Filmkritik Maria Stuart von Josie Rourke

Von Julia Haungs

Die schottische Königin Maria Stuart gehört zu den berühmtesten Frauen der Weltgeschichte. Das Kino hat sich bislang vor allem ihrer Gegenspielerin, der englischen Königin Elisabeth I., gewidmet. Jetzt erzählt ein Historiendrama den Kampf um Englands Thron aus der Perspektive Maria Stuarts. Ein feministisches Epos mit Saoirse Ronan in der Titelrolle.

Weltpolitik ist Männersache

Weltpolitik wird vor allem von Männern gemacht. Und schafft es doch mal eine Frau nach ganz oben, dann ist die Wut der weißen, alten Männer groß. Das gilt 2019 und noch viel mehr 1561.

Nach nur einem Jahr als Königin von Frankreich kehrt Maria Stuart als Witwe zurück nach Schottland. Widerwillig übergibt ihr Halbbruder James der 19-jährigen Katholikin die Herrschaft.

Intrige zur Entmachtung der jungen Königin

Die Protestanten am Hof zetteln sofort Intrigen zu ihrer Entmachtung an. Über einen geeigneten Ehemann versuchen alle Seiten Einfluss über die unerfahrene Königin zu gewinnen, einschließlich der englischen Königin Elisabeth I.

Sie weiß, dass ihre schottische Cousine nicht ganz zu Unrecht Anspruch auf ihren Thron erhebt. Deswegen schickt sie Maria ihren Gespielen als Heiratskandidaten.

Allein unter Männern

Auch Elisabeth ist eine Frau allein unter Männern, die alle glauben am besten zu wissen, wie Englands Krone für den Protestantismus zu sichern ist: durch einen Erben. Aber dazu müsste sich die Königin erst einmal entschließen zu heiraten. Doch sie weiß genau, dass ein Mann an ihrer Seite sofort selbst nach Macht streben würde.

Kinostart 17.01. Maria Stuart von Josie Rourke

Im Kindesalter wurde die Katholikin Maria Stuart (Saiorse Ronan) als Waise zu ihrer Sicherheit nach Frankreich geschickt, wo sie heiratete. Als ihr Mann früh verstirbt, kehrt die einstige Königin Fran (Foto: upi Media -)
Im Kindesalter wurde die Katholikin Maria Stuart (Saiorse Ronan) als Waise zu ihrer Sicherheit nach Frankreich geschickt, wo sie heiratete. Als ihr Mann früh verstirbt, kehrt die einstige Königin Frankreichs in ihre Heimat Schottland zurück. upi Media - Bild in Detailansicht öffnen
Maria Stuart möchte in Schottland rechtmäßig den Thron beanspruchen, was einen Machtkampf mit ihrer Cousine, Königin Elisabeth I., entfacht. upi Media - Bild in Detailansicht öffnen

Kinodebüt der Theaterregisseurin Josie Rourke

Mit dem bildgewaltigen Kostümdrama "Maria Stuart" gibt die renommierte Theatermacherin Josie Rourke ihr Kinodebüt. Sie inszeniert das Duell der beiden außergewöhnlichen Frauen als Politthriller und Schwesterndrama.

Unterschiedliche Strategien

Zwei Seelenverwandte, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, dann aber entgegengesetzte Strategien wählen, um sich in einer patriarchalischen Welt durchzusetzen. Maria verheiratet sich notgedrungen, um einen Erben zu produzieren.

Altbekanntes Problem weiblicher Führungskräfte

Elisabeth nimmt stattdessen selbst immer männlichere Züge an. Ihre Weiblichkeit verschwindet unter dicken Schichten eines maskenhaften, weißen Make-Ups.

Netzwerken oder Powern?

Der Film beschreibt eine Situation, die Frauen in Führungspositionen auch heute noch kennen: müssen sie für den Erfolg agieren wie Männer oder sollten sie nicht mehr auf weibliche Netzwerke setzen? Maria Stuart beschwört Elisabeth, letzteres zu tun.

In Hassliebe verbunden

Saoirse Ronan als zarte, sinnliche Maria mit enormer Willenskraft und Margot Robbie als verhärmte, einsame Elisabeth tragen diesen Film. Sein emotionaler Höhepunkt: das Treffen der beiden in Hassliebe verbundenen Königinnen.

Rourke inszeniert traumartig, ein Versteckspiel zwischen den Tüchern eines Waschhauses. Erst ganz zum Schluss stehen sich die Kontrahentinnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Für einen Moment scheint die Versöhnung möglich zu sein.

Doch dieses Treffen hat es in Wahrheit nie gegeben. Bis zu Marias Enthauptung 1587 sind sich die Beiden wohl nie begegnet.

Drehbuch von House of Cards-Schreiber Beau Willimon

Das Drehbuch des House of Cards-Schreibers Beau Willimon stützt sich auf die Stuart-Biographie des britischen Historikers John Guy. Das Bild, das er von Maria Stuart zeichnet, hat wenig mit dem gattenverschleißenden Vamp zu tun, als den man sie bis heute wahrnimmt.

Mit seinem Buch will er belegen, wie die männliche Geschichtsschreibung und Fiktionalisierung eine Frau diskreditiert haben, die vielen in ihrem Machtstreben unheimlich war. Der Film gibt eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre, wenn sich die beiden Frauen zusammengeschlossen hätten. Eine faszinierende Vorstellung.

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