Neu im Kino: "I, Tonya“ von Craig Gillespie Eishexe gegen Eisprinzessin

Kulturthema am 20.3.2018 von Rüdiger Suchsland

Vor fast 30 Jahren war Tonya Harding eine der besten Eiskunstläuferinnen der Welt. Dann platzte der Traum von der Eisprinzessin, und sie wurde beschuldigt, an einer heimtückischen Attacke gegen ihre Rivalin Nancy Kerrigan beteiligt gewesen zu sein. Regisseur Craig Gillespie erzählt in seinem Film „I, Tonya“ das Leben von Tonya Harding als realistisches Drama und als bitter schwarze Komödie. Eine Komödie, die die Lebenslügen Amerikas entlarvt.

Es war das größte Drama des Eiskunstlaufs: Die Story von Tonya Harding, die als erste Frau der Welt einen dreifachen Axel sprang. Sie war eine der besten Eiskunstläuferinnen der USA Anfang der 90er, als die Karriere von Katharina Witt sich gerade dem Ende zuneigte.

Brutaler Angriff auf die Kniescheibe der Konkurrentin

Doch Tonya Harding wurde nicht durch ihre Medaillen berühmt, sondern durch jenen Angriff auf ihre Landsmännin und schärfste Konkurrentin Nancy Karrigan. Sechs Wochen vor den Olympischen Spielen von Lillehammer 1994 schlugen Unbekannte Karrigan mit einer Eisenstange mehrfach auf die Kniescheibe.

Schon Tage später stellte sich heraus, dass Hardings Umfeld, ihr Ehemann und ihr Bodyguard zumindest an der Tat beteiligt waren.

Gemeinsam gegeneinander bei Olympia

Die Verletzung blieb ohne schwere Folgen, und weil es zu Prozess, Verurteilung und Strafe erst Monate später kam, traten beide Rivalinnen nur ein paar Wochen später gemeinsam und gegeneinander um Olympisches Gold an. Eine absurde, im Rückblick unfassbare Geschichte, die niemand glauben würde, wäre sie erfunden.

Tragikomisches Melodrama und Parabel auf Amerika

Der Spielfilm „I Tonya“ von Craig Gillespie erzählt die Geschichte der Tonya Harding, ihrer Mutter und ihrer Rivalin als tragikomisches Melodrama und als Parabel auf Amerika. Auf das Amerika der Gegenwart, in dem heute der Kandidat der „Rednecks“ und des „White Trash“ regiert und die Tatsachen längst durch „alternative Fakten“ Konkurrenz erhalten.

xxxDas klassische Aschenputtel-Märchen

Die eigentliche Geschichte von Tonya Harding geht weit über das Olympische Finale mit Stürzen, Tränen und Verschwörungstheorien hinaus. Es ist ein klassisches Märchen von einem Aschenputtel, dass im Dreck lebt, und davon träumt, eine schöne Prinzessin zu sein. Und die merkt, dass die ganze Mühe und Arbeit ihr nicht helfen, weil da ein anderes Mädchen ist, dem alles einfach zufällt, die viel hübscher ist und von natürlicher Eleganz. Und die darum immer gewinnt.

Die böse alte Hexe

Die dritte Figur in diesem Drama wirkt ebenfalls einem Märchen entstiegen: Es ist Tonya Hardings Mutter, die manchen als böse alte Frau erscheint, anderen als Hexe, während wieder andere in ihr die Kämpferin sehen, die ganz unten steht und es geschafft hat, nicht kaputt zu gehen, sondern den Widrigkeiten des Lebens im Kapitalismus standzuhalten.

Amerikas weiße Unterschicht auf der Leinwand

„I, Tonya“ ist eine große Kino-Leistung, denn es gelingt diesem Film, in jedem Fall Verständnis und Sympathie für seine Figuren zu wecken. In der seltsamen Geschichte der Tonya Harding wird Amerika auch als Klassengesellschaft sichtbar. Dies ist ein Film, der die weiße Unterschicht Amerikas bloßstellt und in ihrer Würde bestehen lässt.

Klassische Konstellation: Jungfrau gegen Schlampe

Der Wettkampf zwischen Karrigan und Harding und seine Mittel war auch ein facettenreicher Gegensatz zweier Prinzipien: Jungfrau gegen Schlampe, Mittelklasse gegen Unterklasse, Schönheit gegen Technik, Ästhetik gegen Athletik, Tugend gegen Ressentiment. Heute wird Tonya Harding und ihr Fall aus genau diesen Gründen sogar von Feministinnen und Medienforschern wiederentdeckt.

Öffentliche Inszenierung von Weiblichkeit

Denn er brachte auf die Spitze, was Eiskunstlaufsport an sich ist: Das Medien-Spektakel der öffentlichen Inszenierung von Weiblichkeit, die Bestätigung von altmodischen Geschlechter-Konventionen und Rollen - die der geborenen Prinzessin, des Aschenputtels, das von ganz unten ganz aufsteigen kann, dazu die bösen Schwestern und Rivalinnen.

Bittere, schwarze Komödie

So ist dieser Spielfilm beides zugleich: Er ist Analyse und clevere Reflexion eines Medienereignisses, er ist aber auch selbst Teil davon und Fortsetzung der Geschichte, die er erzählt. Zugleich ist „I, Tonya“ ein Spielfilm von abgründigem Humor. Eine richtig lustige Geschichte ist dies zwar nicht, dafür ist alles zu traurig. Aber es ist eine bittere schwarze Komödie. Eine Komödie, die die Lebenslügen Amerikas entlarvt.

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