Film

„Babylon – Rausch der Ekstase“ von Damien Chazelle: Überwältigend und ohne stringente Handlung

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs

In „Babylon – Rausch der Ekstase“ mit Margot Robbie und Brad Pitt erzählt Regisseur Damien Chazelle von den Anfängen der Filmindustrie in Hollywood, von exzessiven Partys, anarchischen Dreharbeiten und vom Einzug des Tonfilms, der plötzlich alles änderte. Ein ambitioniertes 80 Millionen teures Projekt mit Höhen und Tiefen.

Audio herunterladen (4 MB | MP3)

Das Tempo bleibt hoch

Laute Jazzmusik, schrille Kostüme, schwitzende Körper in orgiastischen Verrenkungen – schon in der ersten halben Stunde wirft sich der Film so hemmungslos in eine Party von überbordender Dekadenz, dass man sich fragt, was in den nächsten zweieinhalb Stunden eigentlich noch kommen soll.

Doch das Tempo bleibt zunächst hoch, genauso wie die Schauwerte. „Babylon – Rausch der Ekstase“ taucht ein in das glitzernde Hollywood der 20er Jahre.

Die Filmleute sind angetrieben von Drogen, der Gier nach Ruhm und der Sehnsucht nach etwas, das ihr Leben überstrahlt. So wie die mittellose aber ambitionierte Nellie, die einfach spürt, dass sie das Zeug zum Kinostar hat oder der junge Mexikaner Manuel, der sich vom Boy für alles zum Filmproduzenten hocharbeitet.

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Nellie (Margot Robbie) und Manuel (Diego Calva) wollen es ganz nach oben schaffen. Pressestelle Paramount Pictures

Hollywood ist noch lange nicht glamourös

Ohne stringente Handlung folgt der Film den beiden zunächst bei ihrem Aufstieg in der Filmindustrie. Ganz oben angekommen ist bereits Schauspieler Jack Conrad. Noch ahnt er nicht, dass seine Tage als Stummfilmstar gezählt sind.   

 

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Brad Pitt spielt den Stummfilmstar Jack Conrad, dessen Karriere langsam zu bröckeln beginnt. Pressestelle Paramount Pictures

Das Hollywood in Damien Chazelles „Babylon“ ist noch keine glamouröse Filmstadt mit großen Studios. Es ist der Wilde Westen.

Weil es kein Kunstlicht gibt, dreht man die Stummfilme draußen, in den staubigen Bergen um Los Angeles herum. Wie Jahrmarktbuden sind die Filmsets nebeneinander aufgebaut: Western, Liebesschnulze, Historiendrama – alles findet gleichzeitig auf engstem Raum statt und natürlich völlig analog.

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Damals gibt es noch keine prunkvollen Filmstudios. Pressestelle Paramount Pictures

Freude am Detail

Regisseur Damien Chazelle malt diese kreative Anarchie mit großer Freude am Detail aus. Und schildert dann, wie die große Freiheit untergeht, als der Tonfilm Einzug hält.

Die Produktionen ziehen ins Studio um. Plötzlich müssen jeder Schritt und jedes Wort sitzen. Auch das gesellschaftliche Klima wandelt sich in den 30ern. Aus dem Sündenpfuhl Hollywood wird eine Moralanstalt, in der alles gesittet zugehen muss – zumindest an der Oberfläche.

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Freude am Detail gibt es in „Babylon“ zuhauf. Pressestelle Paramount Pictures

Verrückte Episoden

Tief im Unterbauch der Gesellschaft treiben die animalischen Triebe immer bizarrere Blüten, wie eine verstörende Szene kurz vor Ende zeigt.

Chazelles Film basiert auf dem Kultbuch „Hollywood Babylon“ von Kenneth Anger. Chazelle greift viele der verrücktesten Episoden aus dieser Chronique scandaleuse auf und fragt nach dem menschlichen Preis, den der schöne Schein kostet.

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Mehr Schein als Sein? Diese Frage stellt sich in „Babylon“ oft. Pressestelle Paramount Pictures

Magie des Kinos geht unter

Alle Hauptfiguren werden von der Maschine Hollywood ganz nach oben getragen und zerstört ausgespuckt. Sensationell Margot Robbie als selbstzerstörerisches Energiebündel Nellie, schön melancholisch Brad Pitt als alternder Stummfilmstar. 

„Babylon“ überwältigt, unterhält und schockiert, zum Ende hin zieht sich der Film allerdings auch ziemlich. Und das, was er als die Magie des Kinos so bildreich beschwört, das gemeinschaftliche Berührtwerden von Momenten großer Kunst, geht in dem Getöse völlig unter.

Sehenswert ist der Film dennoch: ein mitreißender Rausch über eine Zeit, als der Film noch ein riesiges Abenteuer war – mit allen Höhen und Tiefen. 

Babylon – Rausch der Ekstase (Foto: Pressestelle, Paramount Pictures)
Margot Robbie in der Rolle der Nellie ist ein Highlight des Films. Pressestelle Paramount Pictures

Der Trailer zu „Babylon – Rausch der Ekstase“:

Film „Holy Spider“ von Ali Abbasi: Verstörendes Gesellschaftsporträt aus der iranischen Diktatur

Ali Abbasis neuer Film kommt genau zur richtigen Zeit: Während die Menschen, vor allem die Frauen im Iran, gegen die theokratische Diktatur protestieren, rollt der Regisseur in „Holy Spider“ eine reale Serie von Frauenmorden im Jahr 2001 wieder auf. Als Thriller überzeugt der Film allerdings nicht.

SWR2 am Morgen SWR2

Kinofilm Tragikomisch, makaber und reichlich schräg: „The Banshees of Inisherin“

In seinem neuen Film erzählt Regisseur Martin McDonagh („Brügge sehen… und sterben?“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) von der Freundschaft zweier einfacher irischer Männer, gespielt von Colin Farrell und Brendan Gleeson, die eines Tages in eine giftige Feindschaft umschlägt.

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs