Odyssee eines Esels

Voller Wut und Schönheit: Filmepos „EO“ erzählt das Leben aus der Sicht eines Esels

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Ein Zirkusesel wird von Tierschützern befreit und gerät immer tiefer in die Abgründe des modernen Lebens. Der polnische Regie-Altmeister Jerzy Skolimowski erzählt diese melancholische Geschichte konsequent aus der Sicht des Tieres. Ein gänzlich außergewöhnlicher, hypnotischer Film voller Wut und Schönheit, findet SWR2 Filmkritiker Rüdiger Suchsland.

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Filmstills zu EO (Foto: Kinofreund eG)
EO, ein grauer Esel mit wachem Geist, kennt nur das Leben in einem Wanderzirkus, bevor er eine Reise voller Absurdität und Wärme durch Polen und Italien antritt. Kinofreund eG Bild in Detailansicht öffnen
Still beobachtet er die Torheiten und Triumphe der Erdbewohner, während ihm gleichermaßen Grausamkeit wie Freundlichkeit zuteilwerden. Rapid Eyes Movies Bild in Detailansicht öffnen
Ihm begegnen Menschen, die ihn unterstützen oder im Weg stehen, darunter ein junger italienischer Priester (Lorenzo Zurzolo), eine Gräfin (Isabelle Huppert) und eine polnische Fußballmannschaft. Kinofreund eG Bild in Detailansicht öffnen
EOs Reise führt die Welt vor Augen: Der Esel ist ein „Held“, der auf der Suche nach Freiheit mutig auf gesellschaftliche Missstände hinweist. Kinofreund eG Bild in Detailansicht öffnen
„Ich wollte vor allem einen Film machen, dessen Erzählung auf Emotionen gründet – viel stärker als in jedem meiner vorherigen Filme“, sagt Regisseur Jerzy Skolimowski. Kinofreund eG Bild in Detailansicht öffnen

Innige Beziehung zur Dompteurin im Zirkus

Ein Esel als Hauptfigur eines Films. Man begegnet dieser Hauptfigur zuerst im Zirkus, wo sie auftritt und mit der Dompteurin und Reiterin Cassandra eine enge und zärtliche Beziehung hat.

Aber auch diese Liebe ist nicht grenzenlos. Cassandra ist nicht immer in der Lage, das Tier zu beschützen. Der Esel hingegen bestätigt dem Betrachter immer wieder, wie sehr er seine Betreuerin liebt und wie sehr er sich nach ihr sehnt.

Filmstills zu EO (Foto: Kinofreund eG)
„Ich wollte vor allem einen Film machen, dessen Erzählung auf Emotionen gründet – viel stärker als in jedem meiner vorherigen Filme“, sagt Regisseur Jerzy Skolimowski. Kinofreund eG

Der Esel wird in sein Unglück befreit

Dann wird er von Tierschützern gegen seinen Willen aus dem Zirkus und vor einer angeblichen "Tiermisshandlung" "gerettet" – dies ist einer der offen sarkastischen Momente des Films.

Regisseur Jerzy Skolimowski zeigt hier mit großer Lust an der Absurdität, wie kurzsichtig und quälend primitiv diese Version des "Tierschutz" ist. Denn Skolimowski zeigt ein Tier, das im Showgeschäft arbeitet. Es ist im Zirkus glücklich. Aber es wird von den Tierrechtsaktivisten in sein Unglück befreit.

Filmstills zu EO (Foto: Rapid Eyes Movies)
Still beobachtet er die Torheiten und Triumphe der Erdbewohner, während ihm gleichermaßen Grausamkeit wie Freundlichkeit zuteilwerden. Rapid Eyes Movies

Immer tiefere Abgründe des modernen Lebens

Denn mit ihr beginnt eine Odyssee des Tieres, die in einer Reihe von Vignetten erzählt ist, und den Esel von einem reichen Pferdehof in die öffentlichere Umgebung eines Zoos führt, dann auf die Straße und in immer tiefere Abgründe des modernen Lebens. Der Esel wird auch auf einem Schlachthoflaster landen, aber ein Wunder wird ihm zu Hilfe kommen.

Filmstills zu EO (Foto: Kinofreund eG)
EOs Reise führt der Welt vor Augen: Der Esel ist ein „Held“, der auf der Suche nach Freiheit mutig auf gesellschaftliche Missstände hinweist. Kinofreund eG

Der Esel als Spiegel der Gesellschaft

Skolimowski versucht, den Esel im Zentrum seines Films als Spiegel für menschliches Verhalten und die menschliche Gesellschaft einzusetzen. Zugleich gibt er dem Tier einen Eigenwert: Es ist hier nicht nur „für andere“, für die Menschen da, sondern es ist einfach da.

Der Esel wird ausgebeutet, denn die Welt, Skolimowskis Welt allemal, ist schlecht: Ob Gutsbesitzer oder Behindertenbetreuer, sonderbare Gräfinnen oder Eselswurstfabrikanten – der Film zeigt eine vom Bösen gezeichnete Welt, ein Europa am Rande der Apokalypse.

Eselsgesicht als Projektionsfläche kluger Gedanken

Nun weiß gerade Skolimowski, wie ein Film funktioniert: Dass sich in so ein Eselsgesicht allerlei kluge Gedanken hineininterpretieren lassen. Erst recht in einer Zeit, in der Filme die Geschichten vermenschlichter Tiere erzählen.

Filme wie Viktor Kossakowskis „Gunda“ über eine Schweinemutter oder Andrea Arnolds „Cow“ über eine Milchkuh. Sie haben bestimmt ihre Verdienste, sind aber in ihrem philosophischen Kern unterkomplex und banal.

Zeitgeist verkitscht und überhöht die Natur

Diese Filme spiegeln – ziemlich platt – einen Zeitgeist, der Bücher wie „Denken des Waldes“, oder „Ethik der Pilze“ produziert, in dem schlagzeilenbemühte Naturwissenschaftler über „Menschenrechte für Menschenaffen“ räsonieren, der die Natur zur höheren Vernunft verkitscht, in dem linke Aktivisten von „Posthumanismus“ und rechte Demokratiegegner von „Transhumanismus“schwärmen.

Skolimowski will es nicht besser wissen

Wo steht in diesen zeitgeistigen Diskursfeldern, die auf unterschiedliche Art den Abschied vom Menschen verbrämen, Skolimowskis Film? „EO“ ist insofern der Film der Stunde, der bislang zwar völlig diffusen aber um so entschiedeneren Rede vom „Anthropozän“– dies ist ein Werk voller Energie und atemloser Wut über den aktuellen Zustand der Welt. Aber Skolimowski will im Gegensatz zu anderen nichts besser wissen.

Nichts ist klar in diesem Film, aber alles spannend

Er zeigt sich als ein über 80-jähriger, innerlich junger Wilder, der den banalen politischen Agenden unserer Gegenwart eine dezidiert ästhetische Agenda entgegensetzt. Auch ihm geht es darum, der Wut auf die menschliche Wirklichkeit Ausdruck und Gestalt zu geben.

In seinem absolut hypnotisierenden Film, der völlig außerhalb der Norm und der Erwartungen liegt, geht es vor allem um die subjektive und sinnliche Erfahrung. Nichts ist klar in diesem Film, aber alles ist spannend.

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