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Zwei Filme von Kirill Serebrennikov auf dem Filmfest München

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Der Russe Kirill Serebrennikov arbeitet als Regisseur auf der Opern- und Theaterbühne und auch fürs Kino. Jahrelang wurde er vom Putin-Regime drangsaliert, wegen angeblicher Steuerhinterziehung mit Prozessen überzogen und unter Hausarrest gesetzt. So konnte er zweimal nicht zur Premiere seiner Filme bei den Filmfestspielen von Cannes reisen. Seit einigen Monaten lebt er in Deutschland und zeigt auf dem Filmfest München seine zwei neuesten, sehr unterschiedlichen Filme.

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Absolute Hilflosigkeit als Botschaft an den Zuschauer

„Petrov's Flu“ hat einen harten Einstieg, fast Christopher Nolans Thriller „Tenet“: Ein Terrorakt, bei dem eine Handvoll Anzugträger an die Wand gestellt wird. Die Botschaft für die Zuschauer: Absolute Hilflosigkeit. Alles ist möglich.

Das setzt den Ton im neuen großartigen Film des Russen Kirill Serebrennikov, auch wenn sich dieser Auftakt schnell nur als die erste von lauter Fieberphantasien der Hauptfigur entpuppt. Episoden aus den späten Neunzigern, lose zusammengehalten durch die Titelfigur und schwankend zwischen Surrealismus, Absurdität und Nostalgie.

Filmstill (Foto: Filmfest München/ Farbfilm)
In „Petrov´s Flu“ von Kyrill Serebrennikov geht es um eine grippegeplagte Familie im postsowjetischen Russland, die ihre normalen Tage mit außergewöhnlichen Geheimnissen verbringen. Der Mann ist Klempner, der alltägliche Momente in wunderbar seltsame japanische Comic-Szenarien verwandelt. Seine Frau ist eine Bibliothekarin mit einer Vorliebe dafür, Männer mit ihrem Küchenmesser zu töten. Filmfest München/ Farbfilm

Schwarze Weltweisheiten

Serebrennikovs Film, der 2021 beim Festival von Cannes Premiere hatte, ist ein faszinierender, erschütternder Fiebertraum. Die Kamera ist virtuos und perfekt, die Musik so schön wie die altmodische Farbgebung und das Produktion-Design, von der chaotisch aufgeplatzten Geschichte versteht man nur Fragmente. Vielleicht gibt es gar nichts zu erklären, vielleicht muss man das fühlen, muss Spaß haben am Dreck und der Menschlichkeit im Destruktiven, an der schwarzen Weltweisheit, die hier zutage tritt.

Intelligente Wege such für politische Botschaften im Kino

Serebrennikov vermeidet als Filmemacher die plumpen politischen Bezüge, die das Kino der Gegenwart oft so langweilig macht, notgedrungen, denn in Russland kann man als Filmemacher mit plumpen politischen Bezügen nicht lange überleben. Man muss intelligentere Wege gehen, manchmal auch um die Ecke. Gleich zwei Filme von ihm werden in München gezeigt. Sie sind so verschieden wie das Werk dieses Regisseurs vielfältig ist.

Filmstill (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Kirill Serebrennikov, Alena Mikhailova, Odin Biron und Ilya Stewart bei der Premeire von „Tchaikovsky's Wife“ (Zhena Chaikovskogo) in Cannes. Picture Alliance

Ruhe vor den Spießbürgern für Tschaikowsky

Im Zentrum von Serebrennikovs neuem Film „Tschaikowskys Wife“ steht tatsächlich die Frau von Peter Tschaikowsky. Sie ist die höhere Tochter einer angesehenen reichen Familie. Tschaikowsky heiratet sie auch deswegen, vor allem aber, weil der Homosexuelle eine Scheinehe eingehen muss, um vor den St.Petersburger Spießbürgern seine Ruhe zu haben.

Serebrennikov zeigt die damalige Gegenwart zwischen Genie und Wahnsinn und spielt dabei ziemlich klug mit den aktuellen Bezügen und den Russland-Klischees des 21. Jahrhunderts. Dabei scheint auch durch, dass ein ziemlich großer Teil der Welt vielleicht nicht ganz so ist, wie es Europa gern hätte.

„Petrov's Flu“ hat noch keinen deutschen Kinostart, für „Tschaikowskys Wife" ist er angekündigt.

Bühne Kirill Serebrennikow inszeniert „Der schwarze Mönch“ am Thalia-Theater Hamburg

Viereinhalb Jahre lang durfte Kirill Serebrennikov Moskau nicht verlassen. Mehrfach leitete der international gefeierte, russische Regisseur in dieser Zeit Inszenierungen im Ausland, teilweise aus dem Hausarrest. Groß war die Überraschung, als er Anfang Januar wider Erwarten plötzlich nach Hamburg reisen durfte, für die Endproben zu „Der schwarze Mönch“ am Thalia Theater. Die Uraufführung fand am 22. Januar statt.  mehr...

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Bühne „Outside“ von Kirill Serebrennikow an der Schaubühne

Die Fotografien des chinesischen Fotografen Ren Hang sind heiter hell und voll skurriler Schönheit. Darauf zu sehen immer nackte Körper, Gliedmaßen und Geschlechtsteile. Kunstvoll arrangiert, lustvoll zelebriert und humorvoll garniert. Mit viel floralem Beiwerk oder auch Schwänen, Tauben, Tintenfischen. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow war fasziniert von dieser Kunst wollte mit Ren Hang zusammenarbeiten. Doch dazu kam es nicht mehr. 2017 stürzte sich der Fotograf aus dem Fenster. An der Berliner Schaubühne ist nun im Rahmen des „Festivals internationale Neue Dramatik“ Serebrennikows Arbeit „Outside“ als Gastspiel aus Moskau zu sehen.
„Outside“ ist ein Requiem für den bewunderten Künstler-Kollegen Hang. Eine weihevolle, sinnliche, in opulenten Bildern schwelgende Würdigung Ren Hangs, so unsere Kritikerin Ina Beyer. Die fabelhaften Schauspieler, Tänzer und Sänger finden sich zu immer neuen Tableaus zusammen, mit denen sie die Bildsprache Hangs zitieren: Nackte Frauen und Männer verzieren kunstvoll mit Flamingoblumen, Tulpen oder weißen Callas ihr Geschlecht. Wirbeln mit schwarzen Perücken herum, lackieren sich die Nägel, ziehen rote Strumpfhosen an und über den Kopf und vollführen damit wilde Posen. Alles so wie auf den Fotos des chinesischen Ausnahmekünstlers.  mehr...

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Bühne „Wir tragen unsere Freiheit in uns“: Kirill Serebrennikow probt nach Hausarrest am Hamburger Thalia Theater

Die große Überraschung kam vergangene Woche: Nach vier Jahren strikten Reiseverbots kann der russische Regisseur Kirill Serebrennikow wieder im Ausland arbeiten. Und entschied sich direkt dafür, ans Hamburger Thalia Theater zu kommen. Dort probt Serebrennikow mit einem deutsch-russischen Ensemble sein Stück „Der schwarze Mönch“, eine Tscheschow-Adaption.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Vom bekanntestem russischen Theater-Dissident bis zum ersten Hauspoeten am Guggenheim Museum | 13.1.2022

Kirill Serebrennikow kommt nach Hamburg, die Berlinale findet in reduzierter 2G+-Form statt, das New Yorker Guggenheim bekommt einen eigenen Hofdichter und die Rentnerbravo zeigt Superstar Christian Drosten in der Apothekenumschau-Sonderausgabe.  mehr...

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