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Matthias Brandt als machtbesoffener Brüllaffe: „King of Stonks“ auf Netflix ist großartige Unterhaltung

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Karsten Umlauf

Wo das schnelle Geld der Börse lockt, ist kriminelle Energie nicht weit. Die Netflix-Serie „King of Stonks“ verpasst der Finanzszene eine Abreibung voll beißenden Spotts: ein Feuerwerk von Pointen, Fremdschämmomenten und collagenhaft ironischen Erklärschnipseln.

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Inspiriert von Wirecard, Cum-Ex und co

Wo das schnelle Geld der Börse lockt, ist kriminelle Energie nicht weit: der Fall Wirecard, Cum-Ex, oder auch die Spekulationen um die Firma Gamestop haben die Serie „King of Stonks“ inspiriert.

Filmstill (Foto: Netflix)
Felix Armand (Thomas Schubert, l.) will ganz nach oben: Er will CEO vom größten FinTech-Unternehmen Europas werden! Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Der überehrgeizige Finanzier will seinem Unternehmen durch Lügen, Betrug und Intrigen zum Erfolg verhelfen und mit dem Börsengang Furore machen. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Doch schon während des Börsengangs fliegt ihm alles um die Ohren: Geldwäsche, Anleger-Täuschung, Internetpornographie. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Während er sich um alles gleichzeitig kümmert, steht sein größenwahnsinniger Chef Magnus (Matthias Brandt) im Rampenlicht. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Und ganz nebenbei verliebt sich Felix auch noch in genau die Frau, von der er sich dringend fernhalten sollte: die Shortsellerin Sheila Williams (Larissa Sirah Herden). Netflix Bild in Detailansicht öffnen
„King of Stonks“ gewann beim Filmfest München den diesjährigen zum ersten Mal ausgelobten Bernd Burgemeister Fernsehpreis für Serien. Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Gierig, narzisstisch, moralvergessen: Die Finanzwelt bekommt ihr Fett weg. Netflix Bild in Detailansicht öffnen

Wirtschaftsteil noch nie gelesen? Das ist auch nicht weiter schlimm. Gut unterhalten wird man bei dem rasanten Tempo, das die Serie von der ersten Minute an den Tag legt, so oder so.

Der CEO ist ein Superarschloch

Es geht um Cable Cash, einen Online-Finanzdienstleister. Die Serie erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel von Programmierer Felix Armand. Er hat die Firma mit seinem Kompagnon Magnus Cramer gegründet und hofft nun, pünktlich zum Börsengang, neben ihm Co-CEO zu werden.

Aber Chef Magnus ist, man kann es nicht anders sagen, ein Bilderbuch-Arschloch. Ein Blender und Hochstapler, der sich als Startup-Superheld aufplustert, als deutschen Elon Musk inszeniert und sich plötzlich nicht mehr an alte Abmachungen erinnert.

Filmstill (Foto: Netflix)
Matthias Brandt als machtbesoffener Brüllaffe in „King of Stonks“ Netflix

Gierig, narzisstisch, moralvergessen

Um halbwegs seriös zu wirken, muss die Firma kurzerhand Kunden erfinden, ihr Geld hat sie bisher nämlich vor allem mit einem Pornoring und der Mafia gemacht. Während Felix versucht, den Laden irgendwie zusammenzuhalten, zum Beispiel kritische Presse zu unterdrücken, hält Magnus sein Gesicht in die Kamera macht windige Ankündigungen oder wälzt Schwierigkeiten auf seinen Kompagnon ab.

Druck bekommen die beiden auch von einer Shortsellerin, also einer aggressive Spekulantin, die sich unter falschem Namen an Felix heranmacht, um Insiderinformationen zu sammeln und dann lukrativ gegen die Firma zu wetten.

Die Kunst dieser Serie ist, das man sie mit wachsendem Vergnügen anschaut, obwohl hier jeder zumindest teilweise abstoßend agiert: gierig, narzisstisch, moralvergessen oder alles zusammen. Startup-Irrsinn trifft deutschen Provinzialismus.

Fantastische Schauspielleistungen

Die Macher von der bild und tonfabrik, die auch das Neo Magazon Royale von Jan Böhmermann groß gemacht haben, hauen einem ein Feuerwerk von Pointen, Fremdschämmomenten und collagenhaft ironischen Erklärschnipseln um die Ohren. Helmut Dietl hätte wohl seine helle Freude daran gehabt.

Auch daran, dass am Ende gerade noch rechtzeitig den großartigen Schauspieler*innen die Bühne überlassen wird: Bibiana Beglau, Eva Löbau, Altine Emini in fantastischen Nebenrollen, Lariss Sirah Herden, Thomas Schubert und Matthas Brandt an der Spitze des Casts. Brandt kennt und liebt man für seine ruhig tiefgründigen Charaktere. Hier dreht er so richtig auf, als machtbesoffen proletiger Brüllaffe.

Die Vorstellung, dass solche oder so ähnliche Typen tatsächlich an irgendwelchen Schalthebeln sitzen, macht die wahre Dramatik dieser Serie aus. Mit „King of stonks“ bekommt die Finanzszene eine Abreibung voll beißenden Spotts, die sie sich aber auch redlich verdient hat.

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