Netzkultur

„Filmwissen.Online“ — Filmgeschichte digital und spielerisch kennenlernen

STAND
AUTOR/IN

Wie funktioniert ein Dokumentarfilm? Was hat Winnetou am Neckar zu suchen? War Lotte Reiniger die erste Regisseurin in Deutschland? Anworten gibt die Plattform „Filmwissen.Online“ mit ihren digitalen und interaktiven Inhalten. Sie gräbt viele unbekannte Filme sowie Pioniere und Pionierinnen aus und zeigt, was man von ihnen lernen kann. „Filmwissen.Online“ ist zwar kein umfassendes „Nachschlagewerk“, lädt aber immer wieder zum Stöbern und Selbsterkunden ein.

Audio herunterladen (3,6 MB | MP3)

„Neckar-Western“ wurden bereits in den 1920er Jahren gedreht

„Winnetou“ und „Der Schatz im Silbersee“: Anfang der 1960er brach in der Bundesrepublik das Westernfieber aus. Es war nicht der erste Hype um den Wilden Westen in der deutschen Filmgeschichte. Schon vierzig Jahre früher drehte der Ludwigshafener Amerika-Fan Hermann Basler eine Reihe von Low-Budget Filmen in Baden, die sogenannten „Neckar-Western“. Auch in München entstanden um 1920 „Isar“-Western.

Zwei als Indianer verkleidete Männer mit langen schwarzen Haaren sitzen auf zwei Pferden. Der linke trägt ein Ledershirt, der rechte ist oberkörperfrei, hat eine einzelne Feder in die Haare gesteckt. (Foto: imago images, IMAGO / Allstar)
Winnetou trifft den DDR-Vorzeige-„Indianer“: Pierre Brice und Gojko Mitić in „Unter Geiern“, 1964. IMAGO / Allstar

Sehr interessant findet es Katja Hevemeyer von der Deutschen Filmakademie, „dass mit der Westernbegeisterung und den vielen Western, die in den USA gedreht worden sind, auch die Begeisterung in Deutschland stieg. Und es richtige Fanclubs gab: Männer, verkleidet als Cowboys, die Western im Alpenvorland drehen. “ Gedreht wurde mit weißen Laiendarstellern. Schon hier gab es Redfacing, wie später auch bei Winnetou-Darsteller Pierre Brice.

Webseite zeigt Geheimnisse und Tricks hinter und vor den Kulissen

Solche oft unbekannten Details der deutschen Kinogeschichte machen den Reiz der neuen Plattform „Filmwissen Online“ aus: In rund zwanzig bunt bebilderten Kapiteln liefert sie Aha-Momente zu kleinen Geheimnissen und Tricks der Filmproduktion.

Schwarz-weiß Bild, Ausschnitt eines einfahrenden Dampfzuges, Menschen stehen in Kleidung von der Jahrhundertwende am Bahnsteig. (Foto: imago images, IMAGO / KHARBINE-TAPABOR)
Ausschnitt aus „Arrivée d'un train en gare de La Ciotat“ von den Gebrüdern Lumière aus dem Jahr 1896. IMAGO / KHARBINE-TAPABOR

Schon eine der frühesten dokumentarischen Aufnahmen von 1895 war inszeniert, wie Hevemeyer erklärt: „Bei dem sehr bekannten Film der Brüder Lumière 'Die Einfahrt des Zuges' achten die Menschen auf dem Bahnsteig nicht auf die Kamera. Das ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass die Leute nicht stehenbleiben und da nicht hinschauen — damals war das eine Attraktion, wenn man eine Kamera gesehen hat.“

Spielerisch Filmgeschichte entdecken

Die Plattform lädt ein zum Stöbern und Selbsterkunden: Vorher-Nachher-Slider, Popup-Infos, Bildergalerien und Quizfragen machen Lust, sich das Wissen über Genres, Ästhetiken und Persönlichkeiten spielerisch anzueignen. Die sieben größten Institutionen der Filmbildung bundesweit haben sich mit ihrer Fachkompetenz für dieses Projekt zusammengetan, darunter das Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart und das DFF in Frankfurt.

Der Fokus liegt auf der Frühgeschichte des Films, etwa bei den Pionierinnen der 1920er: Neben Lotte Reiniger mit ihren märchenhaften Scherenschnittfilmen ist da Lola Kreutzberg, die mit ihrer Kamera auf Weltreise ging. „Filmwissen Online“ würdigt ihre Leistung und das von anderen Expeditionsfilmern, weist aber auch auf den kolonialistischen Blick hin.

Scherenschnitt-Film-Pionierin Lotte Reiniger überprüft 1955 mit ihrem Ehemann die Schnitte in einem ihrer Film: Eine ältere Frau und ein älterer Mann blicken angestrengt auf eine Filmspule. Die Frau sitzt, der Mann steht gebeugt hinter ihr. (Foto: imago images, IMAGO / ZUMA/Keystone)
Scherenschnitt-Film-Pionierin Lotte Reiniger überprüft 1955 mit ihrem Ehemann die Schnitte in einem ihrer Film. IMAGO / ZUMA/Keystone

Stereotype Sichtweisen treffen auf kreative Köpfe

Das Autorenteam hat viele kuriose Nischenfilme ausgegraben. Zu sehen sind der erste Reklamefilm für Damenkorsetts, aber auch experimentelle Filme — etwa eine Unterwasserproduktion mit einer selbstgebauten Taucherglocke oder ein Röntgenfilm mit Tieren.

Noch ist die Webseite im Aufbau, Module zu Kostümbildern oder zur Filmmusik werden folgen. Aber „Filmwissen.Online“ soll ohnehin kein umfassendes Nachschlagewerk sein, sondern einfach zum Staunen einladen. Zum Staunen darüber, wie stereotyp und eurozentristisch unser eigenes Filmerbe ist, aber auch wie divers und erfindungsreich.

Zeitwort 11.12.1963: Harald Reinls Film "Winnetou" kommt in die Kinos

Über 3 Millionen Besucher waren begeistert von dem deutsch-romantischen Western mit Pierre Brice und Lex Barker in den Hauptrollen.  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

Zeitwort 29.1.1936: Mussolini legt den Grundstein zur Cinecittà

„Cinecittà“ bei Rom ist eine legendäre Einrichtung, ohne die der italienische Nachkriegsfilm gar nicht vorstellbar wäre. Die Idee dazu hatte der „Duce“, Benito Mussolini.  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

Zeitwort 1.2.1968: Der Film „Das Wunder der Liebe“ kommt in die Kinos

Vor der Freigabe des Films musste Oswald Kolle sich den Diskussionen stellen: „Herr Kolle, Sie wollen wohl die Welt auf den Kopf stellen, jetzt soll sogar die Frau oben liegen!“  mehr...

SWR2 Zeitwort SWR2

STAND
AUTOR/IN