Filmkritik Blick in den Abgrund – Doku "Of Fathers and Sons. Die Kinder des Kalifats"

Von Julia Haungs

In "Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats" taucht der Dokufilmer Talal Derki in die abgeschottete Welt der islamistischen Al-Nusra-Front ein. Zwei Jahre lang hat der Syrer die Familie des Rebellenführers Abu Osama begleitet und beobachtet, wie aus dessen Söhnen Gotteskrieger werden. Es ist ein Blick in den Abgrund.

Liebevoller Vater und Rebellenführer

Der kleine Junge hält ein Vögelchen in der Hand, das er draußen gefangen hat. "Tu ihm nicht weh", sagt der Vater. "Lass es frei!". Als der Sohn wieder hereinkommt, verkündet er stolz: "Wir haben den Vogel geschlachtet. Wir haben ihm den Kopf abgeschlagen. So wie du neulich dem Mann, Papa. Erzähl doch nochmal!"

Ausbildung zum Gotteskrieger statt Schule

Es ist nur eine kurze Szene, aber sie macht den ganzen Abgrund deutlich, an dem sich der Film "Of Fathers and Sons“ – Die Kinder des Kalifats" durchgängig bewegt.

Rebellenführer und Vater

Vater Abu Osama ist ein hoher Rebellenführer des Al-Quaida-Ablegers Al-Nusra im Nordwesten Syriens. Er hat zwölf Kinder, davon acht Söhne. Obwohl der Film Osama als durchaus liebevollen Vater zeigt, ist für ihn klar: sobald die Jungs alt genug sind, ziehen sie als Gotteskrieger in den Kampf.

Zur Schule schickt er sie längst nicht mehr. Stattdessen lernen die Kinder zu Hause den Koran auswendig. Ihre Bildung jenseits des Religiösen tendiert gegen Null.

Trister Kinderalltag

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat der syrische Dokumentarfilmer Talal Derki die Familie Osamas unter hohem persönlichen Einsatz begleitet. Um das Vertrauen der Islamisten zu gewinnen, hat er sich als sympathisierender Kriegsfotograf ausgegeben.

So durfte er aus größter Nähe filmen, was er sieht. Er konzentriert sich auf den tristen Kinderalltag, der uns fremder nicht sein könnte. Spielzeug, Bücher, Fernsehen, all das gibt es nicht.

Sprengsätze basteln

Wenn die Jungs nicht gerade religiösen Reden zuhören müssen, werfen sie Steine nach ihren ehemaligen Lehrerinnen, klettern auf Schuttbergen herum oder basteln Sprengsätze aus Plastikflaschen.

Die Kinder beim Koranunterricht im Ausbildungscamp der Al-Nusra Brigaden (Foto: © BASIS BERLIN Filmproduktion -)
Die Kinder beim Koranunterricht im Ausbildungscamp der Al-Nusra Brigaden. © BASIS BERLIN Filmproduktion -

Keine Alternative zum Islamismus für die Kinder

Irgendwann wird dann auch für die Kinder aus dem Spiel Ernst: der 13-jährige Osama und sein jüngerer Bruder Ayman werden in Kampfanzüge gesteckt. In einem militärischen Kindercamp lernen sie, Dschihadisten zu sein.

Schießen, Fassaden hochklettern, durch brennende Reifen springen und vor allem: keine Angst vor dem Tod haben, selbst wenn die Ausbilder mit scharfer Munition dicht an ihren Körpern vorbeischießen.

Fanatischer Islamist

"Wir werden unsere Feinde zerquetschen" heißt es in dem Song, den Abu Osama im Auto so zufrieden mitsingt, während er durch die syrische Ruinenlandschaft fährt. Dass das Kalifat eines Tages errichtet wird, daran hat der fanatische Islamist keinen Zweifel. Und dafür erscheint ihm auch kein Preis zu hoch.

Talal Derki schildert eindrücklich, wie Radikalisierung funktioniert. Beziehungsweise eigentlich noch schlimmer: dass die Kinder, die in einem solchen Umfeld aufwachsen, gar nicht radikalisiert werden müssen. Sie kennen einfach nichts anderes als die Symbiose von Religion und Gewalt.

Geschlossenes Weltbild

Und es gibt auch weit und breit kein Korrektiv. Ihr Weltbild rund um den Dschihad ist in sich so geschlossen, dass sie gar nicht auf die Idee kämen, es gäbe auch Alternativen.

"Of Fathers and Sons" zeigt eine reine Männerwelt. Die Frauen bleiben seltsam unsichtbar, obwohl es in der Familie durchaus auch Mütter, Schwestern, Töchter gibt. Es hätte einen schon interessiert, welche Perspektive sie haben. Aber Derki war es nicht erlaubt, sie zu filmen.

Einblicke in eine dunkle Parallelwelt

Durch ihre extreme Nähe, die aber trotzdem nie distanzlos wirkt, ist dieser Dokumentarfilm ein einzigartiges Zeitdokument. Sie zerreißt einem fast das Herz und lässt es gleichzeitig erstarren.

Denn angesichts dieser Einblicke in eine dunkle Parallelwelt erscheint es unvorstellbar, wie jemals Frieden einkehren soll in Syrien. In einem Land, wo der Weg zum Dschihadisten für Manche mit dem Tag ihrer Geburt beginnt.

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