Film „Eine moralische Entscheidung“- starkes iranisches Kino von Vahid Jalivand

Von Julia Haungs

In der vitalen Filmszene des Iran ist Vahid Jalivand eine der großen Zukunftshoffnungen. Beim Filmfestival von Venedig 2017 gewann er mit seinem zweiten Spielfilm „Eine moralische Entscheidung“ den Preis für die beste Regie. Das Drama um die Schuld und Verantwortung eines Arztes entfaltet eine Tiefe, die unter die Haut geht.

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Eine Genauigkeit, die ins Verhängnis führt

Dr. Nariman nimmt es sehr genau. Obduktionsberichte, die nicht hundert Prozent exakt sind, unterschreibt der Gerichtsmediziner grundsätzlich nicht. Auch wenn ihm das den Unmut seiner Krankenhauskollegen einbringt.

Diese Übergenauigkeit setzt in „Eine moralische Entscheidung“ eine verhängnisvolle Dynamik in Gang, in der es am Ende für mehrere Menschen um Leben oder Tod geht.

xxxUnfall mit tödlichem Ausgang

Bei einem Ausweichmanöver auf der nächtlichen Straße rammt der Arzt aus Versehen eine vierköpfige Familie auf einem Roller. Zunächst sieht es so aus, als seien sie mit dem Schrecken und einem Blechschaden davongekommen. Nur der achtjährige Sohn Amir klagt über Kopfschmerzen.

Nariman ruft die Polizei nicht. Stattdessen zahlt er Amirs Vater eine großzügige Entschädigung und empfiehlt ihm dringend, ins nächste Krankenhaus zu fahren. Der Vater nimmt zwar das Geld, fährt aber an der Klinik vorbei. Am nächsten Morgen ist der Sohn tot.

Fleischvergiftung oder Unfall?

Überraschenderweise deuten bei der Obduktion alle Anzeichen auf eine Fleischvergiftung hin. Trotzdem kann Nariman nicht glauben, dass der Tod des Jungen nichts mit dem Unfall zu tun hatte. Getrieben von Schuldgefühlen, recherchiert er auf eigene Faust und versucht, fast schon obsessiv zu beweisen, dass er selbst Amir auf dem Gewissen hat.

Umverteilung der Schuld

Die Familie des Jungen ahnt davon zunächst nichts. Hier wird die Schuld derweil ganz anders verteilt. Denn die tödliche Vergiftung kommt von dem Gammelfleisch, das der Vater einige Zeit zuvor für die arme Familie gekauft hat.

Vahid Jalilvand (Foto: Farbfilm Verleih - Noori Pictures)
Regisseur Vahid Jalilvand Farbfilm Verleih - Noori Pictures

Verantwortung für das, was sich nicht rückgängig machen lässt

Der Tod des Jungen ist der Ausgangspunkt für zwei Lebensdramen, die, von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, immer größere Kreise ziehen.

Sowohl für den Arzt als auch für den Vater geht es um den Umgang mit der Schuld und die Frage, wie man für etwas Verantwortung übernehmen kann, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

Navid Mohammadzadeh zählt zu den aufstrebenden Stars in der Iranischen Filmszene (Foto: Farbfilm Verleih - Noori Pictures)
Moosa (Navid Mohammadzadeh) Farbfilm Verleih - Noori Pictures

Starke Bilder der Leere und der Stille

Im kalten Neonlicht der langen Krankenhausflure findet Regisseur und Drehbuchautor Vahid Jalilvand starke Bilder der Leere und der Stille. Seinem Film hat er so weit die Farbe entzogen, dass er fast schwarz-weiß wirkt.

Dabei zieht die ruhige, distanziert erzählte Geschichte ihre Stärke gerade daraus, dass sie die moralischen Grauzonen persönlicher Entscheidungen auslotet: es ist eben nichts schwarz-weiß, richtig oder falsch.

Keine politische Kritik, sondern ein universeller Stoff

So sehr sich die Männer nach ihren kapitalen Fehlern auch bemühen, das Richtige zu tun, sie verstricken sich nur noch tiefer in Schuld. Zum Beispiel, als Amirs Vater den Verkäufer des schlechten Fleischs zur Rechenschaft ziehen will.

Im Gegensatz zu vielen anderen iranischen Filmen der letzten Zeit beschäftigt sich „Eine moralische Entscheidung“ nicht mit Politik. Man lernt zwar einiges über die Klassenunterschiede im Iran, aber die Geschichte ist universell.

Charakterdrama mit emotionaler Tiefe

Getragen von zwei starken Hauptdarstellern entfaltet dieses Charakterdrama eine emotionale Tiefe, die unter die Haut geht. Auch wenn bis zum Schluss unklar bleibt, warum sich der Arzt in seine masochistische Schuldvorstellung hineinsteigert.

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