Lion - der lange Weg nach Hause | Kinostart: 23.2. Die Suche nach den eigenen Wurzeln

Kulturthema am 22.2.2017 von Julia Haungs

Der Kinofilm "Lion – der lange Weg nach Hause" bewegt zutiefst, auch Dank der hervorragenden Hauptdarsteller. Der sechsjährige Debütant Sunny Pawar verkörpert den jungen Saroo und Dev Patel, bekannt aus "Slumdog Millionär", den Erwachsenen. Der Film erzählt die Lebensgeschichte des Inders Saroo Brierley. Mit fünf Jahren ging er in Indien verloren, wurde von einem australischen Ehepaar adoptiert und fand 25 Jahre später mithilfe von Google Earth zu seiner wahren Familie zurück. Regisseur Garth Davis erzählt die Geschichte einer Suche nach den eigenen Wurzeln ohne Scheu vor großem Gefühlskino, aber auch ohne ins Sentimentale abzugleiten, so SWR2-Filmkritikerin Julia Haungs.

Zu Anfang fliegt die Kamera über weite Landschaften in Indien. Es wird für lange Zeit das einzige Mal sein, dass sie sich so über das Geschehen erhebt. Fortan erzählt sie aus der Perspektive und damit auf der Augenhöhe von Saroo, einem fröhlichen Fünfjährigen. Er lebt mit seiner Mutter und zwei Geschwistern in einem kleinen Dorf. Die Familie ist arm. Alle müssen zum Lebensunterhalt beitragen. Saroo und sein älterer Bruder Guddu klauen Kohlen vom fahrenden Zug, helfen der Mutter im Steinbruch oder verdingen sich im nächsten Ort als Erntehelfer. Eines Abends schläft Saroo, als er am Bahnhof auf Guddu wartet, in einem stehenden Zug ein. Als er wieder aufwacht, fährt der Zug – und bleibt erst 1600 Kilometer weiter in Kalkutta wieder stehen.

Ein Alptraum! Ein kleiner Junge inmitten der Menschenmassen mutterseelenallein im Moloch Kalkutta. Die Sprache spricht er nicht, Geld hat er keins und wo er genau wohnt, weiß er auch nicht. Mehrere Wochen schlägt er sich auf eigene Faust durch bis er in einem überfüllten Kinderheim landet. Er wird zur Adoption frei gegeben und landet bei einem fürsorglichen Ehepaar in Australien.

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"Lion" zeigt, wie wichtig die eigenen Wurzeln für die Identität sind

Dass er eben nicht weiß, wer er ist, beginnt am erwachsenen Saroo zu nagen. Dev Patel spielt ihn als strahlende Erscheinung: ein liebender Sohn und herausragender Sportler, ein Musterbeispiel gelungener Integration. Doch je mehr ihn die Frage nach seiner Herkunft umtreibt, desto zerrütteter wird seine Erscheinung. Das Strahlen weicht einem permanenten Grübeln. Nächtelang versucht er mithilfe von Google Earth und ein paar dürftigen Erinnerungen seinen Heimatort zu finden. Von seiner Adoptiv-Familie und seiner Freundin kapselt er sich ab.

Regisseur Garth Davis erzählt in "Lion" eindringlich davon, wie wichtig das Wissen um die eigenen Wurzeln für die Identität eines Menschen ist. Der Film zielt ohne Frage auf ein breites Publikum. Insofern sind seine Mittel nicht eben subtil: flächig aufgetragene Streicherklänge und viele Naheinstellungen tränenverhangener Augen versetzen den Zuschauer in einen permanenten emotionalen Ausnahmezustand. Spätestens, wenn Saroo bei Google Earth tatsächlich sein Heimatdorf findet, bleibt kein Auge trocken.

Rührend, aber kein Rührstück

Dass der Film trotzdem nicht ins reine Rührstück abgleitet, dafür sorgt neben den beiden großartigen Hauptdarstellern der ungeschönte Einblick in die Lebenswelt vieler indischer Kinder. 80.000 werden dort jedes Jahr vermisst. Welches Schicksal denen droht, die auf der Straße landen, das schildert Regisseur Garth Davis fast nach Art eines Dickens-Romans. Wie herumstreunende Hunde leben die Kinder von Abfällen, im besten Fall von den Erwachsenen ignoriert, schlimmstenfalls Opfer von Gewalt, Missbrauch und Prostitution.

Dass Saroo dieser gefährlichen Welt entkommt, grenzt an ein Wunder. Dass er nach 25 Jahren seine Familie wiederfindet, ist definitiv eins. Der Film feiert dieses Wunder herzzerreißend und bewegend – ein Film, für den man auf jeden Fall genügend Taschentücher dabei haben sollte!

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