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„Marek Edelman ...and there was love in the Ghetto“: Kino-Doku zur Macht der Gefühle

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AUTOR/IN
Julia Haungs

Marek Edelman war einer der Anführer des jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto. Kurz vor seinem Tod 2009 schrieb er ein Buch über die Liebe im Ghetto. Die Filmemacher Andrzej Wajda und Jolanta Dylewska haben daraus ein Dokudrama gemacht: „Marek Edelman … and there was love in the Ghetto”.

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„Moment der Leidenschaft inmitten des Elends“

Die Liebe – es gab sie auch im Ghetto. Zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Freunden und Fremden. Liebe – das hieß inmitten des Elends einen Moment der Leidenschaft erleben, die Todesangst in einer Umarmung vergessen, durch die liebenden Augen eines Anderen die Menschwürde wiederzuerlangen, die die deutschen Besatzer den Ghettobewohnern genommen hatten.

Filmstill (Foto: Pallas Film)
"Warum fragt mich niemand, ob es im Ghetto Liebe gab? Warum interessiert das niemanden?". So fragte Marek Edelmann, Widerstandskämpfer und letzter Anführer des Warschauer Ghettoaufstandes, kurz vor seinem Tod im Jahr 2009. Pallas Film Bild in Detailansicht öffnen
Episodenhaft erzählt Marek Edelman in einer Interview Situation aus seinen Erinnerungen, Erfahrungen und Fantasien von der Liebe unter Menschen, die er aus erster Hand kannte, Freunde, Mitarbeitern und Kollegen. Pallas Film Bild in Detailansicht öffnen
Traumhaft anmutende Sequenzen sowie Archivmaterial aus der damaligen Zeit verleihen der Erzählung eine visuelle Ebene und nehmen den Zuschauer auf eine sehr persönliche und emotionale Reise in die Welt der Liebe im Ghetto mit. Pallas Film Bild in Detailansicht öffnen
In diesem Film beantwortet er genau diese Frage: "Es gab das Gute und das Schöne in der Hölle des Ghettos. Und es gab auch die Liebe. Das war der größte Schatz, größer noch als das Leben selbst. Starke, bedingungslose Liebe, bei der man bereit ist, das größte Opfer zu bringen und sich einem anderen Menschen ganz hinzugeben. Mit Leib und Seele." Pallas Film Bild in Detailansicht öffnen
Das Regieteam Andrzej Wajda und Jolanta Dylewskaie haben aus den Erinerungen von Marek Edelman einen Film fürs Kino gemacht. Nachdem er auf mehreren Festivals gezeigt wurde aber sich kein deutscher Verleih gefunden hat, läuft er bisher leider nur im Berliner Klick Kino. Pallas Film Bild in Detailansicht öffnen

Liebesgeschichten aus dem Warschauer Ghetto

In langen Interviewpassagen erinnert sich der 90-jährige Marek Edelman an Liebesgeschichten aus dem Warschauer Ghetto. An solche, die er selbst erlebt oder bei Freunden und Kollegen beobachtet hat. Der jüdische Widerstandskämpfer war damals Anfang 20 und arbeitete als Bote im Kinderkrankenhaus.

Für ihren filmischen Essay haben das Regieteam Andrzej Wajda und Jolanta Dylewska historische Aufnahmen mit traumartigen Spielfilmelementen gemischt. Kurz blitzt auch das heutige Warschau immer wieder auf. Von der einstigen Ghetto-Mauer sind nur noch ein paar Reste übrig. Sie erinnern daran, dass die Nationalsozialisten hier Anfang der 1940er Jahre hunderttausende Juden zusammenpferchten und für den Transport in die Vernichtungslager sammelten.

Filmstill (Foto: Pallas Film)
Episodenhaft erzählt Marek Edelman in einer Interviewsituation im Film aus seinen Erinnerungen, Erfahrungen und Fantasien von der Liebe unter Menschen, die er aus erster Hand kannte. Pallas Film

Erinnerungen wie Schatten der Vergangenheit

Zwischen diesen Ruinen schweben Edelmans Erinnerungen wie Schatten der Vergangenheit: An Dola, die bildschöne jüdische Krankenschwester, die eine leidenschaftliche Affäre mit einem volksdeutschen Kommissar beginnt.

An die Ärztin Tenenbaum, die eine der rettenden Lebensnummern erhält, aber Selbstmord begeht, um die Nummer an ihre Tochter zu geben. Oder an das ungleiche Paar, das sich in einer verzweifelten Nacht findet und am Morgen übersprudelnd vor Glück durchs Ghetto flaniert.

Alle Geschichten Edelmans enden mit dem Tod

Die Liebe entfaltet eine große Macht unter diesen widrigen Lebensbedingungen. Im Grunde ist sie das Einzige, was den halb verhungerten, hoffnungslosen Menschen Kraft zum Weiterleben gibt. Zumindest für kurze Zeit. Denn alle Geschichten Edelmans enden mit dem Tod.

Am gefürchteten Umschlagplatz muss er 1942 zusehen, wie 300.000 Juden des Ghettos in die Waggons nach Treblinka getrieben werden. Unter den vielen bewegenden Geschichten berührt eine besonders: die der jungen Erzieherin Hendusia Himmelfarb. Das blonde, blauäugige Mädchen entschied sich, die ihr anvertrauten Kinder des Sanatoriums ins Vernichtungslager zu begleiten. 

Letztes Projekt für Andrzej Wajda

Für Andrzej Wajda, den großen Chronisten der polnischen Geschichte, war dieser Film eines der letzten Projekte vor seinem Tod 2016. Dass Jolanta Dylewska und er die Liebesgeschichten der Ghettobewohner in diesem Film bewahrt und ihnen eine poetische Form gegeben haben, ist großartig.

Dass sich dafür kein deutscher Verleih gefunden hat, traurig. So startet dieser sehenswerte Film vorerst nur in einem einzigen Kino: dem Berliner Klick Kino.

Trailer „Marek Edelman .. and there was love in the Ghetto“

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