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„Die Wannseekonferenz“ von Matti Geschonneck in der ZDF Mediathek — NS-Massenmord als bürokratischer Akt

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15 Männer beschließen die „Endlösung der Judenfrage“. Geschehen am 20. Januar 1942 in einer Berliner Villa bei der berüchtigten „Wannseekonferenz“. Der beklemmende Film von Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt überzeugt durch seine Zurückhaltung: Keine Naziklischees, stattdessen erschreckend sachliche Besprechungsatmosphäre. Hier wurde Machtpolitik betrieben und die Räder der Vernichtungslogistik geschmiert.

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Im Stil einer Abteilungsleitersitzung

Dieser Film ist schwer zu ertragen. Und das ist gut so. Denn wie sollte es auch leicht oder einfach unterhaltsam sein, wenn 15 Männer in geradezu zivilisiertem und reflektiertem Ton über millionenfachen Mord reden? Und das in einem Stil, der an eine Abteilungsleitersitzung in der freien Wirtschaft erinnert.

Filmstill (Foto: ZDF)
Peter Jordan spielt Gauleiter Alfred Meyer, der unter anderem Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete war. ZDF

Karriere-Nazi Reinhard Heydrich

Philipp Hochmair ist Reinhard Heydrich, der Karrierenazi mit einem Masterplan im Kopf und mit Samt in der Stimme. Hinter der verbirgt sich aber das harte Machtkalkül, die Fäden der ganzen Tötungsorganisation in die eine, eigene Hand zu bekommen.

Filmstill (Foto: ZDF)
Philipp Hochmair über seine Figur Reinhard Heydrich: „Ich habe über Wochen viele Dokumentationen angeschaut, um die Täterperspektive verstehen und als Schauspieler einnehmen zu können. Verstehen heißt aber in dem Fall ganz klar nicht verzeihen! “ ZDF

Europas Juden „wegarbeiten“

Der Film mit Godehard Giese, Thomas Loibl und Jakob Diehl schildert die 90-minütige Konferenz, er wirkt aber auch gerade durch die Gespräche am Rande, die kleinen Allianzen, die sich bilden, sehr authentisch. Wohlgemerkt, es gibt zwischen den Vertretern von Partei, Gestapo oder Leuten von der Ostfront keine Diskussion über die Frage, ob es richtig ist oder nicht, Frauen, Kinder und alte Menschen umzubringen. Und die Arbeitskraft der gesunden jüdischen Männer so lange auszunutzen bis sie entkräftet sterben oder auch getötet werden. Sie sind sich einig in dem Ziel, möglichst viele europäische Juden, wie es im Jargon heißt, „wegzuarbeiten“.

Filmstill (Foto: ZDF)
Godehard Giese (Dritter von li.) über seine Figur Wilhelm Stuckart: „Mein Hauptaugenmerk lag darauf, die kruden Rassenideen, die Wilhelm Stuckart selbst in den Nürnberger Rassengesetze mitformuliert hat, nachzuvollziehen und seine Gedankengänge so klar wie möglich zu erfassen. Dabei war Matti und mir wichtig, dass wir ihn nicht als einen Menschen zeigen, der einen inneren moralischen Konflikt hat.“ ZDF

Welches Recht gilt noch?

Meinungsverschiedenheiten gibt es wohl. Zum Beispiel mit dem Verwaltungsjuristen Wilhelm Stuckart aus dem Innenministerium, einem der Verfasser der Nürnberger Rassegesetze. Über die Frage, ob man sich bei alldem überhaupt noch an das Recht gebunden fühlt bzw. ob der Staat weitere Schlüsselkompetenzen an die SS abtreten sollte.

In der Wannseevilla herrscht gediegene Atmosphäre, alles ordentlich, alles: ohne Emotion. Das ist vielleicht die Quintessenz dieses wichtigen Films von Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt, der ganz bewusst auf jegliche Musik verzichtet, weil sie möglicherweise manipulativ stimmungsbildend und verharmlosend wirken könnte.

Kalte Todeslogistik macht diesen Film so beeindruckend

Das Monströse der Wannseekonferenz ist ihre kalte Todeslogistik. Sie drückt sich in Zugfahrplänen aus, Waggonbelegungszahlen oder Windrichtung-Berechnungen. So hält man sich den Tod vom Leib. Die Erinnerung daran ist essentiell, damit diese und ähnliche Sprachhülsen nicht einfach so in der Weltgeschichte herumliegen. Und von späteren Generationen in menschenverachtender Weise wieder aufgegriffen werden.

„Die Wannseekonferenz“ von Matti Geschonneck in der ZDF Mediathek und am 24.1. im ZDF

Gesellschaft Nicht eine, sondern viele Verabredungen zum Völkermord: 80 Jahre Wannsee-Konferenz

Die Wannsee-Konferenz gilt weithin als der Beginn der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Aber bereits Jahre zuvor, spätestens mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Osteuropa, wurden Jüdinnen und Juden und andere, von der NS-Ideologie markierte Gruppen ausgelöscht, deportiert und zur Zwangsarbeit gezwungen. Bedrückend an dem überlieferten Protokoll der Wannsee-Konferenz ist besonders die bürokratische Gründlichkeit, die dem Beschluss zum Völkermord anhaftete. Aus Sicht der historischen Forschung ist die Wannsee-Konferenz aber weniger der zentrale Startpunkt der Verfolgung als vielmehr ein Kampf um Machtfragen beim Holocaust. Denn beschlossen, geplant und in Betrieb war die Tötungsmaschinerie zu diesem Zeitpunkt längst, kommentiert Rainer Volk.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Eindrucksvoller ZDF-Film, enttäuschendes Berlinale-Programm | 20.1.2022

Zum 80. Jahrestag der Wannseekonferenz bringt das ZDF einen Fernsehfilm heraus, der es in sich hat. Die Feuilletons sind begeistert von Matti Geschonnecks Mut und seiner Meisterschaft, die monströse Endlösung der Judenfrage als leises Bürokraten-Kammerspiel zu inszenieren.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Gedenken an die Wannsee-Konferenz – systematische Organisation des Holocaust

Es war eine Planungskonferenz, deren Inhalt sich heute nur schwer in Worte fassen lässt: In einer Villa am Berliner Wannsee planten 1942, mitten im zweiten Weltkrieg, 15 Spitzenbeamte der Nazis die Vernichtung aller Juden, die man in Gefangenschaft genommen hatte. Minutiös planten die Männer logistische Fragen wie den Abtransport und die Verteilung über „Durchgangsghettos“ bis zur Ermordung in den Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau. 50 Jahre nach der Konferenz eröffnete in der Villa eine Holocaust-Gedenkstätte. Für Dan Diner, Historiker von der Alfred Landecker Foundation in Jerusalem, nach wie vor einer der wichtigsten Gedenkorte überhaupt. „Das Dramatische an der Wannseekonferenz ist nicht, dass dort die Entscheidung für den Holocaust getroffen worden wäre“, sagt er. Vielmehr sei die „Endlösung“, die den Nazis vorschwebte, auf ein höheres, organisatorisches Level gehoben worden. Führende Köpfe wie Reinhard Heydrich nahmen das Zepter in die Hand und plante den Mord an Millionen Menschen, um politische Karriere zu machen. Und das, obwohl der Holocaust dem Dritten Reich mehr geschadet als genutzt habe, sagt Diner. „Die Nazis wollten den kollektiven, absoluten Tod aller Juden, die im Einflussbereich der Wehrmacht lebten. Ein Tod, dessen rationale Bedeutung im Sinne der deutschen Kriegsführung nicht erkennbar war; etwas, das man als gegen-rational bezeichnen muss.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Archivradio zum Eichmann-Prozess

Archivradio-Gespräch Adolf Eichmann in Jerusalem (1/2) – Der Massenmörder vor Gericht

Adolf Eichmann lässt als SS-Obersturmbannführer Millionen Juden deportieren. Nach dem Krieg taucht er unter. Mossad-Agenten fassen ihn 1960 in Argentinien. In Israel wird er 1961 zum Tod verurteilt.  mehr...

SWR2 Wissen: Archivradio SWR2

23.5.1960 Israel gibt Festnahme Adolf Eichmanns bekannt

Am 23. Mai 1960 gibt Israels Premierminister David Ben Gurion die Verhaftung Adolf Eichmanns bekannt. Der israelische Geheimdienst Mossad hatte den Organisator des Massenmords an den Juden in Argentinien aufgespürt, entführt und nach Israel gebracht.  mehr...

15.12.1961 Todesurteil gegen Adolf Eichmann

15.12.1961 | Vor der Urteilsverkündung äußert sich Adolf Eichmann vor dem Gericht in Jerusalem in seinem Schlusswort. Es ist der 13. Dezember 1961. Zwei Tage später, am 15. Dezember 1961, verkündet das Gericht schließlich das Todesurteil, vollstreckt im darauffolgenden Jahr: Adolf Eichmann wurde in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 durch Hängen hingerichtet.  mehr...

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