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Indie-Film „The Ordinaries“ räumt beim Filmfest München im großen Stil ab

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Rüdiger Suchsland

Eine Gesellschaftssatire, die in einer filmischen Fantasiewelt spielt, in der die Gesellschaft in drei Hauptklassen unterteilt ist, die sich aus Nebenfiguren, Hauptfiguren und Outtakes zusammensetzen – der Förderpreis Deutsches Kino ging gleich doppelt an Sophie Linnenbaums originelle Science-Fiction-Satire „The Ordinaries“.

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Am Samstagabend ging die 39. Auflage des Filmfests München zuende. Die wichtigste Reihe ist seit jeher die einzige Reihe mit Premieren: Der Wettbewerb der deutschen Filme. 15 Filme wurden dort gezeigt.

Einer der originellsten Filme seit langem

„The Ordinaries“ist einer der schrägsten und originellsten Filme seit langem. So etwas hat man eigentlich noch nie gesehen, schon gar nicht aus Deutschland – und darum sind die zwei großen Preise und die insgesamt 50000 Euro Preisgeld, die die Jury beim Filmfest München zum Abschluss an Sophie Linnenbaums Debütfilm vergab, auch sehr gut zu verstehen.

Dies ist eine Gesellschaftssatire, die in einer filmischen Phantasiewelt spielt, in der die Gesellschaft in drei Hauptklassen unterteilt ist, die sich aus Nebenfiguren, Hauptfiguren und Outtakes zusammensetzen.

Also ein Film, in dem Filmfiguren die Hauptrollen spielen, und Plot Points und Filmschnitte und Ähnliches, das man eigentlich nur aus Filmhochschulseminaren und Drehbuchratgebern kennt.

Atmosphärisch und unterhaltsam

Fine Sendel spielt eine ehrgeizige junge Frau namens Paula, die von einer Nebenrolle zu einer Hauptfigur aufsteigen will. Ein gewagter Schritt, der spannende Konsequenzen hat. Paula sucht ihren Vater, kämpft zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibung und stellt schließlich die gesamte Handlung in Frage, weil sie das Drehbuch nicht akzeptiert.

Vor allem aber ist „The Ordinaries“ höchst originell, atmosphärisch und unterhaltsam: Mit Musical-Elementen und Kulissen im Retrostil zwischen "Brazil" und Hollywood wurde alles in Eisenhüttenstadt gedreht.

Man könne kaum glauben, dass „The Ordinaries“ der Abschlussfilm einer Hochschule sei, schrieb die Jury begeistert in der Laudatio.

Eine Befreiungsgeschichte mit Anspielungen auf einen österreichischen Aktionskünstler

Der zweite außergewöhnliche Film in der deutschen Reihe die bei der Preisverleihung leider leer aus: Es handelt sich um „Servus Papa, see you in hell!“, den zweiten Kinospielfilm des Berliner Regisseurs Christopher Roth.

Roth interessiert sich für Utopien, ihre Versprechungen und ihr Scheitern. Gemeinsam mit seiner Co-Autorin Jeanne Tremsal entwirft er das Bild einer fiktiven Kommune, die Ende der 80er Jahre einem alternativen, antikapitalistischen Daseinsentwurf fröhnt, und bürgerliche Lebensweisen verachtet, während der eigene Lebensstil schon längst repressive, sektenähnliche Züge angenommen hat.

Ausgehend von den sehr persönlichen Erinnerungen seiner Co-Autorin, die auch als Schauspielerin in einer Nebenrolle zu sehen ist, erzählt Roth in erster Linie eine Befreiungsgeschichte, in zweiter auch eine Allegorie auf die realen Ereignisse rund um die Kommune des österreichischen Aktionskünstlers Otto Mühl.

Zwingend, spannend und mit Stilbewusstsein erzählt

Aber „Servus Papa see you in hell“ ist an keiner Stelle ein Dokumentarfilm. Vielmehr handelt es sich um eine abgründige Sehnsuchts-Geschichte, die zwingend, spannend und mit Stilbewusstsein erzählt ist und auch den Sinn für die Verluste der Zivilisation wach hält. Nicht zuletzt glänzt der Film durch gute Musik und zum Teil ausgezeichnete Darstellerleistungen.

Eigentlich geht es nie um politische Verhältnisse

Der deutsche Kinofilm gab, so wie er sich in München zeigte, ein disparates Bild ab. Generationenkonflikte stehen oft im Zentrum. Und man kann dies nicht immer nur mit der Jugendlichkeit mancher Filmemacher*innen erklären.

Es ist auch Zeitgeist, wenn Kinder immer wieder von Eltern bestätigt werden wollen, wenn Mütter nicht loslassen können, wenn Erwachsene in Lebenskrisen zu ihren Eltern fliehen, wenn es immer wieder um Identitäts-Probleme und Sensibilitäten der Hauptfiguren geht, aber eigentlich nie um politische Verhältnisse, und deren Veränderung oder wenigstens Analyse.

Wenn Geld kein Problem ist, die Traumata keine gesellschaftlichen, sondern private der Kindheit und die Flucht nicht in die Zukunft die Utopien führt, sondern aufs Land.

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