Film

Kein Kriegsheldentum in der Kinodoku „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedaravičius

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AUTOR/IN
Thomas Franke

Der Dokumentarfilm „Mariupolis 2“ ist das Vermächtnis des litauischen Regisseurs Mantas Kvedaravičius. Er wurde während der Dreharbeiten in Mariupol, der Stadt, die zum Symbol des Vernichtungskriegs in der Ukraine geworden ist, vermutlich von der russischen Armee ermordet.

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In Echtzeit dokumentierter Krieg

Russlands Krieg gegen alles Ukrainische ist der in der Menschheitsgeschichte am besten dokumentierte Krieg. Auf Twitter und Telegram kann jeder nahezu in Echtzeit Bilder von Kämpfen sehen, explodierende Panzer und Munitionsdepots, Raketeneinschläge und sterbende Menschen. Oft lenken diese Bilder ab vom Wesentlichen.

Filmstill (Foto: Real Fiction)
Gedreht wurde im März 2022, während das Stahlwerk in Mariupol belagert wurde, das in Sichtweite der Kirche liegt, in der der Regisseur und viele andere Schutz gefunden hatten. Real Fiction Bild in Detailansicht öffnen
2022 kehrte der Regisseur in die Stadt zurück, diesmal herrschte auch während der Dreharbeiten ganz offiziell Krieg in Mariupol. Kvedaravičius wollte die Leute wiedertreffen, die er bereits 2015 gefilmt hatte. Real Fiction Bild in Detailansicht öffnen
Mantas Kvedaravičius konnte diesen Film tragischerweise nicht vollenden. Beim Versuch aus Mariupol zu fliehen, wurde er Anfang April von russischen Soldaten erschossen. Die befreundete Cutterin Dounia Sichov hat mit Unterstützung von Hanna Bilobrova, der Lebensgefährtin von Mantas Kvedaravičius, den Film für ihn und die Nachwelt vollendet. Die Uraufführung des Filmes fand bei den Filmfestspielen in Cannes im Mai 2022 statt. Real Fiction Bild in Detailansicht öffnen
2015 besuchte der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravičius zum ersten Mal die Stadt Mariupol um die Folgen des russischen Angriffs auf die heimische Bevölkerung festzuhalten. Real Fiction Bild in Detailansicht öffnen

Leben im Krieg

Mantas Kvedaravičius zeigt in seinem 150 Minuten dauernden Film „Mariupolis 2“ ganze zwei Tote. Im Zentrum des Films steht nicht der heldenhafte Kampf für die Ukraine und gegen die Vernichtung durch Russland. Der wird ein paar Hundert Meter weiter im Stahlwerk geführt. Es geht um das Sein der Menschen, die im Krieg leben und nicht kämpfen. Und das ist beschwerlich und nicht sensationell.

Schüsse, Explosionen und Rauchsäulen

Permanent sind Schüsse und Explosionen zu hören. In vielen Einstellungen sind Rauchsäulen im Hintergrund, manchmal brennt es irgendwo. Dazwischen gibt er den Zeugen der Normalität Raum. Überbleibsel der Zeit vor dem 24. Februar 2022. Was Kvedaravičius zeigt, ist die Normalität aller Generationen vor dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Auch in Deutschland: Überleben im immer wiederkehrenden Krieg. In Kvedaravičius Film gibt es keinen ukrainischen Patriotismus. Nur Unverständnis, soweit zugeworfen worden zu sein.

„Je ehrlicher die Regierungen, desto schlechter werden unsere Leben.“

Der Satz trifft den Kern, er ist auch Ergebnis jahrelanger Propaganda aus Russland, die mit allen Mitteln eine Sehnsucht nach der Sowjetunion erzeugt, indem sie alles zerstört, was nach Wohlstand und Stabilität aussieht. In einer Szene bitten die Mitarbeiter*innen der Kirche die Menschen, die in ihrem Keller Quartier gefunden haben, zu gehen. Nach Hause, vielleicht auch in verlassene Häuser. Man brauche die Kirche für die Gemeindemitglieder. Und wieder taucht die Frage nach dem Sein auf, denn es gibt keinen Ort mehr dafür.

„Mariupolis 2“ läuft in ausgewählten Programmkinos und der erste Teil in der Arte Mediathek:

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Die Stadt Mariupol steht für den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Während der ukrainische Präsident sie „Herz des Krieges“ nennt, versucht die russische Propaganda, die Ukraine für das Leid der Bevölkerung verantwortlich zu machen. Von Christine Hamel  mehr...

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