Neues Deutsches Fernsehen beim Filmfest München Das Politische im Privaten

Kulturthema am 3.7.2018 von Karsten Umlauf

Wenn es nach Markus Söder geht, dann soll das Münchener Filmfest künftig innovativer, glamouröser und vor allem größer werden. Berlinale-Ausmaße, mindestens! Jetzt schon konkurrenzlos ist die Menge an deutschen Fernsehproduktionen, die dort vor ihrer Ausstrahlung zu sehen sind. „Neues Deutsches Fernsehen“ heißt die Sektion, in deren Rahmen auch der Bernd Burgemeister Fernsehpreis verliehen wird. Gewonnen hat 2018 eine Art Heimatfilm: "Rufmord" von Viviane Andereggen.

Angst vor Unangepasstheit

Der Film „Rufmord“ von Viviane Andereggen erzählt von verhärteten Dorfstrukturen, von der Angst der angeblich heilen Welt, man könnte auch sagen: Der Angst der Einheimischen vor dem Neuen, Unangepassten.

Das ist nicht frei von Klischees, lebt aber immer wieder vom großartigen Spiel von Hauptdarstellerin Rosalie Thomass. Vor allem ist es eine Spurensuche im Machtgefälle der Geschlechter, ein Film von Frauen über Frauen. Und das ist im Jahr der Metoo-Debatte auch gut so.

Nacktbilder auf der Schul-Homepage

Moderner Sachunterricht im Wald: Elektronische Gerätschaften werden nicht verteufelt, die Ansprache ist direkt und zugewandt. Die junge Lehrerin Luisa ist beliebt bei ihren Viertklässlern. Nur ihr Outfit will nicht so recht ins Tannengrün passen: Minirock, himbeerglänzende Bomberjacke, Lippenstift. Weil sie dem Jungen eines reichen Bauunternehmers keine Gymnasialempfehlung geben möchte, gerät sie in der Dorf- und Schulgemeinschaft unter Druck. Plötzlich finden sich Nacktbilder auf der Schul-Homepage.

Dicke Bretter bohren

Der Film „Unser Kind“ war auch nominiert für den Produzentenpreis. Was passiert, wenn ein lesbisches Paar per Samenspende ein Kind bekommt und dann die leibliche Mutter stirbt? Auch das Adoptionsrecht ist ein dickes Brett, geprägt von traditionellen Vorstellungen. Der Film ein wichtiger Beitrag für die weitere gesellschaftliche Debatte.

Ausblick auf kommende TV-Highlights

Die Sektion „Neues deutsches Fernsehen“ in München bietet immer wieder einen guten Überblick über das Fernsehschaffen und -denken der kommenden Monate.

Ulrich Tukur in "Der Mordanschlag" (Foto: Filmfest München - Filmfest München)
Berlin zu Beginn der Neunzigerjahre: Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur) macht sich viele Feinde mit seiner Aufgabe, die Staatsbetriebe der untergegangenen DDR in die Privatwirtschaft zu überführen. "Der Mordanschlag", Regie Miguel Filmfest München - Filmfest München

Neben den klassischen Themenfilmen gibt es auch Krimis, auch historische Stoffe wie den Zweiteiler „Der Mordanschlag“ mit Ulrich Tukur als einem fiktiven Treuhandchef im Jahr 1990, zwischen blühenden Landschaften und real abgewickeltem Sozialismus.

Das Politische im Privaten

Häufiger und in vielen Fällen triftiger spiegelt sich das Politische aber im Fernsehfilm 2018 im Privaten. Das ist filmästhetisch weniger aufregend, aber zumindest gut erzählt, wenn sich beispielsweise ein Witwer auf die Suche nach seiner Tochter begibt, die in Syrien als Fluchthelferin verschwindet.

Lebenslüge über mehrere Generationen

Oder wenn in Erbstreitigkeiten die Lebenslügen mehrerer Generationen hervorbrechen wie im SWR-Film „Die Auferstehung“. Dass man der ganzen Debatte über das Eigene und das Fremde, die ja zur Zeit im bajuwarischen Geist zu kulminieren scheint, auch mit beißendem Humor begegnen kann, zeigen gerade und glücklicherweise einige bayerische Filme.

Fiktive Hommage

Dabei ist vielleicht keiner so durchtrieben wie „Der große Rudolph“, eine fiktive Hommage an Modemacher Rudolph Moshammer und an seine Fähigkeit, nicht nur seinen Oberlippenbart, sondern Traditionalismus, Gefallsucht und Geldgeilheit in schönen Worten zusammenzuzwirbeln. Auch das funktioniert eben nirgends so gut wie in München.

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