Einfach das Ende der Welt | Kinostart 29.12. Redeschwall gegen den Wahnsinn

Kulturthema am 27.12.2016 von Rüdiger Suchsland

Das endlose Reden der Akteure in "Einfach das Ende der Welt" von Xavier Dolan schreit förmlich nach Schweigen. Das soll beim Zuschauer Sympathien für den nach 12 Jahren zurückkehrenden schweigsamen Sohn in dieser Familiengeschichte provozieren. Aber dessen Kommunikationsunfähigkeit führt zu einem peinigenden Stillstand. Die Theatervorlage von Jean-Luc Lagarce wurde im Film allzu mechanisch umgesetzt, ohne dramaturgischen Bogen.

Ein verlorener Sohn kehrt nach zwölf Jahren Abwesenheit zurück in sein Elternhaus, für einen knappen Tag. Draußen in "der Welt" hat Louis sein Glück gemacht; er ist viel gereist und als Autor von Theaterstücken zu Ruhm gekommen. Mit der Familie, der Mutter, der Schwester und vor allem dem verheirateten, ihn in Rivalität verbundenen Bruder, hat er nur über unzählige Postkarten losen Kontakt gehalten. "Immer nur diese Drei-Worte-Antworten" wirft ihm die Mutter einmal vor. Sie kann dieses Schweigen nicht verstehen. Denn sie braucht, wie ihre beiden anderen Kinder, für alles weitaus mehr Worte.

"Warum bist Du zurückgekommen?" wird er darum, auch gefragt. Sie verstehen es nicht. Er hat irgendetwas. Aber was? Wir Zuschauer wissen es eigentlich schon von Anfang an und in der Mitte des Films wird auch dem Unaufmerksamen klar: Er muss ihnen etwas sehr Unangenehmes gestehen, er muss sterben. Aber bis zum Schluss kommt er nicht raus mit dem, was er eigentlich hat. Denn die anderen lassen ihn erst gar nicht zu Wort kommen. Jede Möglichkeit eines intimeren Gesprächs wird erstickt von dem ständigen Redeschwall, der hier dominiert. Sobald Louis das Elternhaus erreicht hat, prasseln die Worte auf ihn ein: Laut, vulgär, monomanisch nicht auf Antwort hoffend, narzisstisch nur um den jeweils Sprechenden kreisend.

Schweigen ist Gold

Dieses endlose Reden, es ist Konzept des Regisseur, ganz klar. Es soll uns nahelegen, uns mit dem Sohn zu identifizieren, der auch darunter leidet. Es soll eine besondere Form der Kommunikationsunfähigkeit ausdrücken. Aber der Effekt ist, das alles auf der Stelle tritt, dass man als Zuschauer sich gepeinigt fühlt von den Figuren. Es wäre aber schön, wenn man den einen oder die andere lieben, zumindest schätzen könnte.

Doch selbst Louis (Gaspard Ulliel) kommt einem nicht nahe. Er wiederum ist in seiner Passivität und Schweigsamkeit zu vage, zu sehr in Watte gepackt. Zur interessantesten Figur wird dann unerwarteterweise ausgerechnet die von Marion Cotillard gespielte Schwägerin Catherine. Zwar sind es auch hier pure Schauspielmanierismen, wenn sie, die auch unter dem fortwährenden Wortkaskaden leidet, nach Worten sucht, das falsche findet, mit ihnen ringt, sich verspricht, stammelt. Aber immerhin ist das erholsamer.

Unter anderen Umständen ein Liebespaar

Interessant an der Figur ist auch, dass sofort eine intimere Verbindung zwischen Catherine und Luis klar wird, dass sogar visuell nahegelegt wird, unter anderen Umständen könnten die beiden ein Liebespaar werden – obwohl Catherine mit Louis' Bruder verheiratet ist, und vor allem obwohl Louis wahrscheinlich schwul ist. Léa Sedoux, die zweite große Französin in dieser hochkarätigen Darstellerriege, spielt Louis' ein bisschen bedauernswerte Schwester, und das so, dass man sie dauernd - und ganz ohne Hintergedanken - in den Arm nehmen möchte.

Zu einer kleinen Katastrophe gerät dagegen der Auftritt von Truffaut-Star Nathalie Baye als Mutter. Unter ihrer schwarzen Perücke und Zentimetern von Make-Up zwar kaum erkennbar, möchte man im Publikum selber schreien, sie möge endlich den Mund zu machen.

Sobald die Figuren einmal nicht reden, wird der Film besser, mitunter sogar gut. Aber das passiert viel zu selten. Es ist ein Paradox: Dass der junge Kanadier Xavier Dolan ein sehr talentierte, sehr visuell denkender Filmemacher ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Aber dem Wunderkind ist der Ruhm zu Kopf gestiegen. Zu einfach macht er sich die Dinge, zu schlampig rotzt er seine Filme geradezu hin, zu viel verlässt er sich auf Worte, zu inkoherent sind die Bilder und Inszenierungsstrategien.

Im Dialoggefängnis

Denn immer wieder gibt es den erkennbaren Versuch, aus dem Dialoggefängnis auszubrechen und den Film visuell aufzupeppen. Das sieht dann allerdings zu oft aus wie Werbefernsehen: Schnell geschnitten und clean. Wenn dann noch die Sprachmanierismen von Dolands Dialoginszenierungen dazu kommen, die Hysterie der Charaktere, ist es kaum zum aushalten.

Das Theaterstück von Jean-Luc Lagarce, das die Vorlage bildet, ist zudem reine Mechanik, es klappert gleichförmig so dahin, ohne dramaturgischen Bogen, rechts geht eine Tür auf, links eine zu oder umgekehrt, Auftritt auf Auftritt - und so ist es irgendwann einfach zu Ende, könnte aber auch noch weitergehen, oder schon früher aufgehört haben.

Wenn man über die restlichen Feiertage Lust auf eine so richtig dysfunktionale Familiengeschichte hat, sollte man sich lieber schnell noch eine DVD von Arnaud Desplechins "Un Conte de Noel" ("A Christmas Tale") besorgen. Da hat man mehr von: Mehr Familie, mehr Dysfunktionalität und viel mehr gutes Kino.

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