Horrorthriller Remake "Suspiria" von Luca Guadagnino Von Hexen und Nazis

Von Rüdiger Suchsland

Der italienische Regisseur Luca Guadagnino macht in der Regel sehr unitalienisches Kino mit Filmen wie "A Bigger Splash" und "Call Me By Your Name". Mit "Suspiria" hat er sich in das Horrorfilm-Genre vorgearbeitet und versucht ein sehr freies Remake des Horrorfilms von Dario Argento aus dem Jahr 1977.

Die Aufhebung der Unterscheidung von Kopie und Original

Es ist Herbst in Deutschland, im geteilten Berlin des Jahres 1977. Es sind die intensivsten, erregendsten Tage dieser Dekade, denn gerade eskaliert in den Nachrichten die Schleyer-Entführung mit dem Highjacking der Landshut-Maschine.

"Should I Stay Or Should I Go?"

Patricia, gespielt von Chloe Gael Moretz, betritt die Praxis eines Psychoanalytikers, summt "Should I Stay Or Should I Go?" und berichtet von Hexen.

Der Doktor notiert: "Simulacrum". Also: "Täuschung". Oder: "Eine Lüge, die eine Wahrheit ist". Oder: "Die Aufhebung der Unterscheidung von Kopie und Original". Das darf man durchaus auch auf diesen Film selbst beziehen.

Neuinterpretation statt Remake

Regie führte der Italiener Luca Guadagnino, der in der Regel ein sehr unitalienisches Kino macht. Zuvor hat er die Filme "A Bigger Splash" und "Call Me By Your Name" gedreht.

"Suspiria" ist nun das Remake des Horrorfilms von Guadagninos Landsmann Dario Argento, obwohl man den Film nicht "Remake" nennen möchte, sondern "Neuinterpretation".

Regisseur Luca Guadagnino war schon als Jugendlicher von Dario Argentos Klassiker angetan und beschloss früh, selbst ein Remake machen zu wollen. Hauptdarstellerin Tilda Swinton sagt dazu: „Lucas Impu (Foto: capelight - Amazon Studios)
Regisseur Luca Guadagnino war schon als Jugendlicher von Dario Argentos Horror-Klassiker begeistert und beschloss früh, ein Remake zu machen. capelight - Amazon Studios

Matriarchat im Ballettsaal

Im Folgenden geht es in Form eines prachtvollen, wohldesignten Bilderteppichs und in leuchtendem tiefen Argento-Rot, um eine weltberühmte Tanz-Compagnie, die von einer Gruppe älterer Frauen im Matriarchat regiert wird.

Suzie, eine junge Amerikanerin, bewirbt sich und entpuppt sich als geniale Tänzerin. Doch bald häufen sich die Merkwürdigkeiten und manches scheint darauf hinzudeuten, dass es bei dem Frauen-Bund übernatürlich zugeht. Hexen möglicherweise?

Kinostart 15.11. Suspiria von Luca Guadagnino

Susie macht in Berlin schnell erhebliche Fortschritte. (Foto: capelight - Amazon Studios)
Die amerikanische Tänzerin Susie Bannion (Dakota Johnson) kommt hoffnungsvoll nach Berlin, um beim renommierten Markos Tanzensemble eine Ausbildung zu absolvieren. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Die Aufnahmeprüfung meistert das junge Talent mit Bravour. Sie wird an der namhaften Tanzschule angenommen. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Die künstlerische Leitung des Ensembles, Madame Blanc (Tilda Swinton) gilt als Revolutionärin. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Doch in der Tanzschulte gehen seltsame Dinge vor sich. Susies Freundin Sara (Mia Goth) ist nicht die einzige, die mysteriöse Dinge wahrnimmt. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Außerdem ist die Tänzerin Patricia (Chloe Grace Moretz) vor kurzem spurlos verschwunden. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Vor allem dem Therapeuten von Patricia, Dr. Jozef Klemperer (Lutz Ebersdorf), ist viel daran gelegen, das mysteriöse Verschwinden seine Patientin aufzuklären. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Klemperer kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Hinter der renommierten Tanzschule verbergen sich in Wahrheit grausame Hexen. capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Luca Guadagnino war schon als Jugendlicher von Dario Argentos Klassiker angetan und beschloss früh, ein Remake machen zu wollen. Hauptdarstellerin Tilda Swinton sagt dazu: „Lucas Impuls, diesen Film zu machen, entstammt seiner tiefen Zuneigung zu Argentos unvergleichlichem Klassiker." capelight - Amazon Studios Bild in Detailansicht öffnen

Der Tanzraum als Ort der Vernichtung

Suzie soll improvisieren. Ein Spiegelraum wird zum Ort der Vernichtung. "Klaus Croissant" steht in der Zeitung. Der "Spiegel" titelt: "Terror". Verweise streifen Ereignisse: 1937, 1943 und 1977.

Es wird im Dialog erwähnt, dass der entführte Hanns-Martin Schleyer SS-Mitglied war und Filmfiguren empören sich darüber, dass ein SS-Mann auch 32 Jahre nach Hitlers Selbstmord als Chef des deutschen Industriellen-Verbandes tätig sein konnte.

Horror als Spiegel von Tatsachen

"Suspiria" ist ein Horrorthriller, bei dem Dämonisches und Unheimliches immer ein Spiegel von Tatsachen ist. Ob die Massenmorde der Nazi-Zeit, ob RAF-Terror und gesellschaftliche Paranoia, ob das kollektive Unbewusste der westlichen Gesellschaften, ob die Psychoanalyse des Mütterlichen, auf allen Ebenen kommt das Verdrängte zurück und entfaltet seinen Schrecken.

Klemperer kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Hinter der renommierten Tanzschule verbergen sich in Wahrheit grausame Hexen. (Foto: capelight - Amazon Studios)
Madame Blanc (Tilda Swinton) capelight - Amazon Studios

Hexenartiger Frauen-Bund

Der hexenartige Frauen-Bund ist für den Regisseur vor allem eine Folie, auf der er sehr schlau von fehlgeleiteten Gruppendynamiken erzählt und von kollektivem Wahn.

Frauen, Mütter, Hexen: diese Hexen sind doppelt und dreifach konnotiert. Sie stehen für die bundesrepublikanische Moderne, für den "Kapitalistischen Realismus", wie er sich in den Werken Gerhard Richters und Sigmar Polkes zeigt.

Außerdem ist die Tänzerin Patricia (Chloe Grace Moretz) vor kurzem spurlos verschwunden. (Foto: capelight - Amazon Studios)
Die Tänzerin Patricia (Chloe Grace Moretz) verschwindet spurlos aus der Tanzschule. capelight - Amazon Studios

Ikonen der Filmgeschichte

Wenn Ingrid Caven, Angela Winkler, Renée Soutendijk und Tilda Swinton hier als Hexen auftreten, dann nicht nur, weil wir diese Darstellerinnen sehr gerne sehen. Sondern weil sie wie Ikonen und wandelnde Zitate für bestimmte Filme von Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Paul Verhoeven und Christoph Schlingensief stehen.

Frauenmacht steht hier gegen Männermacht, Hexen gegen Nazis - in einem ganz prinzipiellen Sinn. Hexenmacht wird zu einem Akt des Widerstandes, auch des symbolischen, gegen das Überleben der Nazi-Macht in Gestalt westdeutscher Wirtschafts- und Beamteneliten.

Feministische Hexen

Das was in der Tanzschule geschieht, ist ein Spiegel der äußeren Verhältnisse, nicht umgekehrt. So wie die Mutter laut einer Inschrift, die im Film früh zu sehen ist, den Platz aller anderen einnehmen kann, aber selbst unersetzlich und unaustauschbar ist. Ein Simulacrum.

Diese Hexen sind vor allem Feministinnen. Es geht um das Recht von Frauen, genau das Gleiche tun zu können, wie Männer. Sie dürfen frei sein, sie dürfen töten, sie dürfen lieben.

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