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Locarno-Retrospektive: Douglas Sirk, der Meister des Melodrams

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Rüdiger Suchsland

Douglas Sirk, am 26. April 1897 in Hamburg als Detlef Sierck geboren, begann seine Regiekarriere zunächst in Goebbels' NS-Kino der Ufa. Mit seinen Filmen machte er Zarah Leander zum Star des Dritten Rechs. Nach der Emigration wurde Douglas Sirk in den 1950er Jahren in Hollywood der König des Melodrams.

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Am 26. Dezember 1937 setzte sich Detlef Sierck mit wenig Gepäck und seiner zweiten Ehefrau Hilde, einer Jüdin, in einen Zug. Erst seit kurzem hatte das Ehepaar seine Reisepässe wieder erhalten. Sie brauchten sie, weil Sierck auf den Kanarischen Inseln „La Habanera" gedreht hatte.

La Habanera, Deutschland 1937, Regie: Douglas Sirk, Darsteller: Zarah Leander, Karl Martell (Foto: dpa Bildfunk, dpa)
„La Habanera" war Siercks achter Film im Dritten Reich und sein bedeutendster. Ein Herzschmerz-Melodram mit Zarah Leander in der Hauptrolle. In den Jahren zuvor hatte Sierck die schwedische Schauspielerin zu dem Star des Dritten Reichs gemacht. dpa

Aus Detlev Sierck wurde Douglas Sirk, König des Hollywood-Melodrams

Über Umwege kam das Paar nach Amerika: Aus Detlev Sierck wurde Douglas Sirk, und aus dem Regisseur, der Goebbels' Kino Gefühle einhauchte, wurde der König des Hollywood-Melodrams. Die 1950er Jahre waren Sirks große Zeit.

Für das klassische Hollywood war es bereits eine Spätzeit. Es waren die Jahre, in denen Hollywood durch das neu aufkommende Medium Fernsehen existentiell bedroht wurde. Kino musste sich neue Alleinstellungsmerkmale suchen, nachdem das nur bewegte Bild dies nicht mehr war.

Written On The Wind (1956) Lauren Bacall, Rock Hudson (Foto: dpa Bildfunk, dpa)
Als „der freizügigste Film der je gemacht wurde" vermarktete des Universal Studio 1956 „In den Wind geschrieben" mit Laureen Bacall und Rock Hudson. dpa

Der „freizügigste Film der je gemacht wurde"

Diese Alleinstellungsmerkmale hießen außer Stars, die es auch im Fernsehen zunehmend gab, vor allem Farbe und große Leinwand. Gegen Breitwand in Technicolor konnte die kleine Flimmerkiste in der Ecke des Wohnzimmers nicht ankommen.

Also setzte man viel auf Kamera, auf Production Design, auf Dekor. In dieser neuen Welt der Oberflächen und der Form bewegte sich Douglas Sirk wie ein Fisch im Wasser. Das zweite wesentliche Unterscheidungsmerkmal war es, erwachsene Filme zu machen,  Filme mit einem expliziten Inhalt mit Sex und unpuritanischer Moral.

 Douglas Sirk zog Frauen und Männer ins Kino

Sirk machte nicht nur Filme über Frauen, sondern auch für ein Frauenpublikum. Es ging um Gefühle, Sehnsucht, Ehekrisen, Einsamkeit, Fremdgehen oder den Wunsch nach Liebe über Klassen- und Rassegrenzen. Und Sirk ging noch weiter: Er zeigte Frauen die nicht mehr jung waren, sondern reif und erwachsen.

Duell in den Wolken, (The Tarnished Angels) USA 1957 (Foto: dpa Bildfunk, dpa)
Duell in den Wolken, (The Tarnished Angels) USA 1957 s/w, Regie Douglas Sirk, mit Rock Hudson, Dorothy Malone, Jack Carson. dpa

Aber fast mehr noch als ein Frauenregisseur ist Douglas Sirk auch ein Männerregisseur, einer von Männerfiguren anderer Art: Er zeigte die Männlichkeit in der Krise. Er zeigte Männer, die in sich selbst zerrissen waren, verwundet und traumatisiert im Krieg, versoffen im Frieden, einfach schüchtern, oder auf andere Weise „schwach". Rock Hudson, der versteckte Schwule der Traumfabrik, wurde auch privat dieser fleischgewordene Sirk-Typus.

Locarno-Retrospektive zeigt auch die Grenzen des Douglas Sirk

Der Regisseur Douglas Sirk war enorm produktiv und von erstaunlicher Diversität: 40 Filme in 25 Jahren machte er. Zugleich lässt diese Retrospektive seine Grenzen besser erkennen. Sirk machte viele Kompromisse um im Studiosystem zu überleben, nicht jeder seiner Filme ist ein Meisterwerk. 

Heute beruft sich kaum jemand auf ihn oder bekennt sich zu ähnlich gradliniegem Gefühls- und Manipulationskino. Rainer Werner Fassbinder, der ihm in den frühen 70er-Jahren eine Lobeshymne schrieb, ist da eher eine große Ausnahme. Sirk ist der Regisseur einer Spätzeit, des Verfalls und des Abschieds ins Nirgendwo - jede Sekunde seiner Filme atmet dieses Gefühl der Heimatlosigkeit. 

Die Retrospektive Douglas Sirk beim Filmfestival Locarno bis 13.8.2022

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