Dokumentarfilm

„The Most Beautiful Boy in the World“: Vom Leben und Leiden des Björn Andrésen

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AUTOR/IN
Rüdiger Suchsland

Als „schönster Junge der Welt“ gilt der schwedischen Jungschauspieler Björn Andrésen, als er 1971 mit der Verfilmung von Thomas Manns „Tod in Venedig“ weltberühmt wird. Der Dokumentarfilm erzählt von Ausbeutung, Ruhm und einem traurigen Leben – und stellt Behauptungen auf, die von seinem Protagonisten nicht gestützt werden.

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Für Visconti war Björn Andrésen der „schönste Junge der Welt“

Gleich zu Anfang des Dokumentarfilms sieht der Zuschauer die Hauptfigur, den schwedischen Schauspieler Björn Andrésen, der sich bei seiner Vermieterin über den verwahrlosten Zustand seiner Mietwohnung beschwert. In gewisser Weise ist diese Unordnung an dem Ort, an dem er lebt, ein Abbild der psychischen Unordnung, in der er seit langem gelebt hat.

Es ist der berühmte italienische Filmemacher Luchino Visconti, der ihn vor über 50 Jahren entdeckt. Er besetzt Andrésen als den jungen Tadzio in der Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“. Der Film handelt von der verbotenen Zuneigung eines alternden Künstlers zu einem Knaben.

Durch seine Darstellung im Film wird Andrésen zu einer Ikone. Und Visconti beschreibt ihn in Interviews als „den schönsten Jungen der Welt“. Für Andrésen wird diese Beschreibung zu einer schwer zu ertragenden psychologischen Last. 

Björn Andrésen in Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ (Foto: IMAGO, Allstar)
Die Rolle des jungen Tadzio in Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig“ macht Björn Andrésen Anfang der 1970er-Jahre zu einem gefeierten Teenie-Idol. Allstar

Ein Drehbuch voller Andeutungen, die nicht vom Protagonisten stammen

Der Dokumentarfilm beleuchtet den persönlichen Weg von Andrésen. Es handelt sich gerade nicht um ein Stück Filmgeschichte, denn die Hauptfigur hat wenig über Luchino Visconti zu sagen, außer dass der Regisseur ihn schützte.  Und dass er bei dem Dreh viel Spaß hatte. 

Bemerkenswerterweise ist nicht der Protagonist des Films, sondern das Drehbuch der Macher dieses Dokumentarfilms, das umstrittene Andeutungen und manipulative Anspielungen auf den italienischen Regisseur macht. Die Tatsache, dass Andrésen einen Dreijahresvertrag mit dem Regisseur hatte, wird so kommentiert, als sei er „Viscontis Eigentum“ gewesen.

Im Gegenteil: Andrésen macht klar, dass es keine Missbrauchsvorwürfe gibt, die sich auf Sexualität oder Gewalt beziehen. Wenn es einen Missbrauch gab, dann ist es der eines Kindes, das seiner Jugend durch den Medienruhm und die Filmindustrie der Erwachsenen beraubt wurde. 

Björn Andrésen (Foto: Pressestelle, Mantaray Films, missingFILMs )
Schauspieler Björn Andrésen spielt heute vornehmlich in schwedischen Krimiserien und Horrorfilmen. Zuletzt war er in Ari Asters Film „Midsommar“ und in dem vom ZDF koproduzierten Krimi „Agatha Christies Hjerson“ zu sehen. Pressestelle Mantaray Films, missingFILMs

Ein Film, der sich nicht für Fakten und Wahrheiten interessiert

Er spielt mit einem Zeitgeist, der auch in unschuldige Bilder auflädt, und für den das Missbrauchsthema längst eine Modethema und Trigger für alles Mögliche ist.

Klar ist, dass der heranwachsende Björn mit einer Welt des oberflächlichen Ruhms konfrontiert wurde, auf die er nicht vorbereitet war, und dass er nicht den Schutz erhielt, zu dem die Erwachsenen um ihn herum verpflichtet waren.

Alles wird zu einem großen Teil aus der Sicht des heutigen Björn Andresen erzählt. Mit grauen Haaren und Bart spielt er Nebenrollen in schwedischen Krimiserien und in Horrorfilmen. Hinter ihm liegen Phasen der Depression, des Alkoholismus und der Selbstzerstörung. 

Der Dokumentarfilm nährt sich dem Protagonisten nicht, sondern dramatisiert eine Episode seines Lebens, nutzt sie aus bis zum letzten Bild.  Es ist nur eine weitere Form der Ausbeutung.

Trailer zum Film:

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Rezension von Kristine Harthauer.

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Luchterhand Verlag, 926 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3-630-87437-1
Rezension von Kristine Harthauer.

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