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Tagsüber arbeitet sie als Tänzerin. Nachts zieht sie mit dem Flammenwerfer durch die Straßen oder verliert sich im Rausch des Reggaetón. In „Ema“ porträtiert Pablo Larrain eine ungewöhnliche Frau in einer noch ungewöhnlicheren filmischen Form.

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Tanz als Lebensgefühl

Kraftvoll bewegt sich die junge, platinblonde Frau mit ihrer Crew zum Beat des Reggaetón: die Hüften kreisen lasziv, das Becken stößt hart nach vorne, eine Choreographie wie getanzter Sex. Ema ist von Beruf Tänzerin. Im Reggaetón, einer Mischung aus Hip Hop, Reggae und Merengue, findet sie das, wonach sie im Leben sucht: Freiheit, Erotik, Selbstermächtigung.

"Ema" von Pablo Lorraín (Foto: Pressestelle, Verleih Kochfilms)
Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) sind Mitglieder einer Tanzkompanie und ein Liebespaar. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Das Leben des Paars wird auf den Kopf gestellt, als Emas achtjähriger Adoptivsohn ihre Schwester schwer verletzt. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Die Tänzerin zögert nicht lange und übergibt den Jungen wieder dem Jugendamt. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Kurz darauf hagelt es für die junge Frau von allen Seiten Kritik ... Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Ihr Partner, die Kollegen, das Jugendamt – alle sehen in Emas Entscheidung nur Herzlosigkeit. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Selbstmitleid kommt für sie jedoch nicht in Frage. Statt zu leiden, stürzt sich die selbstbewusste Ema ins Leben. Sie beginnt zu rebellieren und legt zusammen mit ihrer Mädchen-Gang die Welt um sich herum in Flammen. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen
Ema lehnt sich gegen alles auf, was sich ihr in den Weg stellt. Pressestelle Verleih Kochfilms Bild in Detailansicht öffnen

Dunkle Energie der Musik

In diesen videoclipartig gefilmten Szenen wirkt Pablo Larrains „Ema“ wie ein Tanzfilm, der mit staunendem Blick eine Jugend-Subkultur ergründet. Larrain scheint sie ebenso fremd zu sein wie Emas Mann, dem 12 Jahre älteren Choreographen Gastón. Der Reggaetón gibt dem Film seinen Rhythmus und eine dunkle Energie, die unter dem eigentlichen Drama pulsiert.

Ema und Gastón (Gael García Bernal) leben in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Zusammen hatte das Paar einen kolumbianischen Jungen adoptiert. Doch der Achtjährige entpuppte sich als problematisch. Nachdem er Emas Schwester schwere Verbrennungen zugefügt hat, hat das Paar das Kind ans Jugendamt zurückgegeben. Ihr Umfeld ist entsetzt. Auch sie selbst hadern mit der Entscheidung und schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Kamera als stiller Beobachter in „Ema“

Pablo Larrain erzählt „Ema“ in assoziativen, teils traumartigen Szenen, die sich erst am Ende des Films zu einem Gesamtbild fügen. Dieses gibt der ohnehin erstaunlichen Geschichte noch einmal einen ganz anderen Spin. Lange zieht sich die Kamera auf die Rolle des stillen Beobachters zurück: folgt Ema, wenn sie, ohne dass das im Film weiter erklärt wird, mit dem Flammenwerfer durch die nächtlichen Straßen zieht, sich mit ihrer Mädchen-Crew im Tanz verliert oder zum zigsten Mal mit Gastón streitet.

Wilde Mischung aus Psychodrama, Generationenporträt und Tanzfilm

Die beiden Freigeister sind sich in einer tiefen Hassliebe verbunden. Daran ändert auch nichts, dass beide zwischenzeitlich andere Partner*innen haben. Besonders die lebenshungrige Ema genießt ihre Verführungskraft, mit der sie Männer und Frauen gleichermaßen in ihr Bett zieht, unter anderem die Anwältin, die ihre Scheidung regeln soll.

„Ema“ lässt sich schwer auf einen Nenner bringen. Die Hauptfigur bleibt geheimnisvoll. Der Film ist eine wilde Mischung aus Psychodrama, Generationenporträt und Tanzfilm. Abstraktes Kopfkino, das zunächst sperrig wirkt, mit seinen sinnlichen Bildern und der Musik aber dann doch einen hypnotischen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann.

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