Gespräch

Juden im Land der „Erinnerungsweltmeister“: Arkadij Khaet über den Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“

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Juden würden in Deutschland in eine lästige Rolle gedrängt, sagt Regisseur Arkadij Khaet in SWR2 über seinen Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“: „Die Rolle des Juden, der auf jeder Gedenkveranstaltung danebensteht und jedes ,Nie wieder!‘ verständnisvoll abnickt“, sich vielleicht sogar, mit Blick auf den Mordanschlag auf die Synagoge in Halle, „auch noch für die stabile Eichentür bedankt“. Das Narrativ von den Deutschen als „Erinnerungsweltmeister“ sei ein Märchen, so Khaet. Jüdinnen und Juden würden in Deutschland auch in den Medien häufig noch immer so beschrieben, als ob sie nicht zum Land gehörten und mit ihnen eine Art „Artenschutz“ betrieben werde.

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Masel Tov Cocktail von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Foto: ard-foto s2-intern/extern, SWR / Filmakademie Baden-Württemberg)
Der 16 jährige Dima (Alexander Wertmann) ist Sohn russischer Einwanderer, Schüler am Gymnasium und er ist Jude. Nachdem ein Klassenkamerad ihn mit einem Juden-Witz provoziert, schlägt Dima ihn. ard-foto s2-intern/extern SWR / Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Für Dima hat sein Verhalten einen Schulverweis zur Folge, verbunden mit der Auflage, sich bei seinem Klassenkameraden zu entschuldigen. ard-foto s2-intern/extern SWR / Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Auf dem Weg zur erzwungenen Entschuldigung führt zu einer Vielzahl von Begegnungen mit Menschen, die alle eine Haltung zu Juden, zum Judentum, zu dem, was sie für erwähnenswert halten, haben. ard-foto s2-intern/extern SWR / Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Vom naiven Philosemitismus, über Ignoranz, Zionismus bis zum Antisemitismus erlebt Dima wie im Zeitraffer, was in Deutschland zum Judentum gedacht und laut oder leise gesagt wird. ard-foto s2-intern/extern SWR / Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Die beiden Regisseure Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch. ard-foto s2-intern/extern SWR / Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen

Zurückschlagen als innerer Akt der Befreiung

Vor diesem Hintergrund spielt „Masel Tov Cocktail“, in dem Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch das Leben des jüdischen, 16-jährigen Dima beschreiben, der entsprechende Erfahrungen macht und dabei nicht in die Opferrolle geraten will. Als ihn ein Mitschüler antisemitisch beleidigt, schlägt er zurück.

„Unser guilty-pleasure-Moment“, sagt Khaet über diese Szene. „Wenn ich von antisemitischen Übergriffen in der Presse lese – in der letzten Zeit immer häufiger –, dann wünsche ich mir manchmal innerlich, dass jemand mal zurückschlägt, dass wir zurückschlagen. Und das geht natürlich nicht.“ Der Film biete aber diese Szene als eine Art der inneren Befreiung.

„Masel Tov Cocktail“ in Kunscht

Wie Antisemitismus bekämpft wird? Warum muss ich das beantworten?

Im Drehbuch zum Film, so Khaet, tauchten „Archetypen des deutsch-jüdischen Miteinanders“ auf, die man vielleicht nicht, so wie im Film, innerhalb eines Tages treffen werde, letztlich aber alle zu den typischen Begegnungen von Jüdinnen und Juden in Deutschland gehörten.

Zu den dümmsten Fragen gehöre dabei immer wieder, so Arkadij Khaet, wie sich am Antisemitismus in Deutschland etwas ändern lasse: „Keine Ahnung! Warum bin ich derjenige, der das beantworten muss? Es ist die Aufgabe der deutschen Gesamtgesellschaft, die Antworten dazu zu liefern.“

Der Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (gefördert von der Filmakademie Baden-Württemberg) ist für den Deutschen Kurzfilmpreis 2020 nominiert. Zu sehen ist er bis Februar 2021 in der ARD Mediathek.

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