Doku-Serie

Wer ist Kanye West? Netflix-Doku „Jeen-Yuhs” versucht hinter die Fassade des Rappers zu blicken

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Christian Batzlen

„Man merkt, da ist jemand, der sich selbst sehr wichtig nimmt“, ist das Fazit von SWR2 Redakteur Max Knieriemen zur Netflix-Doku-Trilogie über Rap-Superstar Kanye West „jeen-yuhs“ (gesprochen wie „genius“). Die Trilogie von den langjährigen Weggefährten des Rappers, den Filmemachern Coodie & Chike, zeichnet mit viel Archivmaterial ein Bild von Wests Anfängen bis zu seiner umstrittenen Präsidentschaftskandidatur 2020.

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Intime Einblicke aus den Anfängen

„Ich hatte Zweifel, dass es nicht zu sehr inszeniert wurde, weil der Filmemacher Coodie Simmons Kanye West sehr nahe steht“, erklärt Max Knieriemen seine Bedenken im Vorfeld. Simmons, der wie West aus der US-Metropole Chicago stammt, war dem damaligen Musikproduzenten und Möchtegern-Rapper Kanye West bis nach New York gefolgt, weil er in ihm Potenzial für Größeres erkannt haben wollte.

Ein schwarzer Mann im T-Shirt stützt sich auf das Mischpult eines Studios auf, er blickt Richtung Aufnahmekabine. Im Hintergrund ein Computer aus der Zeit der späten 2000er. (Foto: Pressestelle, Netflix)
Der Film begleitet den 1977 geborenen Kanye West ab seinen ersten Erfolgen in der Rap-Szene. Ende der 1990er und in den frühen 2000er Jahren macht sich West einen Namen als Musikproduzent. Sein Durchbruch kommt mit der Zusammenarbeit mit Jay-Z und als er den gepitchten „Chipmunk Soul“-Sampling-Stil entwickelt. Pressestelle Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Kanye Wests Ambitionen gehen jedoch über das Produzent sein hinaus — er sucht auch den Erfolg als Rapper. Ende der 1990er passt sein Stil-bewusstes Auftreten jedoch nicht zum populären Gangster-Image. Als West 2002 seine Debüt-Single „Through the Wire“, und ein Jahr später das Album „The College Dropout“ veröffentlicht, straft der Erfolg seine Kritiker Lügen. Pressestelle Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Seit dieser Zeit, als Kanye noch ein „Hustler“ unter vielen war, haben die Filmemacher Coodie (im Bild) & Chike Kanye West begleitet. Neben vielen Stunden Archiv-Material aus seinem Leben und seiner Arbeit entstanden über die Jahre mehrere, teilweise preisgekrönte Musik-Videos, darunter für „Through the Wire“ und „Jesus Walks“. Pressestelle Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Einen besonderen Platz im Leben Wests — und in der Dokumentation — hat Wests 2007 verstorbene Mutter Donda. Die Professorin für Englisch förderte ihren Sohn in seinen künsterlischen Ambitionen. Er benannte unter anderem seine Produktionsfirma und sein 2021 erschienenes Album nach ihr. Pressestelle Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Über die Jahre erweiterte Kanye West seine künstlerischen Projekte in immer mehr Bereiche, vor allem Kunst und Mode. West ist gut vernetzt, entwarf unter anderem Schuhe mit Kult-Status für Adidas („Yeezys“) und pflegte eine enge Freundschaft mit Designer Virgil Abloh. Pressestelle Netflix Bild in Detailansicht öffnen
Das Gesamtkunstwerk Ye: In seinen monumentalen Ansprüchen an Kunst und Musik wirkt West teilweise größenwahnsinnig. Sein sich beständig verändernder Stil wird — bisher — den wechselnden Ansprüchen stets gerecht, egal ob mit Industrial-Techno-Anleihen oder bei christlicher Gospel-Musik oder einer schwebenden Bühne. IMAGO / ZUMA Wire Bild in Detailansicht öffnen
„jeen-yuhs“ begleitet Kanye West auch bei seinen erratischen Ausbrüchen, möglicherweise verursacht von einer psychischen Erkrankung: Kanye unterbricht eine Awards-Zeremonie, wirft US-Präsident George W. Bush im Live-TV Rassismus vor, bezeichnet Sklaverei als eine „Wahl“, freundet sich mit Donald Trump an und scheitert 2020 selbst als Präsidentschaftskandidat. IMAGO / Starface Bild in Detailansicht öffnen
Das nächste Kapitel ist schon angezählt: Mit Noch-Ehefrau Kim Kardashian galt Kanye West als das „Entrepreneur“-Paar des 21. Jahrhunderts, präsent auf allen Bildschirmen und stilprägend für eine ganze Generation. Inzwischen hat die Influencerin, die mit West vier Kinder hat, nach sechs Jahren Ehe die Scheidung eingereicht. IMAGO / UPI Photo Bild in Detailansicht öffnen

Inszenierung als Außenseiter, der sich sehr wichtig nimmt

West erweise sich in den Bildern von seinen Anfängen als jemand, der sich ein bisschen unfreiwillig zur „Wurst“ mache, zitiert SWR2 Redakteur Knieriemen die Süddeutsche Zeitung. „Man könnte das alles ein bisschen souveräner nehmen“, so der Journalist über Wests Ärger, als er etwa auf einer Veranstaltung nicht mit seinem kompletten Künstlernamen angekündigt wird.

„Er inszeniert sich als der krasse Außenseiter, der halt nicht sofort auch rappen darf, sondern nur Platten produziert“, sagt Max Knieriemen. Dabei habe sich zu jener Zeit, Ende der 1990er Jahre, die komplette Szene die Finger geleckt nach Wests Musik-Produktionen.

Trilogie startet am 16. Februar 2022 auf Netflix

Die Trilogie über das Leben des Superstars zeigt ihn von seiner privatesten Seite und ist seit 16. Februar 2022 auf Netflix zu sehen. Für die Hip-Hop-Fans der 2000er, aber auch für Reality-TV Fans sei die Serie mit Sicherheit ein Muss, sagt Knieriemen. Außerdem vielleicht auch für Menschen, die einen Rundum-Blick über Wests Schaffen jenseits der Skandale und Skandälchen der vergangenen 20 Jahre hinaus werfen wollen. „Er war immer ein echt guter Musiker“, ist Max Knieriemen überzeugt.

Trailer zu „jeen-yuhs“

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