Großer Preis der Jury | Berlinale „Grâce à Dieu“ - das Wegschauen der katholischen Kirche

Von Julia Haungs

Der Skandal erschüttert die französische katholische Kirche. In Paris steht seit Anfang des Jahres der Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, vor Gericht. Er soll sexuelle Übergriffe des Priesters Bernard Preynat vertuscht haben. Die Geschichte der Opfer Preynats hat François Ozon in seinem aktuellen Film "Grâce à Dieu" aufgearbeitet. Preynats Anwalt versucht, den Kinostart am 20.2. in Frankreich zu verhindern. Bei der Berlinale feierte der Film am 8.2. Weltpremiere.

Entlarvende Formulierung

Es ist eine entlarvende Formulierung: "Grâce à Dieu", Gott sei Dank, seien die Vorfälle ja verjährt, sagt Erzbischof Philippe Barbarin bei einer Pressekonferenz 2016. Da soll er erklären, warum er die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch, die dem Priester Bernard Preynat zwischen 1986 bis 1991 zur Last gelegt werden, nicht selbst zur Anzeige gebracht hat. Und zwar schon vor Jahren.

Sträflichen Nichtstun der Katholischen Kirche

Die drei kleinen Worte zeigen, woher der Wind weht in dieser Geschichte vom Wegsehen und sträflichen Nichtstun der Katholischen Kirche in Sachen Missbrauch. Mitleid, Empathie, vielleicht sogar ein Schuldeingeständnis haben die Opfer nicht zu erwarten.

Altbekannte Tatsachen

Die Geschichte kommt einem bekannt vor. Es hat in den letzten Jahren weltweit etliche solcher Skandale gegeben. Und es werden vermutlich auch noch einige kommen. Alles schon bekannt also?

François Ozon gibt sich nicht zufrieden damit, dass man diese Tatsachen fast schon achselzuckend hinnimmt. In "Grâce à Dieu" erzählt er mit großer Dringlichkeit, was sexueller Missbrauch lebenslang für die Opfer bedeutet.

Berlinale-Wettbewerb 2019 "Grâce à Dieu" von François Ozon

Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mitsamt Frau und Kindern in Lyon. (Foto: MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ)
Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mitsamt Frau und Kindern in Lyon. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen
Er ist Katholik und erfährt eines Tages durch Zufall, dass der Priester, der ihn einst missbrauchte, als er noch bei den Pfadfindern war, noch immer mit Kindern arbeitet. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen
Diesen Gedanken kann Alexandre nicht ertragen und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen
Mit François (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud) schließen sich ihm zwei weitere Opfer an. Gemeinsam wollen sie juristisch gegen die Erzdiözese vorgehen. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen
So wollen sie sich von der Last ihres Schweigens befreien, auch wenn sie die Konsequenzen der Tat nie wieder loslassen werden. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur François Ozon erzählt in "Grâce à Dieu" mit großer Dringlichkeit, was sexueller Missbrauch lebenslang für die Opfer bedeutet. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ Bild in Detailansicht öffnen

Ozon erzählt sachlich geradeaus

Kritiker haben Ozon in der Vergangenheit manches Mal vorgeworfen, er mache Filme über Zeitgeist-Neurosen, zelebriere das Opfer-Sein mit raffinierter Ästhetik. In "Grâce à Dieu" kann davon keine Rede sein.

Ozon erzählt die Geschichte ziemlich geradeaus, ohne emotionale Überwältigungseffekte und ohne sich visuell zu verkünsteln: akribisch, sachlich, dabei jeden Einzelnen mit seiner individuellen Opferbiographie ernst nehmend.

Zuständiger Bischof beschwichtigt  

Es beginnt mit der Geschichte des gläubigen Katholiken Alexandre, einem gut situierten Vater von fünf Kindern. Als er erfährt, dass der Priester der ihn bei Pfadfinder-Freizeiten mehrfach missbraucht hatte, auch über 20 Jahre später noch mit Kindern zu tun hat, nimmt er Kontakt mit der Kirche auf.

Im persönlichen Gespräch gibt Preynat sofort alles zu: er sei eben krank. Zu einer Entschuldigung kann er sich aber nicht aufraffen. Der zuständige Bischof Philippe Barbarin, beschwichtigt und spielt auf Zeit.

Diesen Gedanken kann Alexandre nicht ertragen und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. (Foto: MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ)
Diesen Gedanken kann Alexandre nicht ertragen und beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ

Endlose E-Mail-Wechsel

Ozon lässt die endlos langen, höflichen und völlig folgenlosen E-Mail-Wechsel verlesen. Aus ihnen wird klar, dass die Kirche nicht viel gelernt hat aus den Skandalen der letzten Jahre. Man werde für Alexandre beten, ist die Formulierung, die am häufigsten fällt. Schließlich gibt dieser die Hoffnung auf, dass die Kirche Maßnahmen gegen Preynat ergreift und reicht Klage ein. Auch wenn sein Fall verjährt ist.

Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mitsamt Frau und Kindern in Lyon. Er ist Katholik und erfährt eines Tages durch Zufall, dass der Priester, der ihn einst missbrauchte, als er noch bei den Pfadfindern w (Foto: MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ)
Alexandre (Melvil Poupaud) lebt mitsamt Frau und Kindern in Lyon. Er ist Katholik und erfährt eines Tages durch Zufall, dass der Priester, der ihn einst missbrauchte, als er noch bei den Pfadfindern war, noch immer mit Kindern arbeitet. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ

Opfer klagen die Diözese an

Nach und nach finden sich immer mehr Opfer des gleichen Priesters zusammen. Nach Jahren des Schweigens gründen sie den Verein "Das befreite Wort". Und sie klagen gegen die Diözese, die so lange untätig geblieben ist, obwohl Preynat seine Taten intern längst gestanden hatte. 

Ozon nimmt sich Zeit und erzählt am Beispiel weiterer Opfer, wie unterschiedlich die Männer als Erwachsene mit dem erlittenen Missbrauch umgehen. Manche haben ihn jahrelang verdrängt, andere belastet er psychisch so, dass sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe kriegen.

Regisseur Francois Ozon (Foto: MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ)
Regisseur François Ozon erzählt in "Grâce à Dieu" mit großer Dringlichkeit, was sexueller Missbrauch lebenslang für die Opfer bedeutet. MANDARIN PRODUCTION & FOZ - MANDARIN PRODUCTION & FOZ

Großartige Schauspieler

Die großartigen Schauspieler zeigen verschiedene Facetten einer fraglichen Männlichkeit, die in ihrer Verletzlichkeit berührt. Was der Priester den Jungen angetan hat, geben sie quälend genau zu Protokoll. Zu sehen bekommt man nur kurze Flashbacks: ein langer Blick des Priesters, die Hand auf der Schulter eines Jungen, eine sich schließende Tür, der Rest des Horrors ergänzt sich automatisch.

Film vermeidet alles Voyeuristische

So vermeidet der Film alles Voyeuristische. Auch die Rolle der Eltern wird ausgeleuchtet. Denn das Schweige-System der Kirche hat ja unter anderem deswegen so gut funktioniert, weil viele Eltern nicht wahrhaben wollten, was ihren Kindern von der Kirche angetan wurde. Nach wie vor genießt die Katholische Kirche in Frankreich großes Ansehen und spielt mit ihren Kinder- und Jugendfreizeiten eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Ob sich das mit dem aktuellen Skandal ändert?

Juristisches Nachspiel dauert an

In der Realität dauert das juristische Nachspiel jedenfalls noch an: das Urteil gegen Erzbischof Barbarin wegen "Nichtanzeige sexueller Übergriffe" wird für den 7. März erwartet. Auf Bernard Preynat wartet ein eigener Prozess.

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