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„Holy Spider“ von Ali Abbasi: Verstörendes Gesellschaftsporträt aus der iranischen Diktatur

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AUTOR/IN
Pia Masurczak

Ali Abbasis neuer Film kommt genau zur richtigen Zeit: Während die Menschen, vor allem die Frauen, im Iran gegen die theokratische Diktatur protestieren, rollt der Regisseur in „Holy Spider“ eine reale Serie von Frauenmorden im Jahr 2001 wieder auf. Als Thriller überzeugt der Film allerdings nicht.

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Die Story hätte Thrillerpotential

Ali Abbasis Film könnte ein klassischer Thriller sein. Die Story hat das Zeug dazu: In der iranischen Metropole Maschhad geht ein Mörder um, seine Opfer sind Frauen, die sich auf der Straße prostituieren.

Gleich zu Beginn sehen wir, wie Saeed – den Namen erfahren wir später – eine Frau in sein Haus lockt, sie brutal mit ihrem Kopftuch erdrosselt und ihre Leiche am Straßenrand ablädt. Und es gibt, auch das eine klassische Konstellation, eine Journalistin, Rahimi, die den Mörder unbedingt finden will.

Filmstill (Foto: Alamode Filmverleih)
Die Journalistin Rahimi (Zar Amir Ebrahimi) recherchiert in der Stadt Maschhad im Nordosten des Iran die unaufgeklärten Morde an Prostituierten. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
„Spinnenmörder“ nennen sie den Serienkiller, der von sich glaubt, die Arbeit Gottes zu verrichten, indem er die Straßen vom Dreck befreit. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Rahimi (Zar Amir Ebrahimi) ist die Teheraner Journalistin, die in die Pilgerstadt Maschhad geschickt wird, um im Fall des sogenannten Spinnenmörders zu berichten. Sie stößt auf Wände, egal, an welche Behörde sie sich wendet. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Journalistin Rahimi ( Zar Amir Ebrahimi) gibt ihre Suche nach der Wahrheit nicht auf. Während die Behörden tatenlos zusehen, wie der Mörder ein Opfer nach dem anderen in sein Netz lockt, kommt sie dem Täter immer näher. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Entsetzt muss sie feststellen, dass der Familienvater und Frauenmörder Saeed (Mehdi Bajestani) von vielen Menschen in der Stadt als Held gefeiert wird, und seine Verurteilung mehr als ungewiss scheint. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Basierend auf dem erschütternden wahren Kriminalfall des „Spinnenmörders“ Saeed Hanaei, der zu Beginn der 2000er-Jahre in der Heiligen Stadt Maschhad 16 Prostituierte ermordete, realisierte der gefeierte iranischstämmige Regisseur Ali Abbasi („Border“) einen ebenso packenden wie ungewöhnlichen Thriller. Alamode Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Unterstützung für den Frauenmörder

Tatsächlich wird Rahimi mit Hilfe ihres Kollegen den Familienvater Saeed aufstöbern. Sie bietet sich als Lockvogel an, entkommt Saeed nur ganz knapp. So dauert es nur etwas mehr als die Hälfte des Films, bis Saeed gefasst und vor Gericht gestellt wird.

Die restliche Zeit verbringt der Film dann damit, das eigentlich Verstörende zu zeigen: Wie viel Unterstützung Saeed von seinen Mitbürgern erfährt. Der religiöse Fanatismus von Saeed bekommt Raum, ein Trauma aus dem Irak-Iran-Krieg wird angedeutet, genauso wie der Nährboden, den eine konservative und wirtschaftlich prekär lebende Gesellschaftsschicht für Saeeds Taten schafft.

Klassische Thrillerspanung bleibt aus

Abbasis Film ist immer dann beklemmend stark, wenn er in solch kurzen Szenen die Ohnmacht ins Bild setzt. Rahimis Angst, wenn sie im Hotelzimmer von einem Polizisten bedrängt wird und sich nicht wehren kann, weil sie, eine alleinreisende Frau, ihn in ihr Zimmer gelassen hat. Die alltägliche Gefahr, der sich die sich prostituierenden Frauen aussetzen. Klassische Thriller-Spannung kommt dabei allerdings nicht auf.

Filmstill (Foto: Alamode Filmverleih)
Die Journalistin Rahimi ( Zar Amir Ebrahimi) gibt ihre Suche nach der Wahrheit nicht auf. Während die Behörden tatenlos zusehen, wie der Mörder ein Opfer nach dem anderen in sein Netz lockt, kommt sie dem Täter immer näher. Alamode Filmverleih

Beklemmendes Geselschaftporträt aus dem Iran

Zwar befürchtet Rahimi im Laufe der Gerichtsverhandlung immer mehr, dass das System Saeed nicht verurteilen wird. Zu groß ist die Unterstützung auf den Straßen, die Verachtung für die von der Gesellschaft als wertlos abgestempelten Frauen.

Doch der Film macht daraus keinen dramatischen zweiten Akt. Nicht, weil die Geschichte, auf der der Film beruht, bekannt ist – der reale Täter wurde tatsächlich 2001 hingerichtet und auch Saeed stirbt am Galgen. Sondern weil der Film die Jagd auf den Mörder nur als Vorwand nutzt für ein Gesellschaftsporträt. Das allerdings ist beklemmend genug.

Trailer „Holy Spider“, ab 12.1. im Kino

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