Filmkritik "Wintermärchen" von Jan Bonny – Glänzend gemacht und eiskalt

Von Rüdiger Suchsland

Eine Frau, zwei Männer und viel Hass auf alles Fremde, der sich in einer Mordserie entlädt. Natürlich denkt man da an den NSU, aber Jan Bonnys "Wintermärchen" will kein NSU-Film sein. Darum verzichtet er auf Erklärungen und direkte Verweise, aber zehrt doch von unserem Wissen um die tatsächlichen Morde der Neonazis.

Ernst des Lebens und des Sterbens

Schießübungen am Anfang. Bald werden die Ziele weich und echt und aus der Übung der Ernst des Lebens und des Sterbens.

Zwei sehr junge Männer und eine junge Frau, unreife Wesen, in Bomberjacken und Springerstiefeln, die ziemlich viel dummes Zeug reden. Wenn überhaupt. Denn eigentlich sprechen sie lieber mit Waffen.

Blutige Spur des NSU Terror

Der Kölner Regisseur Jan Bonny folgt in "Wintermärchen", seinem zweiten Kino-Spielfilm neben vielen Fernseharbeiten, unter anderem für den ARD-"Polizeiruf", der blutigen Spur des rechtsextremen NSU-Terrors. In einer Spielfilmform, die nahe an den bekannten Teil der Fakten angelehnt ist, für die "Einfühlung" oder "Nachempfindung" aber das falsche Wort wäre.

Morden, Essen, Schlafen, Schießen

Es wird gemordet, immer wieder. Brutal, kurz und schmerzhaft, auch für die Zuschauer, die diesen nüchternen Bildern ausgesetzt sind. Dazwischen wird gegessen, geschlafen, gedöst, man hat Sex, auch zu dritt, übt Schießen und es gibt immer wieder lange Autofahrten.

Kinostart 21.03. Wintermärchen von Jan Bonny

Ricarda Seifried und Thomas Schubert in "Wintermärchen" (Foto: W-Filmverleih -)
Die Beziehung von Becky und Tommi (Ricarda Seifried und Thomas Schubert) wird beherrscht von Langeweile und Frust. W-Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen
Die Beiden sind sich einig, dass etwas passieren muss, bevor die Langeweile sie auffrisst. W-Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen
Zusammen wollen sie als Terrorzelle Ausländer ermorden und mit ihren Taten für landesweites Aufsehen sorgen. W-Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen
Als sich Maik (Jean-Luc Bubert) dem Paar anschließt, entwickelt sich rasch eine Dreiecks-Beziehung. W-Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen
Mit dem Auftauchen von Maik (Jean-Luc Bubert) wird aus dem passiven Duo ein explosiver Dreier. W-Filmverleih - Bild in Detailansicht öffnen

Schrecklicher, tiefschwarzer Humor

Das hat dann mitunter sogar einen schrecklichen tiefschwarzen Humor. So wenn die angehenden Mörder nach potentiellen Opfern spähen, aber keinen passenden Kandidaten finden können. So kann das Leben sein, wenn man keine Macht hat.

Es geht auch um Geschlechtermachtverhältnisse. Sie sitzt am Steuer, sie lacht ihn aus. Ist er Mann genug? Sie erzählen sich Fantasien.

Beklemmende Innenansicht des Terrors

Hervorzuheben sind die Schauspieler: Allen voran Ricarda Seifried als Becky, die Frau zwischen den zwei Männern. Tommi gespielt von Thomas Schubert und Jean-Luc Bubert als Maik, der Dritte im Bunde. "Wintermärchen" bietet eine beklemmende Innenansicht des Terrors, eine Innenansicht, die allerdings auf wenig Fragen Antworten gibt und wohl auch nicht geben will.

Nichts außer Hass

Allenfalls wird das Bedürfnis befriedigt, zu wissen: "Was geht in diesen Köpfen vor?" Nichts, behauptet der Film, außer Hass.

Zwei maskierte Gestalten zielen mit einer Waffe im Film "Wintermärchen". (Foto: W-Filmverleih -)
Jan Bonny liefert mit seinem zweiten Kinofilm "Wintermärchen" eine "Vivisektion des Rechtsextremismus". W-Filmverleih -

Taten ohne jeden ideologischen Überbau

Noch nicht mal irgendeine krude oder menschenverachtende Ideologie spielt in den Gesprächen eine große Rolle. So muss man sich die NSU-Taten vielleicht vorstellen. So kann man sie sich aber auch bequem vom Leib halten.

Denn die richtig unbequemen, weiterführenden Fragen stellt "Wintermärchen" nicht, etwa der Frage, ob es Mitwisser gab. Und welche Rolle eigentlich die "verdeckten Ermittler" des Verfassungsschutzes spielten. Oder auch die, wo es eigentlich Berührungspunkte zwischen dem NSU und den Positionen bestimmter politischer Parteien gibt?

Kein Freiraum für Spekulationen

Hier verzichtet Bonny immer wieder auf genau das, was der Spielfilm bei historischen Stoffen dem Dokumentarfilm im Prinzip voraus haben könnte: auf die Möglichkeit zur Spekulation und zum Formulieren von Tatsachen, die eigentlich jeder im Prinzip weiß, die man aber nicht letztgültig beweisen kann.

Ricarda Seifried und Thomas Schubert als Paar in "Wintermärchen". (Foto: W-Filmverleih -)
Die Beiden sind sich einig, dass etwas passieren muss, bevor die Langeweile sie auffrisst. W-Filmverleih -

Ernst-Jünger-ähnlicher Voyeurismus

Die Erklärung des NSU-Rechtsextremismus aus Hass, Sex, Sadomaso entspricht zwar bestimmten, durchaus überzeugenden Theorien des Faschismus. Aber ein deutsches "Salo" ist der Film nicht mal im Ansatz. Es bleibt bei Sensationalismus und kaltem, Ernst-Jünger-ähnlichem Voyeurismus. Ein überzeugendes Spiel mit faschistischer Ästhetik ist nicht zu entdecken.

Glänzend gemachter, kalter Film

Das belegt ganz an der Oberfläche schon die Musikauswahl: Wo Pasolini Chopin, Bach, Orff und Puccini spielt, dudeln bei Bonny "Die Ärzte".

Am Ende hält "Wintermärchen" sich raus. Dies ist ein glänzend gemachter, aber auch ein kalter Film. Jan Bonny unternimmt eine Vivisektion des Rechtsextremismus: Wie ein Käfersammler spießt er seine Figuren auf und sieht ihnen beim sinnlosen Krabbeln zu.

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