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Jan Böhmermann hat mit dem ZDF Magazin Royale nun eine Late Night Show im Hauptprogramm des Mainzer Senders. Das Thema der ersten Ausgabe waren Verschwörungstheorien, Böhmermanns Botschaft: nicht irgendwelche dunklen Mächte stricken im Verborgenen am Weltuntergang, das größte Problem der Gegenwart sei die ungleiche Verteilung von Gütern. Vielleicht hat er Recht. Aber Recht haben ist nicht zwangsläufig gute Unterhaltung.

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Spencer ist ein alter Sack mit Aluhut

Kennen Sie „Hallo Spencer“? Ich bin Anfang 40, ungefähr so alt wie Jan Böhmermann, und ich erinnere mich dunkel daran, dass „Hallo Spencer“ in meiner Kindheit die Sendung war, die mit der „Sesamstraße“ konkurrierte. Spencer ist eine Figur wie Kermit der Frosch, ein Fernsehmoderator und Journalist, breaking news erreichen ihn per Rohrpost. Und ich hätte ihn vergessen – wenn er nicht von Jan Böhmermann aus dem medialen Unterbewusstsein gezogen worden wäre.

Spencer ist der Gast in Böhmermanns Real-TV-Premiere. Er ist mittlerweile ein alter Sack mit Alu-Hut. Der nicht mehr per Fernsehstudio und Rohrpost sendet, sondern über Telegram.

Alles sehr retro: wie sich Nicht-Zuschauer das ZDF vorstellen

Spencer und Böhmermann, das erinnert an die Auftritte von Kermit der Frosch bei US-Komiker Jimmy Fallon. Aber das sind eben Kermit und Fallon. Natürlich sind auch Böhmermann und Spencer amüsant. Aber so, wie Spencer im Vergleich zu Kermit doch eher ein C-Promi ist, wirkt dieser ganze Auftritt sehr retro. Vielleicht so, wie sich Nicht-Fernsehzuschauer das ZDF-Hauptprogramm vorstellen.

Nur zur Erinnerung: beim Neo-Magazin Royale hatte Böhmermann mit seinem Erdoğan-Gedicht eine Staatskrise provoziert, hatte dem griechischen Finanzminister einen Stinkefinger untergejubelt. Bei Böhmermanns Shows trafen im besten Fall Respektlosigkeit und humanistischer Aufklärungswille aufeinander – beim Erdoğan-Gedicht zwang er am Ende die deutsche Politik zur Auseinandersetzung mit der Meinungsfreiheit in der Türkei. Und der Fake-Stinkefinger des griechischen Finanzministers zeigte deutlich, wie die Griech*innen unter den Sparzwängen der EU litten.

Der Humor von Jan Böhmermann ... wird öffentlich-rechtlicher

Schnee von gestern. Vielleicht bin ich auch nur mit Jan Böhmermann älter geworden, und dabei verliert man bekanntlich nicht nur ein paar Haare. Oft treten Eigenschaften, die man als junger Mensch hatte, deutlicher hervor. Bei Böhmermann wird der Humor – nun ja, öffentlich-rechtlicher.

Im Grunde läuft die gesamte Show auf diese Botschaft an Attila Hildmanns Telegram-Gruppe hinaus: Bill Gates will keine geheime Weltregierung anführen – er will einfach keine Steuern zahlen. Man braucht Böhmermann zufolge auch gar keine dunklen Verschwörungstheorien, die Wirklichkeit ist dunkel genug. Immerhin hätten einige deutsche Milliardärsfamilien die Grundlage ihres Vermögens im Dritten Reich gelegt.

Recht haben ist nicht zwangsläufig gute Unterhaltung

Das ist ein Skandal. Böhmermann hat also Recht. Aber Recht haben ist nicht zwangsläufig gute Unterhaltung. Und – anders als etwa beim Erdoğan-Gedicht – wird diese Show weder die Reichen noch die Regierung zu irgendetwas zwingen.

Das Beste kommt am Schluss – da tritt HP Baxxter auf, der Frontman der Technoband Scooter. Der ist natürlich genau das Ironie-Level von weißen, mittelalten 90er-Jahre-Säcken wie Böhmermann und mir. Baxxter singt „Fuck 2020“ und bringt damit dieses Trump-Pandemie-Krisen-Depressionsjahr auf den Punkt. Auf Böhmermanns Show bezogen heißt das aber auch: das Beste kommt hoffentlich noch.

ZDF Magazin Royale mit Jan Böhmermann vom 6. November 2020

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