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Intensität und Freiheit – Alejandro González Iñárritus ausgezeichneter Film „Bardo“

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Rüdiger Suchsland

„Bardo“, der neueste Spielfilm vom Mexikaner Alejandro González Iñárritu, erzählt in Tagträumen und Visionen anhand eines Schriftstellers die Geschichte eines ganzen Landes.

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Absurdismus regiert

Alles beginnt mit erstaunlichen Bildern, absurden Szenen in schneller Abfolge: Dreimal hebt ein Schatten vom Wüstensand ab, erst beim dritten Mal fliegt er auch davon, und die Leinwand zeigt Wüste von oben so weit das Auge blicken kann.

Die zweite Szene zeigt dann eine Geburt: Irgendetwas ist mit dem Neugeborenen. „Er will drin bleiben“ sagt der Arzt fassungslos. Das dritte Bild zeigt dann die Hauptfigur beim morgendlichen Aufstehen: Ein Schriftsteller, der sich auf ein Interview vorbereitet.

In den Fernsehnachrichten hört er: „Amazon kauft Mexikos Bundesstaat Baja California“. Nein, es ist keine ganz realistische Welt, die Alejandro González Iñárritu zeigt. Absurdismus regiert.

Bardo (Foto: Netflix © 2022)
„Bardo“ feierte bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig seine Premiere. Netflix © 2022

Ein episodisches Stationendrama

„Bardo“, der neueste Spielfilm vom Mexikaner Alejandro González Iñárritu, der im Untertitel „Falsche Chronik einiger Wahrheiten“ heißt, erzählt drei Stunden lang und eher episch als dramatisch, ein mit vielen Tagträumen und Phantasien gespicktes episodisches Stationendrama über einen Schriftsteller in der Lebenskrise.

In Tagträumen und Visionen begegnet der Schriftsteller sich selbst in der Kindheit; er begegnet seinem toten Vater; seinem ungeborenen Sohn; den Frauen seines Lebens; aber er begegnet auch den Toten der mexikanischen Geschichte.

Im Zentrum steht ein Endfünfziger, Schriftsteller und Journalist, der einen großen Preis gewinnt, und aus diesem Anlass auf sein Leben zurückblickt.

Bardo (Foto: Netflix © 2022)
Nachdem Der erfolgreiche Journalist und Dokumentarfilmemacher Silverio Gama (Daniel Giménez Cacho) einen renommierten Medienpreis erhalten soll, bricht er auf in seine Heimat Mexiko-City. Netflix © 2022

Der Regisseur will immer alles

Iñárritu schafft immer wieder großartige Bilder: sie sind katholisch, sinnlich, satt: Zum Beispiel eine Mutter, die im Krankenhausgang eine meterlange Nabelschnur hinter sich her zieht, einen Haufen von Toten auf dem größten Platz von Mexiko-City; eine Wohnung voller Sand; eine Straßenbahn voller Wasser. 


Dieser Regisseur will immer alles: eine persönliche Geschichte erzählen, und die Geschichte eines ganzen Landes, seines Mexiko; er will dem großen Federico Fellini huldigen und sehr, sehr große Bilder schaffen voller surrealer und phantastischer Effekte.

Bardo (Foto: Netflix © 2022)
In Mexiko-City verschwimmen nach und nach Gegenwart, seine Erinnerungen, sein jüngstes Filmprojekt und seine neuesten Träume. Netflix © 2022

Liebe zum Detail

„Bardo“ ist eines dieser Werke, in denen alles eine Rolle spielt. Ob ein scheinbar irrelevantes visuelles Detail oder sogar ein bestimmtes Geräusch, das wir zwei Minuten später vergessen (glauben) - Iñárritu beweist eine wirklich beeindruckende Liebe zum Detail.

Bardo (Foto: Netflix © 2022)
Jede Szene ist gekonnt in langen, ununterbrochenen Einstellungen gedreht, wobei die Kameraführung, Schnitt, Bildgestaltung allesamt meisterlich sind.  Netflix © 2022

Die Erzählung erreicht ihren Höhepunkt, als sie sich der Frage zuwendet, wie sich die Einwanderung auf die Ambitionen, die Wünsche und das gesamte Leben jedes Mitglieds dieser Familie im Mittelpunkt de Films ausgewirkt hat.

Worauf es im Leben wirklich ankommt

Die Heuchelei, die in den Diskussionen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Mexiko zum Ausdruck kommt, ist scharf und für einen Augenblick sehr realistisch.

Bardo (Foto: Netflix © 2022)
Was eine einfache Reise sein sollte, wird so zur existenzialistischen Frage, was es in der heutigen Zeit bedeutet, ein Mensch zu sein. Netflix © 2022

Ein ausgezeichneter Film, gutgelaunt, mit viel Musik und sehr musikalisch inszeniert: „Bardo“ ist ein Manifest gegen die, wie es im Film heißt, „pasteurisierte Wirklichkeit“ unseres Lebens in den reichen westlichen Ländern. Gegen das allzu brave, gedämpfte, überregulierte Leben, das zwar Sicherheit und Wohlstand bietet, aber uns – so zeigt dieser Film und so argumentiert seine Hauptfigur – vergessen lässt, worauf es im Leben wirklich ankommt: Intensität und Freiheit.

Der Trailer zu „Bardo“:

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