Familiendrama von Jakob M. Erwa "Die Mitte der Welt"

Heimkino am 10.6.2017 von Mareike Gries

Vor knapp 20 Jahren, im Jahr 1998, erschien ein Buch, das seitdem unzählige Jugendliche begeistert hat. Das Buch trägt den Titel „Die Mitte der Welt“ und einer der begeisterten Jugendlichen war der damals 20jährige Jakob M. Erwa. Das Buch hat ihn so sehr begeistert, dass es Erwa über Jahre begleitet hat, auch über seine Zeit als Regie-Student in München. Irgendwann war ihm klar, dass er dieses Buch verfilmen möchte. Arbeitssame Jahre zogen ins Land und 2016 war es dann endlich so weit: „Die Mitte der Welt“ kam in die deutschen Kinos und war ein riesiger Erfolg. Jetzt ist der Film für das Heimkino erschienen.

Filmszene: "Das bin ich. Ein ganz normales Landei. Vielleicht ein bisschen schwuler als andere, aber sonst: Standartausstattung. Und das hier ist meine Familie: Glass, meine Mom, auch wenn man sie nicht ungestraft so nennen darf. Und meine Sis, Dianne. Dianne und ich waren mal wie MacGyver und sein Taschenmesser oder wie Spargel und Hollondaise oder ganz einfach wie die Olsen Twins. Sie war meine Beschützerin, meine engste Freundin, meine Verbündete. Und ich war ihr zweites Herz. Und das hier sind andere Familien in der Gegend. Und ihre Leben, an die sich Glass unter gar keinen Umständen anpassen will."

Familie mit rätselhafter Herkunft

Diese Erzählstimme gehört Phil, dem 17jährigen Protagonisten der Geschichte. Zusammen mit seiner Zwillingsschwester und seiner sehr jungen, sehr unkonventionellen Mutter lebt er in einer Villa auf dem Land. Das Haus ist so besonders, dass es einen Namen trägt: „Visible“, sichtbar. Mutter Glass hat es geerbt, als sie jung und hoch schwanger war. Ohne Mann zog sie damals von Amerika in die deutsche Provinz.

Filmszene: "Als Glass von drüben rüber kam, da war sie gerade mal 17, glaube ich. Und schon im 9. Monat. Dann waren wir plötzlich zu dritt. Drei Kinder, mitten im Nirgendwo. Und das passte irgendwie nicht so gut hierher, aber wir drei kamen eigentlich ganz gut klar, auch ohne Mann im Haus. Die anderen Kinder fragten uns oft, wer unser Vater sei. Und wir fragten Glass. Und dann sagte Glass immer sowas wie: Ein Seefahrer auf Reisen. Oder: Ein Cowboy auf einer Ranch. Und später, als die Märchen nicht mehr griffen: Das sage ich Euch, wenn Ihr soweit seid."

Im Chaos kommt die erste Liebe

Aber zu diesem Zeitpunkt kommt es nicht. Und das Rätsel um den abwesenden Vater ist nicht das einzige Familiengeheimnis. Als die Handlung einsetzt, kommt Phil gerade von einer Schülerreise zurück und er merkt, dass sich während seiner Abwesenheit etwas verändert hat. Seine Mutter und seine Schwester sprechen kaum noch miteinander. Eine Art düsterer Schleier scheint über dem Märchen-Haus zu liegen. Da kommt es Phil gerade Recht, dass ein neuer Schüler in seine Klasse kommt: Der fast unwirklich gut aussehende Nicholas.

Filmszene: "„Hey Phil.“ „Hey.“ “Wo warst Du denn heute?“ „Wo war ich?“ „Naja, beim Training, auf dem Sportplatz. Du warst nicht da.“ „Ach so, da. Ich hab da immer nur so rumgesessen.“ „Schade eigentlich. Ich hab Dich vermisst.“ „Mich?“"

Selten konnte ein Film die Gefühlsexplosion einer ersten großen Liebe so bildmächtig, authentisch und einfach nur wunderschön in Szene setzen wie hier. Bei Regisseur Jakob M. Erwa passt der gleichzeitig leichte wie melancholische Soundtrack zur unaufdringlichen Kamera, die die hervorragenden Schauspieler gekonnt in Szene setzt. Rückblenden fügen sich in dieses Gesamtkunstwerk genauso unaufgeregt ein, wie Bilder von überschäumenden Vulkanen oder abbrechenden Felsbrocken, um die Gefühle von Phil zu illustrieren. Das Beste am Film wie an der Romanvorlage von Andreas Steinhöfel ist aber die Selbstverständlichkeit, mit der Phils und Nicholas Liebesgeschichte erzählt wird. „Die Mitte der Welt“ ist kein problematisierender Coming Out-Film, sondern eine ungewöhnliche Coming of Age Geschichte.

Einfühlsamer Film für die ganze Familie

Filmszene: "Es ist einer diesen heißen, himmelblauen Tage, die nach Vanilleeis und Zukunft schmecken. Einer der Tage, an denen das Herz ohne vernünftigen Grund höher schlägt. Und an denen man jeden Eid schwören würde, dass Freundschaften nie enden."

Doch bei aller Leichtigkeit ahnt der sensible Phil bereits, dass ein sehr großes Glück meist auch sehr fragil ist. So ist die „Mitte der Welt“ nicht nur ein anrührender Film über das Erwachsenwerden, sondern gleicht teilweise fast einem Krimi, bei dem viele Geheimnisse gelüftet werden. „Die Mitte der Welt“ – einfühlsam, bildmächtig und ein Film, der Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen in seinen Bann zieht.

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