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Der große Komponist als revolutionärer Geist: Niki Steins ARD-Film „Louis van Beethoven“

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Das Beethovenjahr ist wegen Corona nicht so üppig ausgefallen wie geplant. Aber braucht es wirklich noch einen Beethoven-Spielfilm? „Louis van Beethoven“ geht souverän über die Frage hinweg, denn der Film von Niki Stein konzentriert sich auf drei weniger beleuchtete Lebensphasen: das Kind, den jungen Mann und den alten, verbitterten und dennoch geistig immer noch sehr wachen Komponisten (gespielt von Tobias Moretti).

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Erinnerungen eines verbitterten, tauben Mannes

Früh übt sich, was ein Wunderkind werden soll. Unter strenger Aufsicht des ehrgeizigen Vaters übt der kleine Ludwig, der manchmal auch Louis genannt wird, auf dem schon ziemlich runtergespielten Hammerklavier. Mozart ist das Vorbild. Verbunden mit der Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg. Beträchtliches Talent hat er, keine Frage.

Knapp 50 Jahre später sitzt der nahezu taube Beethoven bei seinem Bruder auf einem Landsitz in Österreich: durch die 9. Sinfonie ist er unsterblich geworden, trotzdem plagen ihn Geldsorgen. Seine späten Kompostionen, die Streichquartette und die große Fuge müssen fertig werden. Aber ihre Radikalität, gepaart mit seiner aufbrausenden Art, bringen Musiker zur Verzweiflung.

"Louis van Beethoven" von Niki Stein (Foto: ard-foto s2-intern/extern, ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek)
Der achtjährige Ludwig van Beethoven (Colin Pütz) ist ein musikalisches Wunderkind. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
In der Residenzstadt Bonn sorgt er mit seinem Können für Aufsehen. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Der Schauspieler Pfeiffer (Sabin Tambrea) prägt den Jungen. Er nimmt ihn unter seine Obhut und gibt ihm den Mut, als Künstler und Mensch seinen eigenen Weg zu gehen. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Ein paar Jahre später verliebt sich Beethoven (Anselm Bresgott) in Eleonore von Breuning (Caroline Hellweg), auch wenn er weiß, dass er nicht ihrem Stand entspricht. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Er zieht schließlich nach Wien, wo er Wolfgang Amadeus Mozart aufsuchen will, den er sehr bewundert. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Bei seinem großen Vorbild Mozart (Manuel Rubey) nimmt er Kompositionsstunden. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Schon bald ist er selbst ein berühmter Komponist. Obwohl Beethoven (Tobias Moretti) mit 57 Jahren fast taub ist, komponiert er weiter. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Immer wieder kommt es zu Konflikten mit Beethovens Bruder Johann (Cornelius Obonya), dem Ludwig vorwirft, dass er seine Musik unter Wert verkauft. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen
Beethoven vereinsamt zunehmend und seine finanziellen Sorgen werden immer größer. ard-foto s2-intern/extern ARD Degeto/WDR/ORF/EIKON Media / Dusan Martincek Bild in Detailansicht öffnen

Fokus auf Kindheit und Jugend Beethovens

Der Film „Louis van Beethoven“ erzählt das Leben in Rückblenden, als Erinnerungen des verbitterten, tauben, aber geistig immer noch sehr wachen Mannes. Interessant daran ist, dass die sogenannte heroische Phase, seine großen Erfolge in Wien, ausgespart werden. Stattdessen konzentriert sich der Film auf die Kindheit in Bonn und die Zeit als junger Mann. Das Ziel: Die Entstehung eines revolutionären Geistes zu zeigen, geprägt von den Ideen der Aufklärung und gepaart mit der Bereitschaft, Freiheit und Gleichheit auch konsequent als gesellschaftliches Ideal zu denken.

„Wer dieses Leben erzählen will, muss lügen oder dichten“ hieß es Anfang des Jahres in einer großen Zeitung über die Vita von Beethoven – weil vieles gerade aus der frühen Zeit in Bonn nicht verbrieft und fast alles von der Rezeption der letzten 200 Jahre überlagert ist.

Sympathische Besetzung mit Tobias Moretti als älterem Beethoven

Nun, Regisseur und Autor Niki Stein dichtet auf jeden Fall ein bisschen mehr als dass er lügt – über eine junge unerreichte Liebe zum Beispiel oder über ein angebliches Treffen mit dem großen Mozart.

Insgesamt funktioniert das vor allem durch die sympathische Besetzung: der unerschrocken freche Colin Pütz, der hemdsärmelig beseelte Anselm Bresgott und vor allem Tobias Moretti als desillusioniert ungeduldiger, reifer Komponist komplettieren den dreifachen Beethoven.

Immer wieder eilt die Musik zur Hilfe

Der Film macht es einem anfangs nicht leicht, er springt rastlos zwischen den Zeiten und Orten, als wolle er ein Beethoven'sches Streichtrio mit seinen scharfen Kontrasten und den unruhigen Wechseln des Charakters nachbilden. Dabei verliert er sein Thema, den roten Faden manches Mal aus den Augen. Zu Hilfe eilt glücklicherweise immer wieder die Musik, mit der der Film vorbildlich umgeht.

„Louis van Beethoven“ kratzt nur ein bisschen am Mythos. Der Film zeigt den großen Komponisten dennoch von einer unbekannten nahbaren Seite: nicht als genialischen Grübler, sondern mit rheinischem Singsang, durchdrungen von Freiheits- und Kunstidealen. Und er endet im Bewusstsein, dass die Musik und ihr humanistisches Erbe jede noch so erzählenswerte persönliche Episode überstrahlt.

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