Filmfestival Locarno mit zukünftigem Berlinale-Chef Das Abschiedsprogramm von Carlo Chatrian

Am 1.8.2018 von Rüdiger Suchsland

Am 1. August wird im Tessin in der Schweiz das Filmfestival von Locarno eröffnet - zum 71. Mal. Damit gehört Locarno zu den ältesten Filmfestivals der Welt. An den nächsten elf Tagen werden über 300 Filme zu sehen sein. Besonderes Interesse gilt in diesem Jahr auch Carlo Chatrian, dem künstlerischen Direktor des Festivals. Denn er verlässt Locarno nach dieser Ausgabe und wird im Februar 2020 als Nachfolger von Dieter Kosslick neuer Leiter der Berlinale.

Zweitgrößtes Programm aller Festivals

Zwischen malerischer Altstadtkulisse und der größten Leinwand Europas ist Locarno am Lago Maggiore das kleinste unter den bedeutenden europäischen Filmfestivals, aber es ist auch das wohl beliebteste, weil inhaltlich unumstrittenste. Und quantitativ ist das Programm das zweitgrößte aller Festivals: Über 300 internationale Filme werden an den nächsten nur elf Tagen im Tessiner Kurort und Rentnerparadies gezeigt.

Stühle und Filmleinwand sind auf Piazza Grande in Locarno aufgestellt (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - ALEXANDRA WEY)
picture-alliance / dpa - ALEXANDRA WEY

Dazu gehört die zum größten Freiluftkino Europas umgebaute mittelalterliche Piazza Grande die bis zu 9000 Zuschauer fasst.

Festival des Experiments und des Nachwuchs

Im Wettbewerb läuft auch ein deutscher Beitrag: "Wintermärchen" des Kölner Regisseurs Jan Bonny. Es geht um junge Rechtsextreme – ein Hauch von NSU in der idyllischen Schweiz.

Drei junge Rechtsextremisten gehen in den Untergrund, um Anschläge auf ausländische Mitbürger zu verüben. (Foto: -)
Drei junge Rechtsextremisten gehen in den Untergrund, um Anschläge auf ausländische Mitbürger zu verüben. -

Ansonsten laufen im Wettbewerb ein chinesischer Thriller über das spurlose Verschwinden von Migranten, sowie neue Filme von Ethan Hawke, dem koreanischen Autorenfilm-Star Hong Sangsoo, von Yolande Zauberman und Thomas Imbach. Mit dieser Auswahl etablierter Filmemacher entfernt sich Locarno von seinem Ruf, vor allem ein Festival des Experiments und des Nachwuchses zu sein.

Eröffnet wird am 1. August mit dem französischen Spielfilm "Les beaux esprit" von Vianney Lebasque.

Festivalleiter Chatrian geht zur Berlinale

In diesem Jahr gibt es auch einen Abschied: Denn dies ist der letzte Jahrgang, den Festivalleiter Carlo Chatrian verantwortet. Der Italiener Chatrian, der seit 2012 das wichtigste Schweizer Filmfestival leitete, verlässt Locarno nach dieser Ausgabe. Ab kommendem Frühjahr ist er als Nachfolger von Dieter Kosslick neuer Leiter der Berlinale.

Deshalb wägt man das diesjährige Programm auch ein bisschen im Licht der Berlinale und als Vorschein auf zukünftige Veränderungen. Zugleich scheint es, als würde Carlo Chatrian in seinem letzten Locarno-Jahr alle derartigen Erwartungen von Anfang an geschickt unterlaufen.

Carlo Chatrian (künstlerischer Leiter des 71. internationalen Filmfestival in Locarno) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Alessandro Crinari)
Pressekonferenz zum Programm des 71. internationalen Filmfestivals in Locarno. picture-alliance / dpa - Alessandro Crinari

So betonte der 46-jährige bei der Vorstellung des Programms, dass die Wettbewerbsfilme in seiner Abschiedssaison vor allem persönliche Geschichten erzählten, die großen Konflikte unserer Gegenwart dagegen in den Hintergrund rückten – also das Gegenteil der auf das politische Profil ihres Programms immer sehr bedachten Berlinale.

Nur wenige Frauen im Programm

Auch in einer anderen Hinsicht erscheint das diesjährige Locarno-Programm als Anti-Berlinale: Entgegen aller politischen Korrektheit anderer Festivals stammen von den 15 Filmen im Wettbewerb nur drei von einer Frau, und auch im populäreren Rahmenprogramm der Piazza Grande finden sich unter den 18 Filmen nur vier Filmemacherinnen.

Da hilft es auch wenig, dass betont wurde, dass viele Geschichten der Filme Frauenportraits erzählten oder um weibliche Hauptfiguren kreisten. So wird aber heute das Programm von Filmfestivals von manchen nach den Kategorien der Gender-Repräsentation durchgezählt.

Lachen gegen politische Krisen und gesellschaftliche Nervosität

Dia Antwort, die Locarno in diesem Jahr auf die grassierenden gesellschaftlichen Nervositäten und politischen Krisen gibt, lautet: Lachen.

Auf der Piazza Grande läuft die komödiantische Fernsehserie "Coincoin and the Extra Humans" des französischen Autorenfilmers Bruno Dumont, in der ein Kind zum fanatischen Nationalisten wird.

In der Retrospektive der fast vergessene Hollywood-Regiestar Leo McCarey

Leo McCarey (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Leo McCarey picture-alliance / dpa -

Und die diesjährige Retrospektive ist Leo McCarey gewidmet, einen heute fast vollkommen vergessenen Regiestar des klassischen Hollywood der 1920er bis 1950er-Jahre. Berühmt wurde er nicht nur mit Stan Laurel und Oliver Hardy, sondern auch mit Cary Grant-Komödien.

Daneben läuft auf der Piazza Sandra Nettelbecks "Was uns nicht umbringt" aus Deutschland mit Barbara Auer und Sophie Rois, und zu guter Letzt ein Knaller aus Hollywood: "Equalizer 2" von Antoine Fuqua mit Denzel Washington als good guy, der mit der Knarre in der Hand Ordnung schafft. Auch diese Art von Erleichterung gehört zum Kino.

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