Filmkritik Neuer Lars von Trier-Film: The House That Jack Built

Von Rüdiger Suchsland

Lars von Trier, das enfant terrible des Weltkinos, ist zurück. Der Filmtitel "The House That Jack Built" klingt harmlos, aber es geht um einen sadistischen Serienkiller. Zur Seite stehen dem Dänen große Schauspieler: Uma Thurman, Bruno Ganz und in der Titelrolle der wandlungsreiche Matt Dillon.

Evolution der Gewalt

Im Autoradio spielt Glenn Gould Bach. Am Straßenrand steht eine Frau, sie hat eine Autopanne. Jack hält an, nimmt die Frau mit, und bald danach kommt es zu einem Mord aus Zufall. Dann wird alles immer brutaler. Jack ist sehr böse. Aber er ist auch ein Logiker und Kontrollfreak. Und er fühlt sich als Künstler. Lars von Trier zeigt eine Evolution und Eskalation der Gewalt.

Die "persona non grata" ist zurück

Mehr abgestumpft und gelangweilt als schockiert reagierte die deutsche und internationale Filmkritik im Frühjahr auf die Rückkehr von Lars von Trier nach Cannes. Hier war er vor sieben Jahre von der Leitung der Filmfestspiele zur "persona non grata" erklärt worden.

Dabei hat sein neuer Film eine intelligentere Auseinandersetzung verdient. "The House, That Jack Built" ist nämlich alles andere als trivial. Es handelt sich sogar um einen der interessantesten Filme dieses Regisseurs.

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Lustiger Film über einen Serienmörder

"The House, That Jack Built" ist ein lustiger Film, ein Film, in dem man mehr lachen kann, als in den meisten in getragenem Ernst daher schreitenden Autorenfilmen. Diese Feststellung mag von manchen als polemisch empfunden werden, schließlich kreist die Handlung nahezu ausschließlich um einen sadistischen Serienmörder.

Morbider schwarzer Humor

Schon lange aber ist Lars von Trier noch vor David Lynch der witzigste unter jenen zeitgenössischen Filmemachern, die keine Komödien drehen. Von Triers Humor ist schwarz, grob und extrem, morbid.

Der dänische Regisseur Lars von Trier versucht mit "The house that Jack built" moralische, ethische und ästhetische Wertvorstellungen ad absurdum zu führen und entführt den Zuschauer in ein Labyrinth (Foto: Concorde Filmverleih -)
Der dänische Regisseur Lars von Trier Concorde Filmverleih -

Er verspottet alles, was heilig ist, besonders die heilige bürgerliche Familie. Auch hier ist diese Haltung überall präsent, die Variationen des Grauens sind auch welche des Lachens.

Morden in fünf Kapiteln

In fünf klar umrissenen Kapiteln sehen wir dem Titelhelden Jack, einem gescheiterten Architekten, beim Morden von Frauen zu. Uma Thurman und Bruno Ganz sind in wichtigen Nebenrollen zu sehen. Jede dieser Situationen ist anders, besonders, jede erlaubt Jack und uns Einblick darin, was er ist und was er tut.

Jede beruht mehr oder weniger klar auf einem bestimmten Genre des Kinos. Vom Film Noir der 40er Jahre mit seinen Liebesgeschichten und der besonderen Bedeutung der Autos, über das Melodrama der 50er mit den in ihm eingekapselten unerbittlichen Burlesken.

Immer wieder trifft er sich mit dem mysteriösen Verge (Bruno Ganz), dem er seine Gedanken und Probleme mitteilt und sich für seine Taten zu rechtfertigen versucht. (Foto: Concorde Filmverleih -)
Verge (Bruno Ganz) und Jack (Matt Dillon) Concorde Filmverleih -

Vom bürgerlichen Horror eines Hitchcock geht es zum postmodernen, die Körper dekonstruierenden, sadistischen Horror der 80er Jahre, zum "Torture-Porn". Jede Situation hat ihre eigenen Gesetze, ihren eigenen bizarren Humor.

Finale Katharsis

Schämen wir uns für unser Lachen, oder geben wir es zu? Man kann sich mit Verweis auf die Meisterschaft des Filmemachens aus der Affäre ziehen. Aber was steckt hinter alldem? Gegen Ende wechselt der Charakter des Films.

Auf die fünf Stadien folgt zunächst die Katharsis: Jack, der Architekt, hat sein Haus gebaut, enthüllt sein Kunstwerk. Und im Finale folgt die Höllenfahrt.

Kunst als Mord betrachtet

Bruno Ganz tritt auf, er heißt Verge, und das soll uns selbstverständlich auch an Vergil erinnern, in Dantes "Göttlicher Komödie" der Führer durch die Unterwelt. Dies ist auch, nicht zuletzt Lars von Triers "Inferno" und ein retrospektives autobiographisches Bekenntnis. Die Kunst als Mord betrachtet.

Mit seinen Morden verfolgt Jack einen düsteren Plan. In einem selbstgebauten Haus möchte er alle seine Opfer kunstvoll inszenieren und sich und seinem Schaffen ein Denkmal setzen. (Foto: Concorde Filmverleih -)
Mit seinen Morden verfolgt Jack einen düsteren Plan. In einem selbstgebauten Haus möchte er alle seine Opfer kunstvoll inszenieren und sich und seinem Schaffen ein Denkmal setzen. Concorde Filmverleih -

Das ist alles natürlich alles andere als nur humorvoll gemeint. Es ist Selbstkritik eines Künstlers, und die Kritik am Publikum, das in Gewalt vernarrt ist, vorausgesetzt, es kommt im richtigen Design daher. Es ist Zivilisationskritik. 

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