Filmkritik "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"

Von Rüdiger Suchsland

In "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" geht es um das Erwachsenwerden, in einer Weise, die weh tut. Ein riskantes, herausforderndes, mutiges Geschwister-Gesellschafts-Drama, das zeigt, warum Philip Gröning zu den interessantesten Regisseuren des deutschen Kinos gehört.

Zwei schreckliche Kinder

Sie heißen Robert und Elena. Sie sind zwei schreckliche Kinder, ein Geschwisterpaar, zweieiige Zwillinge. Julia Zange spielt Elena bezaubernd als Mischung aus altkluger Nymphe und böser Fee. Josef Matthes den Robert als angry young man mit Spätpubertäts-Allüren.

Zwei Tage im Leben der Zwillinge

Die Eltern lernt man gar nicht kennen in diesem Film, es gibt keine sogenannte "Backstory", keine psychologische Erklärung der Figuren. Man erfährt nicht, wo sie eigentlich herkommen, was sie bewegt. Man begleitet die beiden einfach durch die entscheidenden 48 Stunden ihres Lebens.

Philosophie und riskante Wetten

Zusammen verbringen sie einen Nachmittag auf einer Sommerwiese inmitten wogender gelber Kornfelder, irgendwo auf der schwäbischen Alb. Sie lernen fürs Abitur, unter anderem Philosophie, Heidegger zum Beispiel.

Sie lesen auch die Literatur der Romantik: "Die Gegenwart ist ein Schnittpunkt" heißt es bei Novalis in "Heinrich von Ofterdingen". Sie verbringen die Zeit aber auch mit Spielen und Wetten. Diese Wetten werden zunehmend riskanter, gefährlicher.

Kinostart 22.11. „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning

Die Zwillinge Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes) verbringen 48 Stunden in ihrem Universum. (Foto: W-film Distribution - W-film Distribution)
48 Stunden lang sind die sommerliche Wiese, ein Wald, ein See ihr Universum. 48 Stunden ist die Tankstelle ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. W-film Distribution - W-film Distribution Bild in Detailansicht öffnen
48 Stunden, sich von Kindheit und der Symbiose der Zwillingswelt zu lösen. W-film Distribution - W-film Distribution Bild in Detailansicht öffnen

Sex und Geschwisterliebe

Was schon früh im Raum steht ist das sexuelle Erwachen, die tabuisierte Geschwisterliebe. Tatsächlich leben die beiden in einer für alle anderen Menschen unzugänglichen Welt. Ihre Gesten und Spiele drehen sich oft um sexuelles Begehren, das sich die beiden eigentlich nur in inzestuösem Sex miteinander vorstellen können.

Es gibt hier kein ,Einer‘. Es gibt hier nur ,Zwei‘. Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes). (Foto: W-film Distribution - W-film Distribution)
Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes). W-film Distribution - W-film Distribution

Das Ende der Kindheit

Das darunterliegende Thema ist nicht etwa Gewalt, auch wenn diese ausbricht, nicht etwa Philosophie, auch wenn diese oft und gern zitiert wird, sondern es ist das unweigerliche Verschwinden der Kindheit, und die Verweigerung des Erwachsenwerdens.

Robert und Elena verschließen sich vor der Welt auf einer offenen Wiese, Ihre Interaktionen sind manchmal zärtlich und dann wieder aggressiv. Es geht um das Ende der Kindheit und es liegt eine Gefahr in diesem Moment. Die Ereignisse eskalieren.

Mit Martin Heidegger ins Kino

Wenn "Bonnie & Clyde" Martin Heidegger gelesen hätten, oder der Schwarzwälder Philosoph öfter mal in ein Freiburger Kino gegangen wäre – bei solchen Tagträumen bekommt man eine Ahnung von "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot".

Solitär im deutschen Film

Hier kann man sehen lernen durch den Film und seinen Regisseur. Dieser Philip Gröning ist ein Solitär im deutschen Kino: Ein Autorenfilmer, dessen Werke immer intelligent sind und immer sehr genau.

Jeder seiner Film ist anders, jeder Film lohnt. Man erinnere sich an den Dokumentarfilm "Die Große Stille", an das Roadmovie "Amour Argent Armour".

Keine deutsche Kino-Erklär-Manie

Grönings Filmemachen ist von zwei Grundhaltungen bestimmt, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Einerseits "form follows function", das Sujet des Films bestimmt in Grönings Kino die Form. Mit dem Effekt, dass jeder Film an der Oberfläche unterschiedlich aussieht, wenn auch Grönings Handschrift bei genauerem Hinsehen immer erkennbar wird.

Bilder statt Psychologie

Die zweite Grundhaltung: Kino ist für Gröning ein Erfahrungsraum, kein Informationsvermittler. Es geht um innere Veränderung der Zuschauer. Gröning steht radikal gegen die Erklär-Manie des deutschen Kinos. Bilder sind ihm wichtig; Psychologie ist unwichtig. Wenn wir neue Menschen kennenlernen, wissen wir von ihnen schließlich auch kaum etwas.

Kluger und schöner Film

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" ist nicht nur klug und schön, dies ist ein wunderbares hochspannendes Zaubermärchen um wilde Leidenschaften und letzte Dinge. Ohne Frage einer der allerbesten deutschen Filme der letzten Jahre. Und über allem steht die Sonne des Sommer. "Nur die Sonne war schuld" heißt es bei Camus.

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