Filmkritik: "Abgeschnitten" von Christian Alvart Ekelhorror-Thriller nach Sebastian Fitzek

Von Rüdiger Suchsland

Sebastian Fitzek ist Bestseller-Autor für härtere Stoffe. Mit "Abgeschnitten" hat er erstmals gemeinsam mit einem Rechtsmediziner einen Psycho-Thriller geschrieben. In der Verfilmung wird Moritz Bleibtreu als Chefpathologe der Berliner Charité in ein kompliziertes Katz-und-Maus-Spiel verwickelt.

Kompliziertes Katz-und-Maus-Spiel

Es ist kein Routinefall für Rechtsmediziner Paul Herzfeld, den Chefpathologen an der Berliner Charité. Auf seinem Obduktionstisch liegt ein schrecklich zugerichtetes Mordopfer. Im Kopf - das ergibt sich aus einem CT - befindet sich eine Kapsel. Darin wird ein Papierzettel gefunden. Darauf steht die Telefonnummer von Pauls Tochter Hannah.

Er weiß nun dass seine Tochter entführt wurde. Schnell stellt sich heraus, dass dieser erschreckende Fund nur der Beginn eines komplizierten Katz-und-Maus-Spiels ist, das der Entführer mit dem Rechtsmediziner spielen will.

Sturm auf Helgoland

Der zweite Schauplatz des Films ist die Nordseeinsel Helgoland während eines schrecklichen Sturms. Dorthin hat sich Linda zurückgezogen. Sie ist eigentlich Comic-Zeichnerin, doch gerade verfolgt sie ihr Ex-Freund und Linda hatte einen ruhigen Rückzugsort gesucht.

Obduktion per Telefon

Durch Zufall findet sie am Strand eine Leiche und kommt mit Paul in Telefonkontakt. Weil der wegen des Sturms nicht so schnell nach Helgoland kommt, bittet er die junge Comic-Zeichnerin mit Hilfe des Krankenhaus-Hausmeisters Ender, die Leiche zu obduzieren - per Fernanweisung übers Telefon, wie eine Art Avatar. Denn auch diese Leiche enthält vermutlich eine Botschaft an ihn.

Kinostart 11.10. Abgeschnitten von Christian Alvart

Der Berliner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) ist Rechtsmediziner. Momentan beschäftigt ihn ein besonders grausamer Fall, bei dem einer Frau der Kiefer und beide Hände entfernt wurden. (Foto: Warner Bros. -)
Der Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) ist mit einem besonders grausamen Fall konfrontiert, bei dem einer Frau der Kiefer und beide Hände entfernt wurden. Warner Bros. - Bild in Detailansicht öffnen
Bei der Autopsie der Leiche findet Herzfeld eine kleine Kapsel, die eine Textbotschaft enthält. Darin steht der Name seiner Tochter Hannah und ihre Handynummer. Warner Bros. - Bild in Detailansicht öffnen
Zur gleichen Zeit flüchtet sich die verzweifelte Comiczeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) auf Helgoland. Ihr Ex-Freund stalkt und bedroht sie heftig. Es kommt ihr gelegen, dass die Insel wegen eines Sturmes von der Außenwelt abgeschieden ist. Warner Bros. - Bild in Detailansicht öffnen
Der Rechtsmediziner drängt Linda dazu, die Leiche ins Inselkrankenhaus zu bringen, weil er an der Leiche den nächsten Hinweis auf den Verbleib seiner Tochter vermutet. Linda und Paul sind sofort eng miteinander verbunden. Warner Bros. - Bild in Detailansicht öffnen

Neue Leichen mit neuen Botschaften

Während Linda und Ender sich trotz aller Widerstände an die Autopsie machen, macht sich Paul mit Hilfe seines Praktikanten auf den Weg nach Helgoland. Aber noch jemand ist unterwegs: Der sadistische Killer, der immer neue Leichen mit neuen Botschaften auftauchen lässt. Er scheint Paul immer einen Schritt voraus zu sein.

Mörderische Schnitzeljagd

So ist dies eine mörderische Schnitzeljagd, deren Titel "Abgeschnitten" gewollt mehrdeutig zu verstehen ist. Zugrunde liegt das gleichnamige Buch von Bestsellerautor Sebastian Fitzek.

Regie führte Christian Alvart, der zwar auch als Hausregisseur von Til Schweiger bei dessen "Tatort"-Fällen bekannt wurde, aber dennoch als eigenständiger Filmkünstler mit individueller Handschrift ernstgenommen werden muss.

Postmoderne Story

Handwerklich stimmt so auch vieles in diesem Film. Die Geschichte allerdings ist unnötig kompliziert: Alles, wirklich alles, wird hier verbraten, was auch an der Vorlage liegt: Eine typisch postmoderne Story, der es nie um Wirklichkeitsdarstellung zu tun ist.

Zugleich verbindet der Film sehr realistische Szenen wie die unverblümte Vorführung einer besonders brutalen Vergewaltigung mit Momenten, die klamaukig wirken sollen.

Thriller mit speziellem Reiz

Ein allwissender Täter und ein latenter Affekt gegen die Justiz, die hier als ein System, das Täter zu Opfern macht, beschrieben wird: "Abgeschnitten" hat seinen speziellen Reiz. Der Film ist ein Thriller, der mit Ekelhorror arbeitet.

Von dieser Sorte Film gibt es nicht viel im deutschen Kino. Und man lernt hier sogar etwas über Obduktionen. Aber es ist auch alles hier sehr konstruiert, und man fragt sich: Wozu der Aufwand?

Ungewöhnliches Ermittlerduo

So handwerklich gelungen der Film auch inszeniert ist, so richtig funktioniert er nicht, auch wenn mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger und Fahri Yardim hervorragende Darsteller gewonnen wurden.

Ein Hauch von Stig Larrsons "Verblendung"

Immerhin die beiden Helden haben ihren Reiz: Die ein bisschen durchgeknallte, burschikose, aber erkennbar verletzliche Linda ist im entscheidenden Moment mutig und kühl, der selbstkritische Mediziner hat ein schlechtes Gewissen.

Sie bilden zusammen ein Ermittlerduo, das ungewöhnlich ist und in seiner Abgründigkeit von fern an Stig Larssons "Verblendung"-Trilogie erinnert.

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