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Filmdoku „Speer goes Hollywood“ startet – Wie Albert Speer beim Abendbrot den Völkermord kleinredete

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Um ein Haar hätten Carol Reed, Regisseur des „Dritten Mann“, und Autorenfilm-Gigant Stanley Kubrick die Memoiren von „Hitlers Architekten“ Albert Speer Anfang der 1970er Jahre in einen Hollywood-Spielfilm verwandelt. In den dafür geführten stundenlangen Tonbandprotokollen zeigt sich die ambivalente, medienbewusste und schlau taktierende Persönlichkeit Albert Speers. Sie bilden die Grundlage zu einem fesselnden Dokumentarfilm.

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Ein ambivalentes Bild Speers

Um 6 Uhr dreißig gibt es Sherry. Ab und zu ruft Frau Speer zum Essen. Dazwischen geht es um die Vergeltungswaffe V2, um Buchenwald, den Krieg und die Deutschen. Und natürlich um Hitler. Albert Speer erzählt. Und er erzählt gern; im weichen Kurpfälzer-Dialekt, immer auskunftsfreudig und sehr sehr medienbewusst.

Eine Malerei solle der Film sein, keine Fotografie, sagt er. Möglichst weit entfernt vom Dokumentarfilm. Wenn den Machern ein Van-Gogh Portrait gelänge, komme man der Wahrheit näher mit einer Fotografie. Van Gogh - darunter ging es nicht für Albert Speer.

Was man hier sieht, ist so erstaunlich wie faszinierend. Das Bild Albert Speers in der Geschichte ist für jeden, der sich mit der schillernden Figur von „Hitlers Architekten“ und seit 1942 Reichsrüstungsminister im Zweiten Weltkrieg beschäftigt, ein ambivalentes.

Stundenlange Gespräche mit Speer als Grundlage

Nach seiner Entlassung aus dem alliierten Gefängnis in Berlin-Spandau nach 20 Jahren Haft als in Nürnberg verurteilter Haupt-Kriegsverbrecher, wurde Albert Speer schnell zum Star. Speers kurz darauf veröffentlichte Memoiren wurden auch ein internationaler Bestseller – hier schien ein geläuterter Nazi zu sprechen, ehrlich und schuldbewusst eigenes Versagen anzusprechen, mit sich zu hadern, ein schlechtes Gewissen zu haben.

Zugleich war Albert Speer für die Öffentlichkeit immer der „Gentleman-Nazi“: Kein brutaler Schlächter mit blutigen Wurstfingern, sondern ein Schöngeist, allenfalls ein verführter Schreibtischtäter und Opportunist, aber doch kein Bösewicht.

Drehbuchautor Andrew Birkin verbrachte ein halbes Jahr als Gast in Speers Heidelberger Villa, und führte stundenlange Gespräche mit dem willigen Erzähler. Die Tonbände dieser Gespräche bilden die Grundlage zu diesem fesselnden Dokumentarfilm der belgisch-israelischen Filmemacherin Vanessa Lapa.

Ein fesselndes Real-Drama

Er fesselt nicht nur, weil hier Alltag und Abgrund, Abendbrot und Völkermord ähnlich vermischt nebeneinanderstehen, wie bereits im Dritten Reich selbst, und nicht nur weil Speer in diesen Gesprächen mitunter überraschend offen ist, auch über Ängste und über Taktiken redet - aus welchen Gründen auch immer.

Sondern weil er auch da, wo er nicht reden will, viel sagt. Weil seine Ausreden und Ausflüchte etwas verraten. Lapas Montage-Film spiegelt Speers Aussagen der Gespräche mit Ausschnitten aus dem Nürnberger Prozess. Ansonsten liegt ein besonderer Reiz dieses Real-Dramas über Geschichte, Schuld-und-Sühne, und beider ästhetische Verwertung in ausgezeichnetem, zum Teil selten zu sehenden Bildern. Es lohnt sich, sich noch einmal auf Albert Speer einzulassen.

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