Filmkritik

Goliath – Im Netz der Lügen: Öko-Thriller über den aussichtslosen Kampf gegen einen Chemiekonzern

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AUTOR/IN
Hartwig Tegeler

Regisseur Frédéric Tellier erzählt in seinem Film „Goliath“ vom Kampf gegen einen großen Chemiekonzern, der ein Pestizid verkauft, das krebserregend ist. Über fünf Jahre hat sich Tellier mit dem Thema befasst, seine Geschichte ist fiktiv, basiert aber auf realen Fällen. Ein Polit- und Ökothriller über die Strategien im Kampf gegen die, die sich wehren.

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Ein fiktiver Chemiekonzern namens Phytosanis

Der Chemiekonzern in „Goliath" heißt nicht Monsanto, sondern trägt den Namen Phytosanis. Es geht um seine Pestizide, die Krebserkrankungen bei Landwirten auslösen, die damit arbeiten, um einen Anwalt, der sich für sie bis an die Grenze seiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit einsetzt und eine Lehrerin, deren Mann an Krebs erkrankt ist, wegen dieses Giftes.

Filmstill (Foto: Studi Canal)
Drei Menschen – drei Schicksale: Patrick (Gilles Lellouche), ein ehrgeiziger Anwalt, hat sich auf Umweltrecht spezialisiert. Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen
Mathias (Pierre Niney) arbeitet als Lobbyist im Auftrag eines Agrarchemie-Konzerns. Das Böse ist verführerisch. Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen
Die Lehrerin France (Emmanuelle Bercot) engagiert sich als Aktivistin gegen den Einsatz von Pestiziden. Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen
Als eine junge Frau eine radikale Tat begeht, kreuzen sich die Wege von Patrick, Mathias und France. Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen
Und während der Chemie-Konzern alles tut, um die Wahrheit zu vertuschen, stehen nicht nur ihre drei Lebenswege, sondern auch das Leben tausender Menschen auf dem Spiel. Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen
Die Schauspielerin Emmanuelle Berco und der Regisseur Frederic Tellier Studi Canal Bild in Detailansicht öffnen

Der James Bond Effekt: Das Böse ist attraktiv

Die Qualität von "Goliath" macht der alte „James Bond“-Effekt aus: Die Anziehung des Bösen. Der Anwalt ist uns zutiefst sympathisch; wir fiebern mit der Lehrerin, die sich im Kampf gegen den Chemie-Konzern immer mehr radikalisiert. Aber bei jedem seiner Auftritte wirkt Pierre Niney als Chemie-Lobbyist Mathias schillernd, perfide, skrupel- und gnadenlos in der Verfolgung seiner Ziele. Mit anderen Worten: verführerisch.

Filmstill (Foto: Studi Canal)
Mathias (Pierre Niney) arbeitet als Lobbyist im Auftrag eines Agrarchemie-Konzerns. Das Böse ist verführerisch. Studi Canal

Pierre Niney ist bekannt aus dem Yves-Saint-Laurent-Biopic oder aus François Ozons Film "Frantz". Dort wirkte er sanft mit seinem schmalen Körper, fast schüchtern. Auch in Frédéric Telliers "Goliath" strahlt er das aus, aber darunter lauert eine raubtierhafte Intelligenz, um die Wahrheit in seinem Sinne zu drehen.

David gegen Goliath zieht sich durch die Filmgeschichte

Der Filmtitel „Goliath" rekurriert natürlich auf den Mythos von David und Goliath. Steven Soderberghs Film „Erin Brockovich" punktete mit einer wunderbaren Julia Roberts als Aktivistin für die kleinen Leute, er endete mit dem Sieg Davids gegen die Konzerne. Todd Haynes schickte in „Vergiftete Wahrheit" von 2019 Mark Ruffalo als Öko-Anwalt gegen einen übermächtigen Chemie-Multi. „Vergiftete Wahrheit" hat ein Sisyphos-Ende, denn der Anwalt kämpft und kämpft immer weiter.

Am Ende stehen die Guten vor Gericht

Auch Frédéric Tellier verbietet sich jeden Sieg Davids gegen den Goliath: Der Filmemacher entlässt uns nicht mit der Illusion, dass eine Krake wie dieser Konzern einfach so besiegt werden kann; daran ändert auch nichts, dass ein Whistleblower Unterlagen durchgestochen hat, die belegen, dass der Konzern wusste, dass das Pestizid krebserregend ist.

Trotzdem hat der Spin-Doktor, der Wahrheitsdreher Mathias ganze Arbeit geleistet, denn am Ende steht France, die Aktivistin, wegen Ökoterrorismus' vor Gericht. „Warum stehen wir hier und nicht die, die uns vergiften?", fragt sie. „Goliath" hat ein offenes Ende - die einzige Chance, die Geschichte sehr ernst zu nehmen in ihrem gleichnishaften Realismus.

Trailer „Goliath“, ab 18.8. im Kino

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