Ulrich Seidls neue Doku "Safari" | Kinostart 8.12. Mords-Safari in Namibia

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Ein beklemmender Film über die selbstzerstörerische Natur des Menschen. Sehenswert, aber schwer zu ertragen.

Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl geht in seiner neuen Kinodokumentation auf Safari. In Namibia begleitet er Touristen bei der Jagd auf Büffel, Zebras und Giraffen. Dabei versucht er herauszufinden, was die Menschen am Töten so fasziniert. Erstaunlich offen geben sie Auskunft über ihre Jagdleidenschaft und Einblicke in ihr Seelenleben. Ungeschönt zeigt Seidl auch, was sich hinter den Kulissen der Safari-Ranch abspielt, wenn die erlegten Tiere ausgeweidet werden.

Im Urlaub auf Safari

Während andere im Urlaub gerne am Strand liegen, geht Familie Eichinger auf Pirsch. Im Tarnanzug schleichen sich Vater, Mutter, Sohn und Tochter stundenlang durch die afrikanische Savanne, auf der Suche nach dem richtigen Tier und dem richtigen Moment, um abzudrücken.

Die Familienmitglieder fallen sich um den Hals, weinen vor Aufregung, sogar das tote Tier wird liebevoll getätschelt.

Climax Trophäenfoto

Es ist erstaunlich, welche starken Emotionen das Töten bei Seidls Protagonisten freisetzt. Dann erfolgt der wichtigste Moment: das Foto mit der Trophäe. Damit das Tier "a schöne Leich" abgibt, wird es gewaschen und so arrangiert, dass es auch in die Kamera schaut. Der Schütze kniet mit aufgerichtetem Gewehr dahinter. Schwierig wird es nur, als der Vater einmal eine Giraffe erlegt. Wie soll man den langen Hals bloß drapieren?

Drecksarbeit als Routine

Für die Jagdtouristen endet das Abenteuer erst einmal mit dem Foto. Für die Kinozuschauer begleitet Ulrich Seidl den Vorgang noch weiter. Ungeschönt und das ist noch ein Euphemismus, zeigt er, wie die erlegte Giraffe verarbeitet wird. Wie die schwarzen Arbeiter sie routiniert häuten, ausweiden und in ihre Einzelteile zerlegen. Am Ende ist das würdevolle Tier nicht mehr als eine Riesenschweinerei aus Blut, Gedärmen und Fleischstücken. Fern dieser Drecksarbeit sinniert die Safari-Familie auf dem Sofa schon über das nächste Tier beziehungsweise wie es in der Fachsprache heißt das nächste "Stück".

Unheimliche Durchschnittsmenschen

Es sind seltsame Gedankenwelten, die sich in "Safari" offenbaren. Und einmal mehr fragt man sich, wie Ulrich Seidl es schafft, seinen Hauptdarstellern solche Dialoge zu entlocken. Er selbst sagt, die Menschen wollten einfach zeigen, wer sie sind. Keinesfalls wolle er sie bloßstellen. Im Fall von "Safari" kommen die Aussagen aber doch einer Selbstentlarvung gleich. Denn die Jagdtouristen können beim besten Willen nichts Falsches an ihrem Hobby finden. Schließlich brächten sie Geld ins Land, würden alte und kranke Tiere von ihrem Leiden erlösen und mit dem Artensterben hätten die paar geschossenen Tiere auch nichts zu tun. Dass es sich bei den Jägern nicht um irgendwelche realitätsenthobenen Scheichs sondern um Durchschnittsmenschen handelt, macht die Sache umso unheimlicher.

Aussterben als Pointe

"Safari" ist ein beklemmender, mitunter schwer zu ertragender Film über die selbstzerstörerische Natur des Menschen. Was ihm allerdings fehlt, ist das Hintergründige, das Seidls beste Filme auszeichnet. Gerade dadurch, dass die Protagonisten so freimütig über ihre Leidenschaft Auskunft geben, verhindern sie, dass man tiefer blicken, versteckte Sehnsüchte und Wünsche entdecken kann. Dass am Ende ausgerechnet der Safari-Ranch-Besitzer zu dem Ergebnis kommt, der Welt gehe es besser, wenn der Mensch erst einmal ausgestorben sei, ist allerdings eine unbezahlbare Pointe.

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