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„Leander Haußmanns Stasikomödie“: Klamaukig-milde DDR-Nostalgie

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Darf man über die Stasi lachen? Der Regisseur Leander Haußmann findet: das darf man unbedingt! Nach seinen Filmen „Sonnenallee“ und „NVA“ kommt der Abschluss seiner DDR-Trilogie ins Kino: „Leander Haußmanns Stasikomödie“. Darin porträtiert er die Stasi als tollpatschige Gurkentruppe, die sich doch eigentlich auch nur nach Liebe sehnt.

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West-Jeans gegen Stasi-Uniform

Wie findet die Stasi zuverlässige Befehlsempfänger? In „Leander Haußmanns Stasikomödie“ lässt die Behörde sie an einer manipulierten Ampel unendlich lange auf grün warten. Der junge Ludger Fuchs besteht die Prüfung.

Zur Belohnung darf er ab sofort die Berliner Bohème ausspionieren. Er vertauscht die olle Stasi-Uniform mit einer West-Jeans, bezieht eine Wohnung im Prenzlauer Berg und stürzt sich ins Abenteuer. Sein Auftrag: er soll berichten, was die „Negativ-Dekadenten“ so treiben und eine der lautesten Aufrührerinnen heiraten.

Filmstill (Foto: Constantin Film)
Berlin, heute: Der erfolgreiche Schriftsteller Ludger Fuchs (Jörg Schüttauf) holt bei der Unterlagen-Behörde seine dicke Stasi-Akte ab. Alles hat die Stasi dokumentiert und kommentiert: seine Wohnung, seine Katze, seine Affären. Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen
Ludger Fuchs erinnert sich an den jungen Ludger Fuchs (David Kross). Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen
Ludger war damals angeblich ein Held im DDR-Widerstand, der von der Stasi genauestens beobachtet wurde. Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen
Tatsächlich sah die Wahrheit eigentlich ganz anders aus: Anfang der 1980er Jahre wird der stets systemgetreue Ludger (als junger Mann: David Kross) von der Stasi auf die Künstlerszene im Prenzlauer Berg als Spitzel angesetzt. Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen
Dabei verguckt er sich jedoch in die mysteriöse Nathalie (Deleila Piasko) und lässt sich vom Leben der Bohème mitreißen. Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen
Ludger stellt das vor ein großes Problem, da er einerseits einen Auftrag der Stasi ausführen muss, andererseits mittlerweile zu einem gefragten Mitglied der Künstlerszene geworden ist ... Constantin Film Bild in Detailansicht öffnen

Vom Opfer zum Täter

Doch so einfach lässt die Stasi ihn natürlich nicht vom Haken und Ludger, der den Künstler in sich entdeckt, muss künftig lavieren: zwischen zwei Frauen, seiner Schriftstellerei und den Berichten für die Stasi.

Erzählt ist die Geschichte als Rückblick des alten Ludger Fuchs, inzwischen ein gefeierter Autor der Bundesrepublik, der als eine der wichtigsten Stimmen der DDR-Opposition gilt. Doch als er im Kreis seiner Familie zum ersten Mal seine Opfer-Akte anschaut, holt ihn mit einem geheimnisvollen Brief auch seine Täter-Vergangenheit ein.

Verharmlosender Blick auf die Staatssicherheit

Regisseur Leander Haußmann ist bekannt dafür, dass er in all seinen Geschichten das Heitere und Versöhnliche sucht. So kommt nach seinen DDR-Filmen „Sonnenallee“ und „NVA“ auch seine Stasikomödie äußerst freundlich -  man könnte auch sagen verharmlosend – daher.

Der Film basiert auf Haußmanns Volksbühnenstück „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ von 2018. Haußmann, der selbst in einer Künstlerfamilie in der DDR aufgewachsen ist, malt das Leben der Bohème in den schillerndsten Farben aus: der Prenzlauer Berg ist ein hedonistischer Hort für Lebenskünstler, Exzentriker und Kreative, die nachts ausgiebig das Leben und die Liebe feiern.

Filmstill (Foto: Constantin Film)
Regisseur Leander Haußmann über den letzten Teil seiner DDR-Trilogie: „Ich denke, der einfachste Weg, Diktaturen, Autokraten und Geheimdienste zu entlarven, zu entwaffnen und letzten Endes zu besiegen, ist das Lachen...die Komödie ist das demokratischste Genre überhaupt.“ Constantin Film

„Sind wir nicht alle ein bisschen Stasi?“

Unterstützt wird Haußmann bei seinem Ostalgietrip von einem spielfreudigen und hochkarätig besetzten Ensemble. Allen voran David Kross als naiver Ludger und Henry Hübchen als dessen zynischer Führungsoffizier. Die guten Schauspieler*innen und die liebevolle Ausstattung können allerdings nicht ausgleichen, dass mit der Story nicht viel los ist.

Abgesehen von einigen Ausflügen ins Groteske mäandert sie in wenig überraschenden Wendungen vor sich hin -  bis zur mauen Schlusspointe. Erfreulich, dass über die DDR mittlerweile nicht mehr schwarz-weiß, sondern mit vielen Grautönen erzählt wird, aber dieses augenzwinkernde „Sind wir nicht alle ein bisschen Stasi?“ wirkt auch mit dem Abstand von 30 Jahren unpassend milde.

 Trailer „Leander Haußmanns Stasikomödie“, ab 19.5. im Kino

Film Gefangen im System: Stasi-Drama „Nahschuss“ mit Lars Eidinger

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Serie ARTE-Agenten-Serie „Die Schläfer“ – Der Fall des Kommunismus in der CSSR

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Gespräch ZDF-Doku über das ,,Las Vegas des Ostens”: der Berliner Friedrichstadt-Palast

,,Mit dem neuen Friedrichstadt-Palast wurde eine Revuetheater-Tradition fortgesetzt”, sagt der Regisseur Andreas Gräfenstein im Interview mit SWR2 Kultur Aktuell, ,,denn schon der alte Palast ist gewaltig gewesen”. Das ,,Alte Schauspielhaus” am Schiffbauerdamm stand nur 200 Meter vom jetzigen Palast entfernt, und war ein architektonisches Wunder. “Man musste ihn 1980 schließen, da die Grundpfeiler vermodert waren.” Beide Spielstätten waren ein Schauplatz leichter Unterhaltung und sollten trotzdem ein Vorzeigeobjekt sozialistische Unterhaltungskunst sein. Richtig geklappt habe das nie, man habe es einfach laufen lassen, auch wenn sie undogmatische und leicht war. Sogar internationale Künstler seien zu Gast gewesen, z.B. Louis Armstrong oder Mireille Mathieu - alles Veranstaltungen und Abende, die als kleine Zugeständnisse und Gesten der DDR-Führung nach Innen zu interpretieren gewesen sind. In der ZDF-Mediathek sind die Folgen bereits abrufbar.  mehr...

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