Neu im Kino: Die Frau, die vorausgeht Toter Indianer, guter Indianer

Kulturthema am 3.7.2018 von Rüdiger Suchsland

Sie war eine frühe Aktivistin und für ihre Zeit eine überaus progressive Frau: Caroline Weldon, 1844 in New York geborene Malerin. Bekannt wurde Weldon als Kämpferin für die Rechte der Indianer in einer Zeit, als die USA in den Indianern den absoluten Feind sahen. Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer, hieß es in diesem ersten "Krieg gegen den Terror", wie die Amerikaner ihn verstanden. Weldon fuhr unter großen Strapazen in das Indianerreservat der Sioux, um deren Häuptling, den berühmten Sitting Bull, zu malen. Als Mensch, nicht als Monster.

Kein Western

Dies ist kein Western, auch wenn er im Jahr 1889 spielt, auch wenn er von der Begegnung zwischen Weißen und Indianern handelt, und auch wenn er immer wieder die Motive des Western und seine Liebe für Landschaften zitiert. Es gibt eine frühe Szene in diesem Film, die illustriert recht treffend die Ungeheuerlichkeit dieser Geschichte. Da sitzt die Heldin im Zug nach Westen. Ihre Reise dauert tagelang.

Einzige Frau unter Männern

Und irgendwann, die Prärie ist immer einförmiger, die Sonne immer brennender geworden, ist Catherine die einzige Frau unter lauter Männern. Schon durch ihre städtische Kleidung sieht man ihr an, dass sie nicht hierher gehört. Und irgendwann spricht sie im Speisewagen einer der Männer an.

Porträt von Sitting Bull

Dies ist eine erstaunliche Geschichte. Sie hat einen historischen Kern. Denn im Zentrum steht eine Frau, die im Jahr 1889 von New York in ein Indianerreservat reiste, um dort den bereits berühmten Sitting Bull, den überlebenden Häuptling der Indianerkriege, zu malen. Es gab diese Frau tatsächlich. Skepsis schlug ihr auch in Wirklichkeit von Anfang an entgegen.

Jessica Chastain (Catherine Weldon) (Foto: © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH)
Catherine Weldon (Jessica Chastain) © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH

Caroline Weldon war interessanter als ihre Filmfigur

Allerdings wurde für diesen Film viel verändert, und die Hauptfigur eher uninteressanter gemacht: In Wirklichkeit hieß sie Caroline Weldon, nicht Catherine, war sie geschieden, nicht verwitwet, hatte sie einen unehelichen Sohn und wusste genau, was sie tat. Sie musste nicht erst mühsam erfahren, wie schlecht es den Indianern ging, wie sie durch einen betrügerischen Vertrag um die letzten Reste ihres Landes beraubt werden sollen.

Zwei Sorten von Außenseitern in einem Film

So ist dieser Film eigentlich sehr zeitgemäß. Er handelt von Fremdheit und parallelisiert etwas schlicht das Frausein und das Indianersein, zwei Formen des Außenseitertums in einer weißen Männergesellschaft, die sich von einander doch auch stark unterscheiden.

Jessica Chastain (Catherine Weldon), Michael Greyeyes (Sitting Bull) (Foto: © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH)
Catherine Weldon (Jessica Chastain), Sitting Bull (Michael Greyeyes) © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH

Beschränkte und weichgeklopfte Emanzipationsgeschichte

Dreierlei in sich sehr verschiedene Geschichten werden in diesem Film verbunden: Die Erzählung vom letzten großen Aufbäumen der Indianer gegen die Regierung der weißen Eroberer. Die Story der unwahrscheinlich anmutenden Allianz zwischen einer New Yorker Kunstmalerin und einem Indianerhäuptling.
Beides gelingt. Das Dritte ist die Emanzipationsgeschichte einer Frau und ausgerechnet die lässt viel zu wünschen übrig. Zu beschränkt und weichgeklopft ist alles. Und das Indianerbild ist zumindest verkitscht, wenn sie es sind, die hier zum Publikum weise Worte sprechen.

Regisseurin Susanna White (Foto: © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH)
Regisseurin Susanna White © TOBIS Film GmbH - © TOBIS Film GmbH

Regisseurin vertraut ihren Bildern nicht

Stilistisch ist "Die Frau, die vorausgeht" unausgewogen: sehr professionell, dramaturgisch etwas hilflos und allzu plakativ. Generell wird viel zu viel geredet. Es fehlt das Vertrauen in die Macht der Bilder. Das ist ausgerechnet bei einem Film über eine Malerin schon sehr sonderbar.

Starke Jessica Chastain

Dieser Film ist von einer präzisen Kamera geprägt und stark gespielt von Jessica Chastain in der Hauptrolle, Michael Greyeyes als "Sitting Bull", Ciarán Hinds und Sam Rockwell als Soldaten.

Die besten Absichten bringen aber nichts, wenn die Gegenseite nicht mitspielt. Daher wandelt sich dieser zunächst sentimentale Film auch zum Schluss in eine historisch genaue traurige Geschichte. Nur Monate nach Weldons Besuch wurden die letzten Sioux in Dakota von der US-Kavallerie massakriert und Sitting Bull ermordet.

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