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1967 stürmt der 22-jährige Rainer Werner Fassbinder eine Theaterbühne in München und reißt die Inszenierung an sich. Noch ahnt niemand, dass dieser Typ einmal der bedeutendste Filmemacher Deutschlands wird. Oskar Roehlers biographisches Porträt ist Verbeugung vor dem Vorbild und ein großer Auftritt für Schauspieler Oliver Masucci als Enfant Terrible Fassbinder.

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Grenzüberschreiter des neuen deutschen Films

Er ist der Grenzüberschreiter unter lauter Groß- und Kleinbürgern des Neuen Deutschen Films: Rainer Werner Fassbinder, die zugleich kontroverseste, wie produktivste Figur dieser Epoche. In diesem Mai wäre der 1982 unglaublich früh gestorbene Regie-Berserker und Bürgerschreck 75 Jahre alt geworden.

"Enfant Terrible" von Oskar Roehler (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
München, 1967: Der 22jährige Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) stürmt die Bühne des Antitheaters. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Kurzerhand reißt er die Inszenierung an sich und krempelt das Stück von Grund auf um. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Niemand ahnte damals, dass dieser schräge Vogel einmal einer der bedeutendsten deutschen Filmemacher werden sollte. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Die unkonventionelle Art des jungen Regisseurs ist ansteckend und zieht Kreative magisch an. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Schon bald schart Fassbinder Schauspieler und Schauspielerinnen, Selbstdarsteller und zahlreiche Affären um sich. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Rastlos dreht Fassbinder Film um Film und macht schon bald bei den Filmfestspielen in Cannes und Berlin auf sich aufmerksam. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Im Fassbinder-Stil gedreht

Das biographische Portrait des Regisseurs durch seinen Kollegen Oskar Roehler war finanziellen, künstlerischen und rechtlichen Widrigkeiten ausgesetzt. Das Ergebnis kommt - ohne dass dies beabsichtigt war - Fassbinders eigener Ästhetik faszinierend nah. Es wurde schnell gedreht, wie unter Strom, die Räume sind fast komplett Studiokulissen, die auch ganz absichtlich so aussehen, weil dies dem Look, dem Theatralischen, explizit Künstlichen von Fassbinders Filmen am nächsten kommt.

Oliver Masucci als Fassbinder - eine umwerfende Performance

Durch Fassbinder ist Roehler schon seit jeher stark beeinflusst. Sein Verhältnis zum berühmtesten Vertreter des Neuen Deutschen Films ist eine Wahlverwandtschaft. Auch Roehlers ganz eigener Kino-Kosmos ist schrill, wild, provokativ, im Gegensatz zu den oft so cleanen Filmen des übrigen aktuellen deutschen Kinos. Am besten ist dieser Film da, wo Roehler die Leidenschaft Fassbinders einfängt. „Enfant Terrible" ist auch ein großer Auftritt für Schauspieler Oliver Masucci in der Hauptrolle als Fassbinder - eine umwerfende Performance.

Abarbeiten am Nachkriegsdeutschland

Immer wieder reist Roehler in seinen Filmen und Romanen zurück in eine bestimmte Zeit, in einen bestimmten Raum: In das Westdeutschland der Nachkriegszeit, in die 1960er bis 1980er Jahre. Genau dies war auch die große Zeit des Rainer Werner Fassbinder. So fällt es Roehler leicht, Fassbinder und einige Eckdaten seiner Biographie und seiner berühmten Filme nun mit seiner eigenen Herangehensweise zu verbinden. Das Ergebnis ist eine Hommage und eine Verbeugung vor dem großen Vorbild, der zärtlichste Film Roehlers seit „Die Unberührbare".

Fassbinders Nachlass ist vermintes Gelände

Schließlich ist dies aber auch eine Gratwanderung im verminten Gelände des Fassbinder-Nachlasses. Die diesen verwaltende Stiftung gilt als überaus schwieriger Partner. So mussten sich Roehler und seine Produzenten mit allerlei Tricks um Fassbinders Werk herumschlängeln, Namen und Zitate geringfügig verändern, ohne das diese Veränderung zur eklatanten Verfälschung wird. Diese Produktionsgeschichte ist eine Geschichte für sich.

Was Anfangs wie eine Skizze zu Fassbinder beginnt, verdichtet sich immer mehr zu einem sehr intimen, ernsthaften Portrait. Und zu einem Plädoyer für die Sperrigkeit des Autorenkinos, die subjektive Handschrift von Filmkünstlern, die heute gern glattgebügelt wird, aber doch der menschliche Kern des Kinos bleibt.

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