Filmkritik Wundersames Flüchtlingsdrama „Jupiter's Moon“

Von Julia Haungs

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczò beschäftigt sich in seinen Filmen und Theaterstücken immer wieder kritisch mit der politischen Situation in seinem Land. Auch sein aktueller Film "Jupiter’s Moon" spielt in Ungarn und erzählt ganz beiläufig viel über die Probleme des Landes.

Keines der üblichen Flüchtlingsdramen

"Jupiter’s Moon" beginnt wie eines der vielen Flüchtlingsdramen, die man seit Jahren in den Kinos sieht. Mit dokumentarischer Genauigkeit erzählt Kornél Mundruczò wie der junge Syrer Aryan nachts mithilfe eines Schleppers über die Grenze von Serbien nach Ungarn gelangt.

Erschossener Flüchtling kann fliegen

Die ungarische Polizei entdeckt das Boot. Die Menschen springen panisch ins Wasser. Aryan wird von einem der Grenzschützer erschossen. Und völlig unerwartet nimmt der Film eine surrealistische Wendung.

Der junge Syrer, der doch eigentlich tot sein müsste, erhebt sich in die Luft. Er wirbelt herum, wie durch ein Wunder lebt er weiter und kann fortan fliegen.

Schwebekunststücke für einen neuen Pass

Der Arzt Gabor Stern erkennt schnell, welches finanzielle Potential in Aryan schlummert. Er bietet ihm einen Handel an: Schwebekunststücke vor reichen Patienten gegen Hilfe, um an einen neuen Pass zu kommen.

Ist Aryan ein höheres Wesen? Ein Engel? Oder doch eher eine Art Superheld mit Migrationshintergrund? Kornél Mundruczò, Regisseur dieser wundersamen Geschichte, lässt es offen. Und schickt seinen sanftmütigen Protagonisten durch das Ungarn von heute.

Dr. Stern (Merab Ninidze) und Aryan (Zsombor Jéger) (Foto: NFP Filmverleih - NFP Filmverleih)
Dr. Stern (Merab Ninidze) und Aryan (Zsombor Jéger) NFP Filmverleih - NFP Filmverleih

Ungarn heute, in düsteren Farben gezeichnet

In düsteren Farben zeichnet er das Bild eines maroden Landes, dem die Ärzte weglaufen, weil es nichts zu verdienen gibt. Eine egoistische Gesellschaft, in der Rassismus genauso alltäglich ist wie die allgegenwärtige Korruption.

Ausgehöhltes Rechtssystem

Ein Staat, der sein Rechtssystem immer weiter aushöhlt. Wie weitreichend zum Beispiel die Befugnisse der Polizei sind, bekommt Aryan zu spüren, als sie flächendeckend nach ihm als vermeintlichem Terroristen fahndet.

Kinostart 22.11. Jupiter´s Moon von Kornél Mundruczó

Aryan (Zsombor Jéger) (Foto: NFP Filmverleih - NFP Filmverleih)
Der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger) wird beim illegalen Grenzübertritt von Serbien nach Ungarn angeschossen. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Noch unter Schock entdeckt der Verwundete, dass er plötzlich durch die Kraft seiner Gedanken schweben kann. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Im Flüchtlingslager bekommt der Arzt Dr. Stern (Merab Ninidze) Wind von Aryans übernatürlichen Fähigkeiten. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Als er von den Wunderkräften erfährt, wittert er ein lukratives Geschäft. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Er will den jungen Mann reichen Patienten als Beispiel einer Wunderheilung verkaufen. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Aber ist Aryan in Wirklichkeit nicht vielleicht doch ein Engel oder ein noch höheres Wesen? NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
JUPITER’S MOON ist ein fantastischer Mix aus politischer Parabel und sarkastischem Superhelden-Epos. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Trotz seiner übernatürlichen Elemente spielt der atemberaubende Film vor einem realen politischen Hintergrund im Ungarn von heute. NFP Filmverleih - NFP Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Jesusähnlicher Erlöser gesucht

Einen jesusähnlichen Erlöser könnte diese kalte, dysfunktionale Gesellschaft auf jeden Fall gut gebrauchen. Und Aryan, der so anmutig schwebt und wenig spricht, eignet sich bestens als Projektionsfläche. Mundruczo eröffnet in "Jupiter’s Moon" ein weites metaphorisches Feld.

Rastlose Hetze durch den Film

Es ist oft von Schuld, Strafe, Vergebung und Bekehrung die Rede. Wirklich konkret wird der Film aber nie. Stattdessen hastet er rastlos von einem Thema zum nächsten. Verhandelt die Flüchtlingskrise und islamistischen Terror, die Probleme der ungarischen Gesellschaft im Speziellen und die fehlende Spiritualität Europas im Allgemeinen.

Kaum Raum für die Charaktere

Für die Charaktere und ihre Entwicklung ist bei diesem thematischen Overkill kaum noch Raum übrig. Gegen Ende überlagert ein Showdown mit wildem Geballer, splitternden Glasscheiben und Auto-Verfolgungsjagden sowieso alle anderen Überlegungen.

So konventionell diese lange Action-Sequenz teilweise gedreht ist, so visuell einfallsreich ist der Rest des Films. Am Ende ist man sicher, eine bildgewaltige Parabel gesehen zu haben. Für was genau, bleibt aber seltsam unklar.

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