Filmkritik: "Offenes Geheimnis" von Asghar Farhadi Thriller mit Starbesetzung

Von Rüdiger Suchsland

Der Hochzeitsfilm ist fast ist es schon ein eigenes Genre: Ein Paar heiratet, eine neue Liebe beginnt. Es werden alte und neue Geheimnisse enthüllt, Rechnungen beglichen und die Großfamilie entwickelt ihre eigene Dynamik. Jetzt hat Asghar Farhadi, der mit "The Salesman" 2017 einen Oscar gewann, einen Hochzeitsfilm gedreht, der zum Thriller mutiert. Mit den Stars Penelope Cruz und Javier Bardem.

Das Zahnrad der Zeit

Das Bild zu Beginn zeigt eine alte Uhr, ein Zahnrad dreht sich. Es ist das Zahnrad der Zeit. Es steht im Kirchturm von Torrelaguna, einem Kaff irgendwo in der Nähe von Madrid. In die Wand gekritzelt, von der Kamera unübersehbar ins Bild gesetzt, lesen wir: "1982, L & P".

Dass diese Initialen für Laura und Paco stehen, das erschließt sich schnell, auch wenn man noch nicht weiß, dass dies die Rollennamen von Penelope Cruz und Javier Bardem sind.

Eine Hochzeit in Andalusien

Es beginnt vielversprechend: Eine spanische Hochzeit, eine verlorene Tochter, die nach Jahren aus Argentinien mit ihren zwei Kindern zurück ins Kindheitsdorf kommt. Kleine, fein gesetzte Signale zu Beginn, ein Hauch von "Das Fest" oder "Monsoon Wedding".

Die Hochzeit von Lauras (Penélope Cruz) Schwester Laura (Foto: © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO)
Die Hochzeit von Lauras (Penélope Cruz) Schwester ist ein rauschendes Fest für das ganze Dorf. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO

Familienbande und familiäre Zwänge

Die Frau, Laura, und ihre zwei Kinder, Tochter und Sohn, kommen zur Hochzeit von Lauras Schwester und Laura trifft die Familie und alte Freunde wieder. Der Mann Alejandro, gespielt von Ricardo Darin, bleibt dagegen erstmal zuhause, ist nur per Skype-Kamera zu sehen.

Er hat, das ist bald klar, wenig Lust auf diese angeheiratete Familie. Denn in die Familie dreht sich das Zahnrad der Zeit immer besonders schmerzhaft hinein.

Kinostart 27.9. Offenes Geheimnis von Asghar Farhadi

Laura (Penélope Cruz) und Alejandro (Ricardo Darín) (Foto: © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO)
Die Spanierin Laura (Penélope Cruz) heiratet den wohlhabenden Argentinier Alejandro (Ricardo Darín) und zieht mit ihm nach Buenos Aires. Sie gründen eine Familie. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Laura plant alleine mit ihren zwei Kinder Irene (Carla Campra) und Diego (Ivan Chavero) zur Hochzeit ihrer Schwester zu reisen. Alejandro kann aus beruflichen Gründen nicht mit in ihr unweit von Madrid gelegene Heimatdorf kommen. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Nach vielen Jahren kehrt Laura zum ersten Mal zurück nach Spanien. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Lauras jüngere Schwester Ana (Inma Cuesta) heiratet ihre große Liebe Juan (Roger Casamajor) und feiert mit der ganzen Gemeinde. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Bei der Hochzeit herrscht eine ausgelassene Stimmung, doch dann verschwindet Lauras Tochter Irene spurlos. Auf ihrem Bett findet Laura alte Zeitungausschnitte von einer Jahre zurückliegenden Entführung eines Mädchens, die tragisch endete. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Die Suche nach Irene wird für Laura, ihre Jugendliebe Paco (Javier Bardem, l.) und Lauras Schwager Fernando (Eduard Fernández, Mitte) zur Belastungsprobe. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen
Pacos (Javier Bardem, vorne) Frau Bea (Bárbara Lenni, hinten) findet, dass sich Paco zu sehr in die Suche nach Lauras Tochter Irene hineinsteigert. Auf einmal geht es nicht nur um das Schicksal von Lauras Tochter, sondern um Gefühle, Ressentiments und Abhängigkeiten, die sich teilweise über Jahre aufgebaut haben und nun endgültig in der Gegenwart ankommen. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO Bild in Detailansicht öffnen

Der Hochzeitsfilm als eigenes Genre

Trotzdem ist alles hier erst einmal Zärtlichkeits- und Gefühlsüberschwang: Man hat sich lange nicht gesehen, man umarmt sich, küsst sich. Fast ist es schon ein Genre: Der Hochzeitsfilm. In der Einheit von Zeit und Raum treffen viele Leute zusammen. Eine neue Liebe beginnt, vor allem aber werden alte Rechnungen beglichen.

Hier nimmt alles noch eine weitere, zusätzliche Wendung: Die Argentinier werden neidisch beäugt, denn sie sind angeblich viel reicher als der Rest der Verwandtschaft. Dass das gar nicht stimmt, stellt sich schnell heraus, nachdem am Hochzeitsabend plötzlich ein Albtraum beginnt.

Familiengeheimnisse kommen ans Licht

Irene, Lauras Tochter, ist plötzlich verschwunden. Offenbar wurde sie entführt. Schnell ist klar: Die Täter können nur Angehörige des engeren Verwandtschafts-Kreises sein. Woraufhin die ganze Familie Stück für Stück zerbirst.

Paco (Javier Bardem), Laura (Penélope Cruz) (Foto: © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO)
Das einstige Liebespaar Laura (Penélope Cruz) und Paco (Javier Bardem) begegnen sich nach vielen Jahren wieder. © 2018 Teresa Isasi / PROKINO - © 2018 Teresa Isasi / PROKINO

Aber der eigentliche Motor für dieses Handlungsgetriebe ist die Vergangenheit, die Tatsache, dass Paco und Laura früher ein Paar waren. Paco ist jetzt mit Bea liiert. Alles eskaliert, als dann auch noch Lauras Mann Alejandro aus Argentinien anreist.

Und so kommen allmählich alle verdrängten Dinge und Familiengeheimnisse als Licht. Und nicht zuletzt auch alles, wovon die Beteiligten nur glauben, es sei ein Geheimnis.

Mainstream-Kino im Stil einer Daily-Soap

Immerhin hält den Film eine souveräne Regie von Asghar Farhadi zusammen, dem seit Jahren ins Pariser Exil gezwungenen iranischen Regisseur, der einst mit dem Scheidungsdrama "Nadir und Shimin" bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann.

Die Darsteller tragen zu dick auf

Farhadi hat alles Recht, einen Mainstream-Film zu drehen, er nutzt es hier auch weidlich. Aber die Darsteller in diesem Film, tragen zu dick auf, "spielen" zu sehr und zu erkennbar, sind nie "in der Rolle". So wirkt alles hier sehr formelhaft und konfektioniert.

"Offenes Geheimnis" ist eine sehr im Stil einer Daily-Soap erzählten Geschichte. Ein Thriller, der zum Melodram mutiert und nicht besser wird über seine Laufzeit von gut zwei Stunden. Eher lieblos ist alles erzählt, oberflächlich und ohne echtes Interesse an Schauplätzen und Figuren. Kein neues Kino-"Fest".

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