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Das ZDF verfilmt Dörte Hansens Debütroman „Altes Land“ als „Event-Zweiteiler“: die Geschichte einer Frau, die als Kind mit ihrer Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg auf einem Hof bei Hamburg strandet und für den Rest ihres Lebens dort bleibt. Der Sehnsucht der Städter nach dem Landleben kann sie nicht viel abgewinnen. Stattdessen wird ihr Weltbild von ihrer Nichte noch einmal gehörig durcheinandergewirbelt. Starke Frauenperspektiven zeichnen diesen Film aus, ein kitschfreier Tonfall und eine Iris Berben in Hochform.

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Trügerisches norddeutsches Landidyll

Schön ist der Norden: Schafe, Reetdächer, Fachwerk, Pferdekoppeln und natürlich überall Apfelbäume! Anfangs sieht das Alte Land in diesem Film tatsächlich so aus wie Tourismusbroschüren die Gegend hinter Hamburg um Stade und Buxtehude ausmalen – aber das ländliche Spießertum lauert hinter jeder Kurve.

Vera hat über Jahrzehnte hier mit ihrem Stiefvater gelebt, auf einem großen Hof, der langsam verfällt. Nach seinem Tod will sie erstmal niemanden sehen, selbst ihre Nichte Anne nicht.

Film „Altes Land“ von Sherry Hormann

"Altes Land" von Sherry Hormann (Foto: Pressestelle, ZDF)
Vera (Iris Berben) ist eigenwillig und lebt seit ihrer Kindheit auf einem Hof im idyllischen Alten Land. Sie hat viele Eigenheiten und versperrt sich mit aller Kraft gegen jedwede Veränderung. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Als Kriegsflüchtling strandete die kleine Vera gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Hof, der ihr sehr viel bedeutet. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Vera hat kaum Kontakte zu anderen Menschen. Einzig ihr Nachbar Hinni (Peter Kurth) ist so etwas wie ein Freund für sie. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Das Verhältnis zu ihrer Halbschwester Marlene (Nina Kunzendorf) ist zerrüttet. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Dementsprechend ist Vera nicht begeistert, als Marlenes Tochter Anne (Svenja Liesau) plötzlich mit ihrem vierjährigen Sohn auf dem Hof aufkreuzt. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Doch Vera erkennt Annes Nöte – nirgendwo dazuzugehören, nicht angekommen zu sein, ein Zuhause zu suchen und Wurzeln schlagen zu wollen. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen
Diese beiden Frauen verbindet viel mehr, als sie zu diesem Zeitpunkt ahnen. Denn genau in dieser Konstellation werden alte Wunden und das Familientrauma, alles verloren zu haben, heilen können. Pressestelle ZDF Bild in Detailansicht öffnen

Sehnsucht nach Heimat als generationenübergreifendes Thema

„Ankommen“ und „Bleiben“ lauten die Untertitel der beiden Abschnitte, in die das ZDF den überaus beliebten Roman von Dörte Hansen geteilt hat. Er handelt von kleinen und großen Fluchten, von der generationenübergreifenden Suche und der Sehnsucht nach Heimat oder dem, was man dafür hält.

In permanenten Zeitsprüngen begleiten die Filme die Hauptfigur Vera, gespielt von Iris Berben, durch ihre Erinnerungen. Zentraler Beginn: die Flucht mit der Mutter bei Kriegsende. Ehemals polnischer Landadel, jetzt versprengt in die norddeutsche Provinz. Trotzdem hätte sich die kleine Vera gerne heimisch gefühlt.

"Altes Land" von Sherry Hormann (Foto: Pressestelle, ZDF)
Vera und ihre Mutter kommen auf dem Hof an. Pressestelle ZDF

Zeitsprünge zwischen Kriegsende und Gegenwart

Nach der Flucht der Mutter in die Stadt, in die Arme eines weltgewandten reichen Mannes, bleibt Vera auf dem Hof zurück – und lernt sich durchzuschlagen. Studium, eigene Zahnarztpraxis auf dem Land, den Vater pflegen: Ein Leben als fast schon trotziger Kampf. Und so ziemlich das komplette Gegenteil zu dem elitär kulturbeflissenen Alltag ihrer Halbschwester in Hamburg.

"Altes Land" von Sherry Hormann (Foto: Pressestelle, ZDF)
Vera und ihre Halbschwester Marlene (Nina Kunzendorf) Pressestelle ZDF

Solide Leistung des Schauspielerensembles

Matthias Matschke gibt als zeitgeistsuchender Journalist den bitter komödiantischen Part des Films, Milan Peschel hat als Stiefvater einige anrührende Momente. Die im Alter immer facettenreichere Iris Berben ist aber als zunächst wortkarg verhärmte Vera mit weißen Haaren und demonstrativ vielen Falten der Planet, um den hier alles kreist. Erst spät lässt sie sich von ihrer Nichte und deren kleinem Sohn aus der Reserve locken.

Kein Feelgood-Heimatfilm, sondern kitschfreie, gute Unterhaltung

„Altes Land“ lebt von seiner starken Frauenperspektive, Regisseurin Sherry Horman hat das Schauspielensemble hervorragend geführt und einen wohltuend kitschfreien Tonfall beibehalten. Allerdings kann sich der Film nicht so recht entscheiden, ob er sich vom Landleben in seiner Gleichmut und Beharrlichkeit absetzen oder ihm ein Loblied singen soll – gerade wegen der Distanz zum städtisch modernen Selbstverwirklichungsstress in Beruf und Beziehung.

In den besten Momenten gelingt es, diesen Zwiespalt offen zu halten. Der Rest ist gut gemachte Unterhaltung, die der Generation Landlust nicht allzu viel abverlangt, vom Feelgood-Heimatfilm aber doch ein ganzes Stück weit entfernt ist.

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