Der Streit um die FSK: Altersfreigaben für Filme Ab wann würden Sie einen Film freigeben?

Am 7.3.2018 von Sabine Mahr

Ab welchem Alter würden Sie einen Film freigeben? Ist ein Woody-Allen-Film für ein Kindergartenkind geeignet? Harry Potter für einen Sechsjährigen? Die Prüfstelle der Freiwilligen Selbstkontrolle, FSK, legt seit 1949 Altersgrenzen fest. Wie kommt sie zu ihren Beurteilungen?

Altersfreigaben wirken oft fragwürdig

Ab wann ist ein Film für Kinder und Jugendliche freigegeben? Immer wieder sorgen Entscheidungen der FSK für Diskussionen. Oft wirken Altersfreigaben nicht nachvollziehbar. Diskussionen gab es bereits in den 50er Jahren.

Mädchen schauen einen Actionfilm im Fernsehen. (Foto: Imago, Imago - Foto: Tomas Imo/phototek)
Mädchen schauen einen Actionfilm im Fernsehen. Imago Imago - Foto: Tomas Imo/phototek

Hildegard Knef in "Die Sünderin": Der erste FSK-Skandal

Das Liebesdrama „Die Sünderin“ löst 1951 nicht nur den ersten handfesten Kinoskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte aus, sondern hievt auch die frisch gegründete Freiwillige Selbstkontrolle zum ersten Mal ins mediale Rampenlicht.

In dem Film spielt Hildegard Knef die Prostituierte Marina, die aus Liebe einem kranken Maler eine Operation finanziert, ihm schließlich aber Sterbehilfe leistet und dann Selbstmord begeht.

Hildegard Knef und Robert Meyn in dem Spielfilm "Die Sünderin" von 1951. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Keystone)
Hildegard Knef und Robert Meyn in dem Spielfilm "Die Sünderin" von 1951. picture-alliance / dpa - Foto: Keystone

Knef als Aktmodell

Die Prüfkommission der FSK in Wiesbaden verbietet den Film zunächst, weil Hildegard Knef sekundenlang barbusig und als halbnacktes Aktmodell im Garten zu sehen ist. Aber auch, weil Prostitution und Selbsttötung als „selbstverständliche“ Auswege aus einer Misere dargestellt seien.

Nach heftigem Protest von Regisseur Willi Forst kommt es zur Revision: ein neu besetztes FSK-Gremium gibt den Film frei. Das löst starke Proteste unter den überstimmten Kirchenvertretern und der Bevölkerung generell aus, Proteste, die die Kinowerbung clever für sich nutzt.

FSK-Prüfkommission: Von Filmwirtschaft unabhängig

Trotz des Erfolgs an der Kinokasse: Die Kirchen erwirkten eine neue Zusammensetzung, die bis heute gilt und die FSK noch unabhängiger macht: Drei von fünf Mitgliedern des Prüfgremiums entsendet die öffentliche Hand, nur zwei kommen aus der Filmwirtschaft. Die einfache Mehrheit reicht, um einem Kinofilm oder Trailer die Altersangaben „ab 0, 6, 12, 16 oder 18 Jahren“ zu verleihen.

Birgit Goehlnich von der FSK über kritische Filme:

Kirchen und Bundesjugendring beteiligt

Birgit Goehlnich, FSK: "Wir arbeiten in pluralen Gremien, wo Kirchen beteiligt sind, der Bundesjugendring, Zentralrat der Juden. Alle 16 Länder entsenden Frauen und Männer unterschiedlicher Berufe in die Freiwillige Selbstkontrolle. Im Prüfgremium diskutiert dann diese Gruppe die Wirkung des Films."

Die FSK ist eine Art Jugendschutzschleuse. Drei Filme pro Tag sichtet das Gremium und diskutiert dann bis zu einer halben Stunde: nicht über Qualität oder pädagogische Eignung, sondern über die Wirkung der Gewalt-, Drogen- oder Sexdarstellung des Films auf Kinder und Jugendliche. Wie stark werden sie verängstigt, verstört, verwirrt? Verstärkend können etwa Soundeffekte und rasante Schnittfolgen wirken, mildernd eine klare Zuordnung zu einem Genre.

Figuren nicht von dieser Welt

Birgit Goehlnich: "Je realistischer eine Gewaltinszenierung ist, je näher sie am Mensch dran ist, desto stärker ist auch die emotionale Wucht, mit der diese Gewaltdarstellung Kinder trifft. Action-orientierte Gewalt wie in Superhelden-Filmen hat in der Inszenierung ganz deutliche Distanzierungsangebote. Zum Beispiel im Science Fiction: Sie haben dort Figuren, die sozusagen nicht von unserer Welt sind."

Nora Tschirner als Anna mit dem "Keinohrhasen" aus dem gleichnamigen Film von Til Schweiger. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Warner Bros)
Nora Tschirner als Anna mit dem "Keinohrhasen" aus dem gleichnamigen Film von Til Schweiger. Sechs Wochen nach dem Kinostart wurde die Altersfreigabe von sechs auf zwölf Jahre angehoben. picture-alliance / dpa - Foto: Warner Bros

"Keinohrhasen" von Til Schweiger auf FSK12 heraufgestuft

3.000 Euro kostet die Produktionsfirmen die freiwillige Prüfung eines Langfilms. Bei Protest an der Einstufung oder öffentlichen Kritik ist ein Berufungsverfahren möglich. Der erste „Harry Potter“-Film wurde von 12 auf 6 herabgestuft, die Til Schweiger-Komödie „Keinohrhasen“ heraufgestuft.

Birgit Goehlnich: „Keinohrhasen wurde im Ausschuss freigegeben ab sechs Jahren und hat zwei oder drei Szenen, in denen sexualisierte Kontexte dargestellt sind. Da wird von dem Begriff, Zitat, „Blasen“ gesprochen, und das hat die Gesellschaft nicht akzeptiert. Der Film wurde dann hochgestuft auf eine Freigabe ab 12 Jahren.

Neuprüfungen der FSK sind möglich

Die gesellschaftliche Akzeptanz wandelt sich jedoch, daher lässt die FSK auch Neuprüfungen zu. Seit den 1990ern trägt der Film „Die Sünderin“ deshalb das grüne Jugendschutz-Siegel „ab 12 Jahren“ auf dem Cover.

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