Film Punkrock-Film "Leto" von Kirill Serebrennikov auf DVD

Von Rüdiger Suchsland

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, 1969 geboren, stand bis vor kurzem wegen angeblicher Veruntreuung öffentlicher Geldern unter Hausarrest. Er ist die neue Stimme des russischen Kinos. Sein Film "Leto", "Sommer", brachte dem gefeierten Opernregisseur bei den Filmfestspielen von Cannes 2018 den internationalen Durchbruch. "Leto" ist jetzt als DVD erschienen.

Leningrad, in den frühen 80ern

Es wird der Nachmittag sein, an dem alles anfing: Ein Sonntag am Strand, eine Gruppe Jugendlicher, mit Wein, Wodka, Musik, irgendwann wird nackt gebadet und am Lagerfeuer gesungen, und die zwei Neuen in der Gruppe gehören nun auch dazu.

Eines der Lieder heißt "Sommer", auf Russisch "Leto". Es könnte überall sein; wir aber wissen, wenn wir das sehen, bereits: Es ist "Leningrad, in den frühen 80ern", wie ein Insert erzählte, mitten in der UdSSR, aber weit weg vom Sowjetstaat.

Halblegales Konzert im Hinterhof

Gleich zu Beginn war die Kamera Gast bei einem halblegalen Konzert in einem Hinterhof, ein paar Herren von der Partei sind auch da und sorgen dafür, dass allzu enthusiastisch zur Schau getragene Emotionen schnell wieder verschwinden.

Es spielt eine Band namens "Zoopark", wir sehen den Frontmann "Mike", wir sehen Natasha, Mikes Freundin, und einen ganzen Haufen Leute, die wir bald besser kennenlernen werden in diesem Film.
Zuerst bei der erwähnten Strandszene: Weil es UdSSR ist, blickt man anders hin, bemerkt Adidas-Schuhe, westliche Musik, westliche Namen. Der Westen als Vorbild.

Kinostart 08.11. "Leto" von Kirill Serebrennikov

Leningrad, Anfang der 1980er Jahre: die Punkmusik wird vom Staat kontrolliert und in den Rock-Clubs haben Aufpasser das Publikum fest im Auge. (Foto: Weltkino Filmverleih -)
Leningrad, Anfang der 1980er Jahre: die Punkmusik wird vom Staat kontrolliert und in den Rock-Clubs haben Aufpasser das Publikum fest im Auge. Weltkino Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen
An der Spitze dieser Szene steht Musiker Mike Naumenko (Roman Bilyk) mit seiner Band Zoopark. Weltkino Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen

Großartige Kamera

Man bemerkt dann auch gleich, wie großartig die Kamera ist, wie sie in fließenden Bewegungen sensibel beobachtet, die Blicke der Figuren aufeinander glänzend und präzis auffängt, Beziehungen stiftet, wie sie ein Teilnehmer ist.

Heute sind die Punk-Rock-Gruppen "Zoopark" und "Kino" Musiklegenden, Anfang der 80er Jahre waren sie der erste Vorschein einer anderen Zukunft, die unter den Begriffen "Glasnost" und "Perestroijka" bald auch den Westen verzauberte und für die neuen liberalen Seiten der Sowjetkultur einnahm. An diesem Nachmittag fing alles an.

Der Herbst des sowjetischen Jahrhunderts

"Leto" erzählt diese Geschichte vom Herbst des sowjetischen Jahrhunderts und von einem frühlingshaften Aufbruch unter den Leningrader Jugendlichen der frühen 80er Jahre.
Während die UdSSR gerade in Afghanistan einmarschiert, entdeckt ein Dutzend 20-jähriger New Wave und Punk, von den Stones bis Police, von Bowie bis Blondie.

Und das System weiß, dass es mit purer Repression nicht weit kommt, es Popkultur, neuartige Bands und deren Auftritte dulden muss - inmitten dieses kulturellen Tauwetters platziert der Film seine Figuren.

Autobiographischen Vorlage

Die Handlung basiert auf einer autobiographischen Vorlage von Natalia Naumenko, dem realen Vorbild für Natasha: Eine ebenso intelligente wie charmante junge Frau in der Mitte einer Dreiecksbeziehung zwischen Mike und Viktor, dem Sänger der Gruppe "Kino".

Diese Dreiecksliebesgeschichte sorgt neben der Musik für emotionale Dynamik, doch unter dem Glück des Aufbruchs junger Menschen lauern Melancholie und tiefe Verzweiflung.

Dreiecksliebe

Die drei Hauptfiguren werden sehr gleichberechtigt behandelt. Viktor ist der Rätselhafte, Natasha die Kluge, Gelassene, Skeptische. Mike hat die schönsten Drehbuchsätze und er ist der Großzügigste: Er schenkt Namen, Ideen, Songs, Studioverträge, und rettet spontan mit seinem Charisma die missglückte Performance eines Freundes.

Er hilft sogar Viktor, obwohl der sein Rivale ist und genau deswegen wird sich Natasha am Ende für ihn entscheiden.

Ganz großes Kino in schwarzweiß

Regie in diesem Film führt der zur Zeit in Russland verfemte Kirill Serebrennikov, trotz einiger Vorgängerfilme eine neue Stimme im internationalen Kino. "Leto" ist ganz großes Kino.

Was vor allem begeistert, ist die Inszenierung: Schwarzweiß, mit Farbsprengseln und Animationselementen, Figuren die in die Kamera sprechen, musikalisch und schnell geschnitten, ist alles insgesamt virtuos: Alleine die Tonspur, die viele Ebenen vereint. Ein Bewegungsfilm.

"Jules und Jim" auf russisch

Dies ist ein Film voller Romantik, die Romantik der jungen Jahre und die Romantik der analogen Welt. Ein Film, dessen Form wie Figuren und Handlung universal sind und weit über das gewohnte postsowjetische Aufarbeitungskino hinausgehen.

Eine Neue Kinowelle aus Russland, und ein Film, der einem hier irgendwann in den Sinn kommt, ist natürlich Francois Truffauts "Jules und Jim". Dieser Film ist sein russischer Cousin.

Mitreißender Musikfilm

Wie "Jules und Jim" dementiert "Leto" allen zur Zeit grassierenden anti-utopischen Pessimismus: Serebrennikov zeigt schöne Menschen, die schöne Dinge machen, er zeigt Freiheit, Musik und Liebe als Quelle von Glück und einen großzügigen Umgang der Menschen untereinander.

STAND