Nejad: Proteste im Iran sind „revolutionärer Prozess“

Bei den Protesten im Iran handele es sich definitiv um einen „revolutionären Prozess“, meint der Politologe Ali Fathollah-Nejad im Gespräch mit SWR2. Im Unterschied zu den bisherigen Protesten stehe hinter den jüngsten Demonstrationen eine breit aufgestellte Bevölkerungsschicht. Ob es zu einem Umsturz kommen kann, sei, wie bei allen revolutionären Prozessen, nicht absehbar. Das Regime verfüge zurzeit noch über die stärkeren Mittel, die Proteste zu unterdrücken. Auch von ideologisch inszenierten Druckmitteln, wie jetzt der Brand im Ewin-Gefängnis in Teheran, dürfte in Zukunft noch viel zu beobachten sein, sieht der Experte voraus. Wichtig sei, die Gespräche über ein weiteres Atomabkommen mit dem Iran einzustellen, denn von diesen Geldern würde nur das Regime profitieren. Und die Mittel würden zur Unterdrückung der Proteste eingesetzt werden.

SWR2 am Morgen SWR2

Musikgespräch Musikjournalistin Franziska Buhre über Musik der Iranerinnen

„Wenn man sich entscheidet, Musik zu machen, braucht man eine besondere Entschlossenheit“. So beurteilt Franziska Buhre das Musikschaffen der Iranerinnen. Im SWR2 Musikgespräch gibt sie einen Überblick der Musik im Iran vor und während der Proteste.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Gespräch „Die Familien von Journalisten haben Angst“: DJV fordert Einbestellung des iranischen Botschafters

„Die Familien haben Angst um ihr Leben, das wird den Journalist*innen der Deutschen Welle gespiegelt“, sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbands (DJV). In Iran lebende Familienangehörigen der Farsi-Redaktion der Deutschen Welle, die kritisch über die Proteste im Lande berichtet haben, werden vom Regime bedroht.

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Mareike Gries