Filmkritik "Wir" von Jordan Peele – Intelligentes Horrorkino

Von Rüdiger Suchsland

In den USA sorgte der Film "Us", auf deutsch "Wir", von Jordan Peele schon im Vorfeld seines Filmstarts für Furore. "Us" hat fast durchgängig schwarze Hauptdarsteller und behandelt die Geschichte eines Landes, dass von seiner eigenen Unterwelt heimgesucht wird.

Untypischer Horrorfilm

Man sollte nicht darum herum reden: Dies ist ein Horrorfilm. Aber er ist untypisch, vergleichsweise ruhig und mild erzählt. Und vor allem gehört er zu den intelligentesten, spannendsten und schönsten US-amerikanischen Filmen der letzten Jahre.

Gedreht von Jordan Peele, einem noch sehr jungen und vor allem schwarzen Regisseur, mit fast durchweg schwarzen, auch in Amerika wenig bekannten Hauptdarstellern. Man muss die Hautfarbe thematisieren, denn der Film rückt sie selber ins Zentrum, offen, wie versteckt.

Frühkindliches Schüsselerlebnis

Es geht ganz großartig los, mit einem Rückblick ins Jahr 1986, einem Schlüsselereignis in der Kindheit der Hauptfigur, das sich, dies gehört zu den bekannten Archetypen des Horrorfilms, erst gegen Ende in all seinen Konsequenzen auflösen wird.

Wir werden Zeuge der Geschichte eines kleinen Mädchens: Adelaide, die mit ihren Eltern einen Vergnügungspark besucht. Sie trifft auf verzerrende Spiegel, dann fällt der Strom aus und es wird dunkel. Wir erinnern uns, dass auch der Ursprung des Kinos im Vergnügungspark liegt, im dunklen Saal.

Verdrängtes kommt zurück

Dann treffen wir Adelaide wieder als Erwachsene. Mit ihrer Familie macht sie Urlaub, und schnell ist klar: Sie hat, was immer ihr seinerzeit geschah, nur oberflächlich überwunden. Ihren Kindern ist sie eine überbesorgte Mutter, ihrem Mann eine leicht hysterische Gattin. Bald scheinen sich überall die kleinen Zufälle zu häufen, die das Verdrängte zurückbringen.

Kinostart 21.03. Wir von Jordan Peele

Lupita Nyong'o mit ihren beiden Kindern im Film "Wir". (Foto: upiMedia -)
Als sich die Wilsons nach einem Tag am Strand in ihrem Haus zurückziehen wollen, werden sie von Geräuschen in der Einfahrt alarmiert. upiMedia - Bild in Detailansicht öffnen
Brutal versuchen die Fremden, in das Haus der Wilsons einzudringen. Vater Gabe (Winston Duke) tut sein Bestes, um seine Kinder vor der Bedrohung zu schützen. upiMedia - Bild in Detailansicht öffnen
Doch es gibt kein Entkommen vor der mysteriösen Familie und die Wilsons müssen sich ihrem Schicksal stellen. upiMedia - Bild in Detailansicht öffnen

Mordende Doppelgänger

Und eines Abends stehen dann vor der Tür des Ferienhauses vier Gestalten, die ganz in Rot gekleidet sind und sonst genauso aussehen wie Adelaide und ihre Familie. Sie sind, das ist schnell klar, gekommen, um zu bleiben, sie nehmen sich Zeit, sie drohen, sie morden. Und es gibt viele.

Auch anderen begegnen in dieser Nacht ihre Doppelgänger, die sich selbst "Schatten" nennen, und die sich offenbar an ihrer Lichtseite rächen wollen. Rational erklärbar ist das alles nicht, objektiven Sinn macht es aber durchaus, denn Horrorstoffe sind schon immer Ausdruck des Irrationalen gewesen.

Ein Film über Rassismus

Sehr unterhaltsam und wunderbar inszeniert, hat dieser Film von den großen Meistern gelernt: Michael Hanekes "Funny Games" wird ebenso offen zitiert wie Stanley Kubricks "Shining" und "Clockwork Orange", wie Filme von John Carpenter und Wes Craven.

Vor allem aber ist dies ein Film über Rassismus, voller diverser Verweise auf schwarze Kultur: Etwa der Song "Fleurs" der tollen Minnie Ripperton. Zugleich macht der Film klar: Die Schwarzen hier sind eben auch "Amerika".

Sie haben all die Traumata, all die Perversionen in sich, die das Kino dem weißen Mittelstand aus Suburbia seit jeher diagnostiziert.

"Good Vibrations" als Horror Song

Originell wird mit Musik gearbeitet: Als eine weiße Familie von den Rotwesten heimgesucht wird, wird der Beach Boys-Song: "Good Vibrations" zum Horror Song.

In Szenen wie dieser schießt der Film zugleich über sich selbst hinaus und spiegelt einfach den Rassismus der Weißen. So wie auch in der Entmächtigung des Mannes durch eine Frau ein triumphales Moment liegt, ein Stück Feier, dass die Unterdrückung ausnahmsweise einmal in die entgegengesetzte Richtung läuft.

Großartiger surrealer Showdown

Am Ende führt ein großartig designter surrealer Showdown dann mit einer Rolltreppe in einen Keller, eine Unterwelt, die auch wie eine Galerie der Performance-Art und des "Modern Dance" wirkt. Da sind die Frauen unter sich. Der Film selbst aber nimmt Partei für Jugendkultur gegen den Moralismus der Erwachsenen.

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