Filmfestspiele Venedig: Goldene Löwen (Foto: IMAGO, imago images/Future Image)

Filmfestival

Die 79. Filmfestspiele Venedig: Laura Poitras gewinnt Goldenen Löwen für „All the Beauty and the Bloodshed“

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Mit der Verleihung der Filmpreise gingen die 79. Filmfestspiele in Venedig zu Ende. Die Regisseurin Laura Poitras wurde für den Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Für ihre Schauspielleistung wurden Cate Blanchett und Colin Farrell geehrt. SWR2 Filmkritiker Rüdiger Suchsland zieht Bilanz.

Der Goldene Löwe 2022 geht an Regisseurin Laura Poitras

Mit der Verleihung des Goldenen Löwen gehen die 79. Internationalen Filmfestspiele in Venedig zu Ende. In der Preiszeremonie zeichnete die Jury um Hollywoodschauspielerin Julianne Moore zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Festivals einen Dokumentarfilm mit dem Hauptpreis aus.

Regisseurin Laura Poitras mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen Venedig 2022 (Foto: IMAGO, ZUMA)
Für ihren Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed“ ausgezeichnet: US-Regisseurin Laura Poitras mit dem Goldenen Löwen. ZUMA

Gewinnerin ist die US-amerikanische Regisseurin Laura Poitras für „All the Beauty and the Bloodshed“. Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte der Fotografin Nan Goldin, ihr künstlerisches Werk und ihren Kampf gegen die Vermarktung des abhängig machenden Medikaments Oxycontin. Für „Citizenfour“, in dem sie Whistleblower Edward Snowden porträtierte, gewann Poitras im Jahr 2015 unter anderem den Oscar und den Deutschen Filmpreis.

Das Profil der Mostra war 2022 durchschnittlich, mittelmäßig, unauffällig und wenig aussagekräftig, findet SWR2 Filmkritiker Rüdiger Suchsland:

Schauspielpreise für Cate Blanchett und Colin Farrell

Die Auszeichnung als beste Schauspielerin erhielt Cate Blanchett für ihre Hauptrolle in Todd Fields Musikdrama „Tár“. Blanchett spielt Lydia Tár, die fiktive erste Dirigentin an der Spitze der Berliner Philharmoniker, die sich in der männlich dominierten Klassikwelt ihren Platz erstreiten musste und deren Leben durch Missbrauchsvorwürfe in Schieflage gerät.

Cate Blanchett mit der Coppa Volpi bei den Filmfestspiele Venedig 2022 (Foto: IMAGO, NurPhoto)
Cate Blanchett erhält den Preis als beste Schauspielerin für ihre Rolle als (fiktive) erste Chefdirigentin der Berliner Philharmoniker im Film „Tár“. NurPhoto

Der irische Schauspieler Colin Farrell wurde für seine Leistung in Martin McDonaghs schwarzer Komödie „The Banshees of Inisherin“ als bester Schauspieler ausgezeichnet. Er spielt den Iren Pádraic, der versucht, die Beziehung zu seinem besten Freund zu retten, nachdem dieser ihm ohne Vorwarnung die Freundschaft gekündigt hat.

Regie-Preis für Luca Guadagnino, Jury-Preis für Alice Diop

Der Silberne Löwe geht an Luca Guadagnino für den Kannibalen-Liebesfilm „Bones and All“. Der italienische Regisseur zeigt die Kannibalen sympathisch und voller Gewissensbisse, als liebenswerte Triebtäter. Die Französin Alice Diop kann sich über den Großen Preis der Jury freuen, den sie für „Saint Omer“ erhält. Das Drama zeigt die Auseinandersetzung einer jungen Frau mit einem Kindsmord-Prozess.

Regie-Preisträger Luca Guadagnino mit dem Silbernen Löwen bei der Preisverleihung in Venedig (Foto: IMAGO, Independent Photo Agency Int.)
Der Silberne Löwe für die beste Regie geht 2022 an den Italiener Luca Guadagnino für seinen Kannibalen-Liebesfilm „Bones and All“. Independent Photo Agency Int.

In diesem Jahr feierte das weltweit älteste Filmfestival seinen 90. Geburtstag: 1932 gegründet, sind die Filmfestspiele seither Teil der Biennale di Venezia. Als eines der wichtigsten internationalen Filmfestivals der Welt neben Cannes und Berlin eröffnet Venedig traditionell die Oscar-Saison.

Catherine Deneuve für ihr Lebenswerk geehrt

Eine Preisträgerin stand bereits zu Beginn des Festivals fest: Mit dem Preis für ihr Lebenswerk wird die französische Schauspielerin Catherine Deneuve ausgezeichnet. Für ihre Darstellungen geheimnisvoller, kühl erscheinender Schönheiten in Filmen von Regisseuren wie Roman Polański, Luis Buñuel oder François Truffaut bekam sie schon eine Vielzahl von Auszeichnungen.

Filmfestspiele Venedig: (Foto: IMAGO, indiv)
In „Belle de jour“ (1967) von Luis Buñuel verkörperte Deneuve eine bürgerliche Frau, die nachmittags als Prostituierte arbeitet. indiv

Die Halbzeitbilanz von SWR2 Filmkritiker Rüdiger Suchsland zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig fällt eher verhalten aus:

Die Nebenreihen in Venedig sind eine Chance, meint Rüdiger Suchsland:

Es sind nicht immer die großen Namen, auf die man bei den Filmfestspielen in Venedig stößt. In insgesamt drei Nebenreihen sind Filme von noch unbekannten Regisseurinnen und Regisseuren zu finden. „Seitdem sich die Filmfestspiele von Venedig mehr und mehr zur Startrampe für die Oscar-Saison entwickelt haben, sind die Filme aus dem globalen Süden etwas verschwunden. Insofern sind die Nebenreihen eine Chance, woanders hinzuschauen“, meint SWR2-Filmexperte Rüdiger Suchsland.

In SWR2 stellt er drei besondere Produktionen vor: Aus dem Iran den Film „World War III“ von Houman Seyedi, aus Chile „Blanquita“ von Fernando Guzzoni und „The Kiev Trial“ vom ukrainischen Regisseur Sergej Loznitsa.

Die Schauspielerinnen Vincenzo Amato, Luana Giuliani, Penelope Cruz  und Emanuele Crialese reisen per Boot zum 79th Film Festival von Venedig (Foto: picture-alliance / Reportdienste, newscom | Rocco Spazian)
Nach Vendig reisen die Filmstars mit dem Boot an: Vincenzo Amato, Luana Giuliani, Penelope Cruz und Emanuele Crialese newscom | Rocco Spazian

SWR2-Filmkritiker Rüdiger Suchsland mit Eindrücken aus Venedig:

Ein deutscher Film schafft es nur in eine Nebenreihe

Einziger deutscher Film in Venedig ist „Aus meiner Haut“ von Alexander Schaad, der in einer Nebenreihe läuft. Im Debütfilm des Regisseurs spielen unter anderem Jonas Dassler, Mala Emde und Edgar Selge.

Festivalleiter Alberto Barbera setzt mit dem Eröffnungsfilm „Weißes Rauschen“ ein Zeichen

Eröffnet werden die Filmfestspiele in diesem Jahr mit der Netflix-Produktion „Weißes Rauschen“ von Regisseur Noah Baumbach. Der Film, der auf einem Roman von Don DeLillo basiert, erzählt von einer Familie im Mittleren Westen, deren Alltag über den Haufen geworfen wird, als in ihrer Heimatstadt ein Chemieunfall passiert. In den Hauptrollen spielen Adam Driver und Greta Gerwig.

Keine Kino-Produktion, sondern ein Streaminganbieter eröffnet also das älteste Filmfestival der Welt. Schon vor sieben Jahren hatte das Festival für Furore gesorgt, als es als erstes großes Event seiner Art eine Netflix-Produktion ins Programm nahm.

Filmfestspiele Venedig: Noah Baumbach (Foto: IMAGO, IMAGO/Independent Photo Agency Int.)
Schon 2019 setzte Noah Baumbach auf die Zusammenarbeit mit Adam Driver: Im mehrfach ausgezeichneten Familiendrama „Marirage Story“ spielte er die Hauptrolle. IMAGO/Independent Photo Agency Int.

Vier Netflix-Filme im Wettbewerb

Mit „Roma“ erhielt nur drei Jahre später die erste Streaming-Produktion den Goldenen Löwen. Aus der Branche hagelte es immer wieder Kritik für den Einbezug von Streaminggrößen, doch in Venedig lässt man sich nicht beirren. Während in Cannes Netflix & Co. noch ausgeschlossen bleiben und keinen guten Ruf genießen, ermöglichte Barbera im vergangenen Jahr später vielfach ausgezeichneten Filmen wie „The Power of the Dog“ eine Premiere in Venedig.

Netflix kann in diesem Jahr gleich vier Filme im Wettbewerb des Festivals in Venedig platzieren. Sowohl Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Biopic „Blonde“ als auch Alejandro Iñárritus Komödie „Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten“ sind im Wettbewerb und gelten ebenso als Kandidaten im Oscarrennen. Auch Amazon ist mit zwei Spielfilmen vertreten.

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SWR