Film

Woody Allens Komödie „Rifkin’s Festival“ – Hommage an das europäische Autorenkino

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs

„Rifkin’s Festival“, Woody Allens 49. Film, kommt mit zwei Jahren Verspätung in die deutschen Kinos. Nachdem 2020 kurz vor der Premiere in San Sebastian die ungeklärten Vorwürfe gegen Allen wegen sexuellen Missbrauchs seiner Adoptivtochter wieder aufgeflammt waren, wollte offenbar kein Verleih das Risiko eingehen, den Film zu vermarkten. „Rifkin’s Festival“ ist eine melancholische Komödie über das Leben und die Liebe sowie eine Verbeugung vor den Klassikern des europäischen Autorenkinos. Zu sehen allerdings nur im Original mit deutschen Untertiteln.

Audio herunterladen (3,5 MB | MP3)

Schauplatz des Films: San Sebastian beim Filmfestival

Der ehemalige New Yorker Filmdozent Mort Rifkin begleitet seine Frau zum Filmfestival im baskischen San Sebastian. Die deutlich jüngere Sue macht die Pressearbeit für Philippe, einen der angesagtesten jungen europäischen Regisseure. Mort hat den Verdacht, dass die beiden mehr verbindet als eine rein professionelle Beziehung.

Filmszene aus Woody Allens Film "Rifkins Festival", der am 7.7.2022 in deutschen Kinos startet (Foto: © 2020 The Media Pro Studio, Gravier Productions, Inc, and Wildside S.L.R)
Festivalempfang mit Popcorn - Mort Rifkin (Wallace Shawn), Sue (Gina Gershon), Philippe (Louis Garrel) © 2020 The Media Pro Studio, Gravier Productions, Inc, and Wildside S.L.R

Kritiker und Publikum liegen dem gut aussehenden Franzosen jedenfalls zu Füßen. Mort scheint der einzige zu sein, der ihn prätentiös findet. Vor allem, dass Philippe mit seinem nächsten Film den Nahostkonflikt lösen will und Sue für dessen aktuellen Antikriegsfilm die US-Premiere in der UNO anvisiert, findet Mort einfach lächerlich.

Filmtrailer:

Der gleiche Allen-Film, den man schon in vielen Variationen gesehen hat

Während Sue und Philippe immer ungenierter turteln, geht Mort in San Sebastian eigene Wege. Wegen vermeintlicher Herzprobleme macht er einen Arzttermin aus und lernt eine schöne, junge Ärztin kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Im Grunde ist „Rifkin’s Festival“ der gleiche Allen-Film, den man schon in vielen Variationen gesehen hat: Ein alternder Intellektueller verzweifelt an der Liebe und den Fragen, die im Alter drängender werden: Was gibt einem Leben Bedeutung? Hat man das Richtige mit seinem Leben angefangen? Und ist das überhaupt wichtig, um glücklich zu sein?

Filmszene aus Woody Allens Film "Rifkins Festival", der am 7.7.2022 in deutschen Kinos startet (Foto: © 2020 The Media Pro Studio, Gravier Productions, Inc, and Wildside S.L.R.)
Mort Rifkin (Wallace Shawn) in San Sebastian © 2020 The Media Pro Studio, Gravier Productions, Inc, and Wildside S.L.R.

Filmdozent Rifkin sieht das Leben durch die Linse von Godard, Bergman oder Fellini

Der besondere Twist in diesem Film: Rifkin versucht, diese Fragen für sich selbst mithilfe der europäischen Filmklassiker aus den 50er und 60er Jahren zu beantworten. Als Filmdozent sieht er das Leben durch die Linse von Godard, Bergman oder Fellini. In schwarz-weißen Traumsequenzen versetzt sich Mort in berühmte Filmszenen, zum Beispiel aus „Jules und Jim“, „Außer Atem“ oder „Das siebente Siegel“. Seine Ehe geht derweil immer weiter den Bach runter.

Gina Gershon (l) als Sue und Louis Garrel als Philippe in einer Szene des Films "Rifkin's Festival" (undatierte Filmszene) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Filmwelt | -)
Gina Gershon (l) als Sue und Louis Garrel als Philippe picture alliance/dpa/Filmwelt | -

Wallace Shawn, der seit seinem Kinodebüt in „Manhattan“ in einigen Allen-Klassikern mitspielte, übernimmt die Rolle von Allens Alter Ego Mort und spielt ihn mit sympathischer Kauzigkeit. Auch der Rest des Casts, der im Vergleich zu anderen Allen-Filmen weniger prominent ist, überzeugt. Was dem Drehbuch an Witz und Handlung fehlen mag, macht das Ensemble durch Spielfreude wett.

Verneigung Allens vor der großen Zeit des europäischen Autorenkinos

„Rifkin’s Festival“ ist eine melancholische Komödie und zugleich eine nostalgische Reflexion über das Wesen der Filmkunst. Der als oberflächlich empfundenen Filmindustrie von heute versetzt Allen einen Seitenhieb. Vor allem aber verneigt sich der 86-Jährige vor der großen Zeit des europäischen Autorenkinos. Und damit vor Regisseuren, die zwar nicht den Anspruch hatten, den Nahostkonflikt zu lösen, deren Meisterwerke aber bis heute die Kraft haben, die eigene Weltsicht zu verändern. Eine Kraft, die Allens eigenen Filmen allerdings schon seit längerer Zeit fehlt.

Film Indie-Film „The Ordinaries“ räumt beim Filmfest München im großen Stil ab

Eine Gesellschaftssatire, die in einer filmischen Fantasiewelt spielt, in der die Gesellschaft in drei Hauptklassen unterteilt ist, die sich aus Nebenfiguren, Hauptfiguren und Outtakes zusammensetzen – der Förderpreis Deutsches Kino ging gleich doppelt an Sophie Linnenbaums originelle Science-Fiction-Satire „The Ordinaries“: Für beste Regie und die beste Produktion.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film „AEIOU" von Nicolette Krebitz: Poetisches, bildkräftiges Kino über die Liebe

Die besten Tage der 60-jährige Schauspielerin Anna sind vorbei. Geblieben ist ihr als einziger Freund und größter Fan ihr Vermieter Michel. Nur widerwillig nimmt sie einen Job als Sprachlehrerin für den 17-jährigen Problemfall Adrian an. In ihrem vierten Spielfilm als Regisseurin erweist sich die Berlinerin Schauspielerin Nicolette Krebitz einmal mehr als eine der virtuosesten Filmemacherin des deutschen Gegenwartskinos.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Film „Axiom“ von Jöns Jönsson: Hervorragendes Thriller-Kino

Julius, ein junger allseits beliebter Museumsmitarbeiter, lädt seine Arbeitspartner zu einer Bootsfahrt mit seiner aristokratischen Familie ein. Dabei stellt sich heraus, Julius ist nicht der, der er zu sein scheint. Der schwedische Regisseur Jöns Jönsson erzählt in seinem zweiten Spielfilm die spannende Geschichte eines Hochstaplers als Mischung aus Drama, Thriller und absurder Komödie.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs