Filmkritik: „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ von Agnès Varda mit JR Poetische Doku-Reise durch Frankreich

Filmkritik am 30.5.2018 von Rüdiger Suchsland

Mit Spiel-und Dokumentarfilmen war Agnès Varda in den frühen 60er Jahren die Pionierin der "Nouvelle Vague" im französischen Kino. Varda ist eine Sammlerin von Menschen, Objekten und Blickwinkeln. Ihren neuesten Film, einen Doku-Essay, präsentierte sie 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes: „Augenblicke: Gesichter einer Reise“. Die Zusammenarbeit mit dem französischen Fotokünstler JR kommt passgenau zu ihrem 90. Geburtstag ins Kino.

Die einzige Frau im Männerclub der Nouvelle Vague

Gerade ist sie 90 Jahre alt geworden. Einst war Agnès Varda die einzige Frau im Männerclub der Nouvelle Vague, jener neuen Welle aus Frankreich, die seit Anfang der 60er Jahre das Kino revolutionierte. Inzwischen hat sie eher den Status einer Großmutter des französischen Kinos: Quicklebendig, hellwach, nicht ohne Schrullen ist sie seit Jahren fast im Monatstakt Gast auf einem Filmfestival. 

Varda hat Spielfilme wie Dokumentarfilme gemacht. "Visages Villages", der neueste Film der Französin, gehört zu letzteren. Aber was er dokumentiert, das ist eigentlich die Regisseurin selbst, ihre Interessen und Leidenschaften, ihren Blick auf die Welt. Dies ist mehr ein Essayfilm, ein persönliches Dokument, als ein objektives Dokument der Welt.

Unterwegs mit dem französischen Street-Art-Künstler JR

"Visages Villages", zu Deutsch wörtlich "Gesichter, Orte", im Kinoverleihtitel „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ ist eine Zusammenarbeit zwischen Varda und dem französischen Design- und Street-Art-Künstler JR, der viel fotografiert, und einige Fotos dann monumentalformatig ausdruckt und sie dann wiederum auf Häusern, Zugwagen oder Felswänden befestigt, wo sie einige Zeit zu sehen sind, um dann nach ein paar Tagen, von Wind und Regen wieder zum Verschwinden gebracht werden.

Diese Arbeiten mögen für sich genommen nicht sonderlich interessant sein. In Kombination mit Varda wird es dann schon etwas ganz Einmaliges. Denn Varda interessiert sich für Menschen, die "Gesichter" des Titels. Und für Orte, aber bestimmte Orte, Orte, die mit ihrem Leben direkt verbunden sind.

Geschichte verschmilzt mit Persönlichem

Ein Beispiel dafür: Ein riesiger Betonklotz in der Normandie, ein ehemaliger deutscher Bunker des Atlantikwalls. Für Varda eine Erinnerung an die Jahre ihrer Jugend unter der deutschen Wehrmachts-Besatzung: Geschichte verschmilzt hier mit Persönlichem und wird durch Kunst, durch den kaleidoskopischen, alles andere als nostalgischen Blick Vardas und JR's in neues Licht gerückt.

Road-Movie-Sozialreportage Frankreichs

Die Struktur des Films ist ein Roadmovie. Mit einem zum Fotolabor umgebauten Wohnwagen reisen die beiden durch Frankreich. Typisch Varda ist zum Beispiel der Besuch bei den Frauen von Hafenarbeitern in Le Havre. Dies ist eine Hommage an Gewerkschaften und die Tugend der Solidarität, die sowohl zwischen Arbeitern als auch zwischen Frauen ein besonders hohes Gut ist. Varda zeigt hier weibliche Stärke, die nicht durch Quoten erzeugt werden muss.

Hommage an Jean-Luc Godard

Dann etwas komplett anderes: Eine erste Hommage an den großen Jean-Luc Godard. JR und Varda besuchen den Louvre, die Kamera rast in knapp zwei Minuten durch die ehrwürdigen Säle, genau wie in Godards "Bande Apart", der "Außenseiterbande". In diesem Fall aber mit mit Varda in einem Rollstuhl.

Godard ist immer gut für Überraschungen

Gegen Ende wird es immer intensiver: Varda will Jean-Luc Godard besuchen, in dessen Haus in Rolle am Genfer See. Sie verabreden sich. Schon bevor sie dort ist, sagt Varda in die Kamera: "Er veränderte das Kino für immer ... Er ist mir wichtig" und bemerkt dann in der Bahnhofskneipe noch, Godard sei immer gut für Überraschungen.

Es klingt wie eine Vorahnung. Denn Godard, mit 85 nur unwesentlich jünger als Varda, der die Verabredung zugesagt hatte, ist nicht zuhause. Oder er öffnet nicht die Tür. Dort steht nur eine kurze Notiz, eine Erinnerung an Jacques Demy, Vardas längst verstorbenen Ehemann, die Varda zu Tränen rührt.

Ein poetischer und einfühlsamer Film

Bei der Abfahrt erinnert sie noch aus dem Off mit Blick auf den Genfer See an einen gemeinsamen Urlaub mit Demy, Godard und dessen damaliger Frau Anna Karina. Sie seien ständig am Meer gewesen, nur Godard nicht, der habe den ganzen Tag gelesen.

Am Ende ist die Tür zu Godard also verschlossen. Wäre dies das letzte Bild von Vardas großartiger Filmkarriere, wäre es ein wunderschönes Ende. Ein großartiger Schlussstein ist dieser poetische, einfühlsame Film allemal.

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